Das Virus des Rassismus

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Das Virus des Rassismus

Von Ignaz Staub, 22.03.2021

In Zeiten von Covid-19, von Donald Trump als «China Virus» bezeichnet, häufen sich rassistische Übergriffe auf Amerikanerinnen und Amerikaner asiatischer Herkunft.

Dass Hassrede und Lügenpropaganda in Untaten und Verbrechen umschlagen können, ist nicht neu. Ein Beispiel dafür war am 6. Januar der Sturm von Protestierenden auf das Kapitol in Washington DC, um den angeblichen Betrug bei den Präsidentenwahlen zwei Monate zuvor zurechtzurücken. Jüngstes Beispiel dafür sind wohl die Morde, die ein 21-jähriger Weisser in Georgias Hauptstadt Atlanta und Umgebung an acht Menschen im Alter von 33 bis zu 74 Jahren verübt hat, unter ihnen sechs Frauen asiatischer Herkunft.

Zwar teilte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde mit, der festgenommene Verdächtige habe ausgesagt, er habe nicht aus rassistischen Motiven, sondern aus Sexsucht gehandelt. Robert Aaron Long tötete seine Opfer in Massagesalons, die in den USA gemeinhin als Anbieter von käuflichem Sex gelten, oft aber einfach nur Massagen offerieren. Die Mordwaffe, eine 9mm-Pistole, hatte Long eine Stunde vor den Morden ohne Probleme in einem lokalen Waffenladen gekauft, nach einem kurzen Identitätscheck, der mutmasslich weniger als 100 Sekunden dauerte.

Die Medien nahmen die Mitteilung aus dem Büro des Sheriffs vorschnell auf, ohne sie näher zu hinterfragen. Wobei im Nachgang zu Massakern widersprüchliche Informationen keine Seltenheit sind. Allerdings hätte die Medienschaffenden die Aussage des Sprechers misstrauisch stimmen müssen, wonach der Verdächtige die Massagesalons als Versuchung eingestuft habe, die es zu eliminieren galt: «Es war gestern ein wirklich schlechter Tag für ihn, und das (die Versuchung eliminieren) tat er.» Ein Leitartikel der «Washington Post» stellte umgehend die Frage, ob die Nation in Sachen Schusswaffengewalt so nonchalant geworden sei, dass sie den Mord an acht Menschen so einstufe, als habe jemand schlicht «einen schlechten Tag» gehabt.

Verängstigte asiatisch-stämmige Amerikanerinnen und Amerikaner sehen das anders. Sie erinnern daran, dass die Gruppe AAPI Hate von März 2020 bis Februar 2021 an die 3800 Zwischenfälle dokumentiert hat, bei denen es zu rassistischen Übergriffen gegen Landsleute gekommen ist, die ursprünglich aus Asien und von den Inseln im Pazifik stammen. 69 Prozent dieser Aggressionen richteten sich gegen Frauen. In New York zum Beispiel ist die Zahl solcher Hassverbrechen von drei Fällen 2019 auf 27 Fälle 2020 gestiegen. Und erst Ende Januar ist in San Francisco ein 84-Jähriger thailändischer Herkunft während eines Spaziergangs getötet worden.  

Vertreter von Amerikanerinnen und Amerikanern asiatischer Abstammung halten es für keinen Zufall, dass die Gewalt gegenüber ihren Landsleuten seit Ausbruch der Corona-Pandemie spürbar zugenommen hat. Ex-Präsident Donald Trump sprach von Covid-19 wiederholt als vom «China Virus» oder von der «Kung Flu», abschätzige Äusserungen, die seine treue Anhängerschaft in den sozialen Medien begierig aufgenommen und weiterverbreitet hat. Nach den Morden in Atlanta verlinkte die Instant Messaging App Telegram auf eine Umfrage, die von den Leuten wissen wollte, ob die jüngsten Attacken auf Menschen asiatischer Herkunft sie entsetzten. 84 Prozent der Befragten antworteten, die Gewalt sei «gerechte Vergeltung für Covid».

Die demokratische Kongressabgeordnete Judy Chu aus Kalifornien erinnerte über Twitter daran, dass «beleidigende Worte und Rhetorik im Alltag Folgen haben können». Dagegen stellte ein Kommentator auf Fox News in Abrede, die Morde in Atlanta könnten einen rassistischen Hintergrund haben. Das sähen, sagte er, nur Liberale und jene Leute so, die Donald Trump und den Republikanern schaden wollten.

Das Massaker in Atlanta hat in den USA erneut Forderungen nach schärferen Waffengesetzen laut werden lassen. «Hass existiert überall auf der Welt und Amerikas ungehinderter Zugang zu Schusswaffen lässt diesen Hass tödlich werden», sagt Kris Brown, Präsidentin einer Organisation, die sich für eine Gesetzesreform einsetzt. An Joe Biden liegt es nun, sein politisches Kapital einzusetzen und eine striktere Waffengesetzgebung aufzugleisen, die nicht nur das demokratisch beherrschte Abgeordnetenhaus, sondern auch den Senat passiert. Noch im Januar hat der Präsident anti-asiatische Fremdenfeindlichkeit als Reaktion auf das Corona-Virus ausdrücklich verurteilt.

Voraussetzung für ein neues Gesetz wäre die Abschaffung des sogenannten Filibusters, einer auch unter einigen Demokraten umstrittenen parlamentarische Taktik, die es der Minderheit in der kleinen Kammer erlaubt, Abstimmungen über Gesetzesvorlagen durch Dauerreden oder dessen Androhung zu verzögern oder zu verhindern.  «Bis zu 90 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner befürworten (beim Waffenerwerb) eine Hintergrundprüfung des Käufers», argumentiert Kris Brown: «Wenn eine 90-prozentige Unterstützung nicht ausreicht, um den US-Senat ein Gesetz verabschieden zu lassen, dann ist es wohl offensichtlich, dass unter Umständen institutionelle Reformen wie die Abschaffung des Filibusters nötig sind.»

Ohne die Option eines Filibusters würde es möglich werden, im Senat ein Gesetz mit einer einfachen Mehrheit zu verabschieden. Dies nicht nur in Bezug auf das Erschweren von Waffenkäufen, sondern zum Beispiel auch bei der Abwehr von undemokratischen Versuchen der Republikaner, in Einzelstaaten für Teile der amerikanischen Bevölkerung den Zugang zu den Wahlurnen zu erschweren oder zu verunmöglichen. Derzeit stehen im US-Senat 50 Demokraten 50 Republikanern gegenüber. Doch den Stichentscheid fällt Joe Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris. Die 57-Jährige ist afroamerikanischer und asiatischer Herkunft. 

Kommentare

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"Amerikanerinnen und Amerikaner" , wie bitte? gibt es Mittel und Südafrikaner/innen nicht ? So wie es einen Eurozentrismus gibt, gibt es bei den westlichen Journalisti/nnen eine reductio ad USA.

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