Das Gleiche anders machen

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Das Gleiche anders machen

Von Carl Bossard, 19.12.2017

Fortschritt und ungewöhnlicher Erfolg können auch im Kleinen wurzeln. Das zeigt eine Innerschweizer Bergbahn, die seit 125 Jahren besteht. Ein Buch geht dem Erfolgsgeheimnis nach.

Wagnis als zentrales Element der Unternehmertätigkeit, das hat der grosse Nationalökonom Joseph Schumpeter ausführlich beschrieben. Das Wagnis enthalte den (Wage-)Mut zum Ausserordentlichen: Unternehmensführung als „animation à l’aventure“, ohne aber dem Menschentyp eines „aventurier“ zu huldigen. Es ist der Mittelweg zwischen Chance und Risiko, zwischen Innovation und Tradition. Mit blossen Dualismen oder Antagonismen allein lässt sich nichts gewinnen. Tradition ist eben nicht gleichbedeutend mit dem Gestern, Innovation nicht einfach gleichzusetzen mit Zukunft. Die Frage kann darum nicht lauten: „Innovation oder Tradition?“ Die Haltung des polarisierenden Entweder-Oder führt meist in eine Sackgasse. Viel entscheidender ist die Kraft zur Kombination und Komplementarität.

Zwischen Ursprung und Fortschritt

Und das ist der Stanserhornbahn immer wieder gelungen. Seit ihren Anfängen. Unten rattert heute gemütlich die Original-Standseilbahn aus der Tourismus-Gründerzeit der Belle Epoque. Oben fährt die offene CabriO-Seilbahn als technologische Weltneuheit und globales Unikat. Entstanden ist eine vitale Kombination aus Herkunft und Zukunft, aus historischer Romantik und pragmatischer Effizienz, aus Tradition und Modernität: das Gegensätzliche im Heimatlichen des kleinen Kantons Nidwalden. Es ist eine „Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus, ein janusköpfiges Voraus- und Zurückschauen zugleich“, wie Peter von Matt in seinem Essayband, „Das Kalb vor der Gotthardpost“, schrieb.

In dieser Dialektik entdeckt der Literat und gebürtige Stanser, Peter von Matt, eine Eigentümlichkeit der Schweizer Mentalität. Eine Zukunft vor sich haben setzt eben den Glauben an den Fortschritt voraus. Aber nicht à tout prix und nicht als „aventurier“.

Pioniergeist am Stanserhorn

Aus diesem Holz waren die Stanserhorn-Pioniere Franz Josef Bucher und Josef Durrer geschnitzt. Die damaligen (Zahnrad-)Bergbahnen fuhren alle mit Dampf. Die beiden kühnen Unternehmer bauten eine Bahn mit elektrischem Antrieb – 1893 ein einmaliges technisches Wunderwerk, zuerst als Grössenwahn abgetan, dann europaweit als längste und steilste Standseilbahn bewundert. Sie war mit Strom betrieben und fuhr fast geräuschlos. Die misstrauischen Behörden hatten für die Bahn einen zusätzlichen Dampf-Notbetrieb erzwungen.

Ein weithin sichtbares, luxuriöses Gipfelhotel krönte die Pioniertat. Mit geschickten Werbeeinfällen lockten die dynamischen Unternehmer schon damals Tausende von Gästen aufs Stanserhorn. Ein Scheinwerfer verwies nachts auf den zivilisatorischen Fortschritt mit Elektrizität – sehr zum Ärger züchtiger Damen, die sich in ihrem Schlafgemach beobachtet fühlten, und einiger Naturschützer; sie fürchteten um Flora und Fauna. Das Licht mit der Kraft von 22’000 Normalkerzen war im Parabolspiegel bis zum Jura sichtbar. Zeitgemässe PR für ein innovatives Projekt.

Wer wagt, gewinnt

Dieser Pioniergeist blieb erhalten – und mit ihm der Mut zum Ausserordentlichen. Das zeigte sich nach dem Brand des Hotels Stanserhorn 1970 und dem zügigen Projekt einer Seilbahn. Das kam 2001 mit dem Drehrestaurant zum Ausdruck, das bewiesen die Verantwortlichen beim Bau der zweiten Seilbahn nach Ablauf der Konzession 2011.

Statt auf Kontinuität und Wiederkehr des Gleichen wagten die modernen Pioniere etwas Neues, Einzigartiges. Ihre Überlegung: ein Berg und eine Bahn, ein Gipfelhotel und eine wunderbare Aussicht, das ist austauschbar, das haben alle – auch die benachbarten Tourismusperlen Pilatus, Titlis und Rigi. Es braucht etwas Eigenes, Anderes: das schumpetersche betriebswirtschaftliche Wagnis. Der Mut zum Aufbruch setzte sich gegen die Bedenkenträger durch.

Der Verbund von Nostalgie und Zukunft

2012 hatte sie ihre Jungfernfahrt, die neue doppelstöckige Pendelbahn mit dem offenen Oberdeck, genannt CabriO. Sie läuft auf zwei Tragseilen. Wie 1893: eine technologische Innovation und bis heute weltweit einzigartig – und erneut bestaunt.

Miteinander verknüpft sind nostalgische Elemente und modernste Technologie: das Zusammenspiel von Tradition und Innovation. Die alte Talstation im idyllischen Chaletstil der Gründerjahre, Fotosujet par excellence, verströmt das gemütliche Ambiente einer entschwundenen Zeit. Dazu gehört auch das Kartonbillett zum Knipsen. Es gibt keine automatischen Zugänge mit Code; die Gäste werden persönlich begrüsst, individuell zur Bahn begleitet und auf der Fahrt orientiert. Gleichzeitig aber kennt die Bahn ein elektronisches Boarding-System. Die Stanserhornbahn ist auch hier Pionier: die Kombination des Gegensätzlichen.

Kein Gast wird durch Plakatkorridore geschleust. Zu sehen bekommt er höchstens bescheidene Eigenwerbung auf Sonnenschirmen. Natur statt Plakate – wieder etwas Ausserordentliches.

Ein Buch zum 125-Jahr-Jubiläum

2018 feiert die Bahn ihr Jubiläum. Zu diesem Geburtstag ist eine lesens- und sehenswerte Publikation erschienen. Der Aufstieg zum 1900 Meter hohen Berg geschieht aus der Sicht verschiedener Personen mit ganz unterschiedlichen Funktionen.

Der Band begleitet einen Gast und schaut einer Gästebegleiterin über die Schulter; er erzählt vom Wegmacher und Betriebstechniker, gibt Einblick in die Aufgabe eines Rangers und die Arbeit des Kochs. Highlight ist der historische Exkurs mit bisher nicht publizierten fotografischen Impressionen. Die Dokumente und Fotos zeigen eines: Der Mut zum unternehmerischen Wagnis hat sich gelohnt. Schumpeter bekommt recht.

Christian Perret, Christian Hug, Christoph Berger: Stanserhorn. Zukunft aus Tradition. Stans: Verlag Bücher von Matt 2017.

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