Das launische Wetter

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Das launische Wetter

Von Stephan Wehowsky, 25.08.2017

„Der Sommer wagt tatsächlich noch einmal einen neuen Anlauf“, verkündete fröhlich die Wettermoderatorin Katja Horneffer vor ein paar Tagen im Wetterbericht des ZDF.

Sie fuhr fort: „Und das gerade jetzt, wo doch schon langsam der Herbst um die Ecke biegt.“ – An nicht ganz so guten Tagen kann man nur hoffen, dass die Sonne, „die sich durch die Wolken kämpft“, Erfolg hat. Aber leider, leider – den Moderatoren ist es fast schon persönlich peinlich – ist das Wetter manchmal so wie die launische Tante, gegen deren Unberechenbarkeit kein Kraut gewachsen ist. Da muss ein Moderator schon einmal feststellen, dass ein Tief unterwegs ist, „das viel Regen im Gepäck“ hat. Glücklicherweise aber „lässt der Winter noch auf sich warten“. – Danke, Tante.

Und immer wieder die Klage – nicht nur von Moderatoren: „Das Wetter meint es nicht gut.“ Mal regnet es zu viel, mal zu wenig, und wer darunter leidet, kann schon mal die Contenance verlieren und in ohnmächtiger Wut einen Fluch zum Himmel senden.

Glücklicherweise ist das Wetter im deutschen Sprachraum ein Neutrum. Nicht auszudenken, wohin wir inzwischen gekommen wären, wenn es weiblich oder männlich wäre. Aber auch als Neutrum nehmen wir es persönlich. Es gibt Menschen, die sich „vom Regen verfolgt“ fühlen. Für sie tritt das Wetter wie ein persönlicher Feind auf: Ohnmachtsgefühle. Umgekehrt ist das Wetter wie ein guter Freund, wenn es es einmal „gut mit uns meint“.

Wie lässt sich das deuten? Sind wir von den Regentänzen der Hopi-Indianer gar nicht so weit entfernt, wie wir denken? Bauen wir wider besseres Wissen eine persönliche Beziehung zu etwas Unpersönlichem auf? Ist das peinlich oder nur allzu menschlich? Wer hat noch nie auf eine Computertastatur eingedroschen, wenn der Frust zu gross wurde?

Es mag ein emotionaler oder auch intellektueller Kurzschluss sein, das Wetter persönlich zu nehmen. Robert Musil hat sich darüber sehr lustig gemacht. Sein monumentaler Roman, „Der Mann ohne Eigenschaften“ beginnt mit den Sätzen: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit“ – Wem gegenüber?

Kommentare

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Mit der Schweiz hat es 'das' Wetter diesen Sommer meist gut gemeint. Die Wassertemperaturen sind Ende August bei 22-24 Grad. Es gab viele Sonnenstunden, und man stōhnte zeitweise ūber die Hitze, die selbst nachst noch in den hintersten Winkeln hockte, und die sich mit nichts vertreiben liess. Mal sehen, was der September bringt. Das Wetter ist mit den Gefūhlen nicht ganz, oder fast gar nicht zu entkoppeln.

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