Das unsichtbare Monument

Urs Meier's picture

Das unsichtbare Monument

Von Urs Meier, 09.09.2013

Das zentrale Gebäude des britischen Geheimdiensts GCHQ ist eine halb verborgene Inszenierung klandestiner Macht. Es enthüllt das Selbstverständnis der Überwacher.

Vom britischen Government Communications Headquarter (GCHQ) hat die von Ed Snowdens Enthüllungen aufgeschreckte Öffentlichkeit eher nebenbei etwas vernommen. Das GCHQ steht etwas im Schatten der amerikanischen National Security Agency (NSA), doch wie diese sprengt sie alle Vorstellungen, die man sich als ahnungsloser Zeitgenosse von geheimdienstlicher Überwachung bis anhin ungefähr hat machen können.

Im südenglischen Cheltenham, einem gediegenen Badeort, hat das GCHQ seinen Hauptsitz. Untergebracht ist er in einem spektakulären Gebäude, das laut Wikipedia vor zehn Jahren mit Kosten von 450 Mio. Euro errichtet wurde. Der ringförmige Bau, «Doughnut» geheissen, passt zur Institution, die ihn benützt. Er ist nämlich, obwohl er auf dem Stadtgebiet liegt, fast gar nicht zu sehen.

Das GCHQ-Gebäude ist versteckt hinter einem Wall. (Bild: Google Streetview)
Das GCHQ-Gebäude ist versteckt hinter einem Wall. (Bild: Google Streetview)

Das Areal ist weiträumig umzäunt und gesichert, teils von einem Wall umringt und mit dichter Bepflanzung abgeschirmt. Wo man einen Blick auf den Doughnut erhaschen kann, sieht man allenfalls ein Stück der opaken gläsernen Aussenhaut. Weder Form noch Ausmasse des Baus sind zu erkennen.

Futuristische Architektur für den Blick von oben

Einzig aus der Luft ist das aufsehenerregende Gebäude richtig zu sehen. Google Maps zeigt es in seiner ganzen Pracht im Satellitenbild, und auch die Behörde selbst stellt Luftaufnahmen der GCHQ-Zentrale frei zur Verfügung. Bilder des Doughnut kursieren denn auch im Zusammenhang mit der Überwachungsproblematik in den Medien. Geheim ist der Bau also nicht. Man soll ihn zwar vor Ort nicht sehen, aber von ihm wissen können.

Die Anlage scheint von James-Bond-Filmen inspiriert. Alles ordnet sich in die Kreisform ein, es herrscht ein weitreichendes radiales Regime. Metallisch kalt glänzen die Gebäudekörper. Sie provozieren die von Science Fiction genährte Vorstellung, dass ihr innerster Kreis sich irgendwann öffnen könnte, um unbekannten Flugobjekten oder futuristischen Strahlenwaffen freie Bahn zu geben. Die drei den Ring übergreifenden Spangen geben dem Bau ein technoides Aussehen, sie suggerieren geradezu dessen Fähigkeit zur Bewegung und Transformation, als läge da ein lauerndes Gebilde.

Hauptsitz des GCHQ in Cheltenham (Foto:Ministry of Defence)
Hauptsitz des GCHQ in Cheltenham (Foto:Ministry of Defence)

Wozu aber das architektonische Theater, wenn doch Publikum zumindest am Standort des Baus offensichtlich nicht erwünscht ist? Weshalb diese Performance in der Vertikalen, deren umwerfender Effekt nur mit technischer Vermittlung durch Luft- und Satellitenaufnahmen überhaupt sichtbar wird? Wer eine halbe Milliarde verbaut, wird sich dazu irgendwelche Gedanken gemacht haben.

Gebautes Selbstbild eines Geheimmdienstes

Der Doughnut von Cheltenham manifestiert das Bedürfnis des GCHQ nach Selbstdarstellung. Diese Organisation will nicht bloss im Verborgenen ihren Job machen; sie will sich auch artikulieren. Offensichtlich hängt aber beides zusammen. Um ihren Überwachungsauftrag zu erfüllen, benötigt sie eine Identität. Diese ist in Cheltenham architektonisch inszeniert mit einem Bau, der ein unglaublich mächtiges Zeichen setzt: Das GCHQ markiert mit seiner Kreisform den Mittelpunkt staatlichen Handelns und mit seiner radialen Struktur die Spitze staatlicher Autorität. Die Organisation schliesst sich gegen die Aussenwelt hermetisch ab und versteht sich als vollkommener, dem Wissens- und Technik-Niveau der Gesellschaft meilenweit überlegener Apparat. Für James Bonds Leinwandwelt hat man ein müdes Lächeln, denn was dort Kulisse und Attrappe ist, wurde in Cheltenham auf den Boden der Realität gestellt.

Adressaten dieses Signals sind die GCHQ-Leute selbst. Sie sollen die radiale Hierarchie verinnerlichen, gemäss welcher die Überwachungsorganisation das Zentrum der Gesellschaft ist. Ihnen gilt die Message vom Science-Fiction-Abstand ihrer Organisation gegenüber der normalen Gesellschaft. Und sie sollen mit dem Gefühl versehen werden, dass man ihre Rolle zwar sehen, aber ihre Tätigkeit nicht durchschauen kann.

Noch eine ringförmige Zentrale

Es dürfte kein Zufall sein, dass die geplante neue Konzernzentrale von Apple in Cupertino ebenfalls ein Ringbau ist. Das als «Apple Campus 2» von Norman Foster entworfene Gebäude war eines der letzten Projekte von Steve Jobs. Es soll mit 13'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund dreimal so viele Arbeitsplätze enthalten wie der GCHQ-Bau.

Projekt "Apple Campus 2" (Rendering: Foster+Partners/City of Cupertino)
Projekt "Apple Campus 2" (Rendering: Foster+Partners/City of Cupertino)

Die Ähnlichkeiten des Apple-Projekts mit der Überwachungszentrale der Briten korrespondieren mit gewissen Parallelen zwischen den jeweiligen Unternehmens- respektive Organisationskulturen. Dem Apple-Konzern werden steile Hierarchie, hermetische Abkapselung und elitäre Selbststilisierung nachgesagt. Das dürfte von einem Geheimdienst-Conduct nicht allzu weit entfernt sein.

Nebst Verwandtschaften lassen sich zwischen den beiden Giganten aber auch Differenzen ausmachen. Wie ersteres lässt sich auch letzteres an ihren baulichen Repräsentationen ablesen. Im Unterschied zum Doughnut von Cheltenham wirkt der weit ausschwingende, transparente Foster-Entwurf für Apple trotz den enormen Ausmassen leicht und elegant. Die Visualisierungen des Projekts zeigen ein imponierendes und futuristisches Bauwerk ohne abweisende oder gar feindselige Attitüde – das eben gelandete Raumschiff wohlgesinnter Ausserirdischer. Wer will, kann in diesem architektonischen Auftritt ein Statement des Konzerns und ein Vermächtnis seines genialen Mitbegründers sehen.

weil sie schließlich König oder Kaiser sind. Das ist ganz normal für die göttlichen Herrscher.

Banken und Versicherungen bauen riesige Wolkenkratzer, weil sie ja die Herrscher über die Geldgeschäfte sind, wie Darth Vader, die müssen das ja quasi.

Die eigentliche Macht im Staat, die Geheimdienste, die sollen da im Kleinen und Dunklen und Geheimen operieren? Nein, das muss so laufen, wie bei Bond, bei James Bond!

Wenigstens wollen sie sich so fühlen, wie James Bond. Und weil das außerhalb des normalen Verstandes liegt, glauben diese, sie seinen deshalb auch allen Anderen überlegen.

Ich bin sicher, die sind alle nur irre. Nicht wie Gustl Mollath, nein, richtig irre!

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…