Das geschundene Paradies

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Das geschundene Paradies

Von Stephan Wehowsky, 13.10.2016

Der Fotograf Thomas Kern präsentiert seine Sicht von Haiti. Ihm sind beeindruckende Fotos gelungen. Aber es bleibt eine Frage.

Thomas Kern zeigt das Leben so, wie es ist auf Haiti. Er hat einen besonderen Blick für Menschen und Situationen. Nicht umsonst hat ihn die Kulturzeitschrift „Du“ im Jahr 1997 kurzfristig nach Haiti geschickt, weil eine zuvor gelieferte Bildserie nicht den Anforderungen der Redaktion entsprach. Und Kern lieferte Bilder voller Ausdruckskraft.

Der Mut des Fotografen

Bei der Medienpräsentation der Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, erzählte er ganz unbefangen, dass er vor Antritt seiner ersten Reise nach Haiti keine speziellen Kenntnisse besass. Aber irgendetwas hat ihn damals nicht mehr losgelassen, und er hat sich in die Geschichte des Landes eingelesen und es in der Folge wieder und besucht. Davon erzählt die Ausstellung.

Und sie erzählt von etwas, das in unserer gängigen Pressefotopraxis fast nicht mehr vorkommt. Thomas Kern hat sich nämlich nicht mit dem Optimum an Fototechnik auf den Weg gemacht, um bloss ja keine Bilder zu verpatzen. Vielmehr bedient er sich bis heute einer guten alten Rolleiflex mit ihrem Mittelformat. Und natürlich sind alle Bilder schwarz-weiss. Man muss sich das mal vorstellen: Da fotografiert einer in unserer Zeit mit einem Apparat, wie man ihn fast schon vor unvordenklichen Zeiten benutzt hat. Entsprechend verwendet er Rollfilme, die erst umständlich entwickelt werden müssen – mit allen Risiken. Und pro Film hat er nur wenige Aufnahmen zur Verfügung.

Ministère de l’économie et des Finances, Port-au-Prince, 2010
Ministère de l’économie et des Finances, Port-au-Prince, 2010

Eine weitere Besonderheit der Rolleiflex besteht darin, dass sie keine Wechseloptik, geschweige denn Zoomobjektive hat. Und da sie nur über einen Schachtsucher verfügt, hält sich der Fotograf diese Kamera vor den Bauch.

Menschlichkeit

Thomas Kern ist ein sehr umgänglicher, freundlicher Mensch. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit seiner unscheinbaren Kamera herumgelaufen ist, beobachtet hat, unmittelbar Blickkontakte geknüpft und von Zeit zu Zeit auf den Auslöser gedrückt hat. Da rannte kein hoch bewaffneter Fotograf herum, sondern ein Zeitgenosse mit einem ausgeprägten menschlichen Sensorium. Zudem hat Thomas Kern ein gutes Gefühl für Bildkomposition, und dank des Mittelformats haben die Bilder eine wunderbare Zeichnung.

Lycée National de Pétionville, Pétionville, 2015
Lycée National de Pétionville, Pétionville, 2015

Zur Ausstellung in Winterthur ist eine Publikation bei Scheidegger & Spiess erschienen. Auch sie enthält Besonderheiten. Die erste besteht in dem kleinen Format. Die zweite besteht darin, dass die begleitenden Texte, darunter auch drei Texte von Thomas Kern, je in einem Band auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch erschienen sind. Alles in einem Schuber. Man fragt sich allerdings, ob es den Bildern nicht besser getan hätte, sie in einem weitaus grösseren Format zu bringen.

Die gewichtige Frage

Aber es gibt noch eine viel gewichtigere Frage: Stimmen der Titel der Ausstellung und der Begleitpublikation? Handeln die Bilder wirklich von der „endlosen Befreiung“ Haitis? Diese Frage lässt sich schlicht und einfach mit Nein beantworten. Die Bilder handeln von dem, was der Fotograf Thomas Kern auf seinen jeweiligen Reisen erlebt hat – und das ist schon viel.

Aber sie handeln nicht von der vertrackten, um nicht zu sagen: desaströsen Geschichte Haitis, in der sich menschliche Gier, Dummheit und Gemeinheit mit der Unerbittlichkeit der geschundenen Natur gepaart haben. Das alles schwingt im Hintergrund mit, aber im Vordergrund stehen die Menschen, die selbst unter unsäglichsten Bedingungen dem Leben noch einen Sinn abzugewinnen vermögen. Oder die schlicht um ihr nacktes Leben kämpfen. Aber erklärt wird das alles in den Texten, nicht mit den Fotos.

Damit stellt sich eine hoch interessante Frage: Wovon erzählen Fotos wirklich? Die Kunstgeschichte lehrt, dass Bildtitel nicht immer etwas mit dem Inhalt zu tun haben müssen. Von Oskar Wilde wissen wir, dass Maler, die ihre Bilder wunderbar erklären können, schlechte Maler sind. Thomas Kern wiederum erzählt, dass er sich auf Haiti zunächst schlicht und einfach von seiner Intuition als Fotograf hat leiten lassen. Das Resultat ist beeindruckend. Das Label nicht.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur, bis 29. Januar 2017

Buch: „Thomas Kern – Haiti. Die endlose Befreiung“, mit Texten von Thomas Kern, Georg Brunold, Yanick Lahens und Félix Moriseau im Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016

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