Das andere Achtundsechzig

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Das andere Achtundsechzig

Von Claudia Kühner, 05.05.2018

Dieses Buch empfiehlt sich allen, die sich mit der Mythologisierung von 1968 nicht zufriedengeben wollen, wie sie gerade wieder weidlich betrieben wird.

Die deutsche Sozialhistorikerin Christina von Hodenberg, die Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London lehrt, räumt einerseits mit der Legende auf, es sei den (deutschen) Rebellierenden auch um die NS-Vergangenheit von Eltern und Professoren gegangen. Andererseits hebt sie den Anteil der Frauen an der Studentenrevolte und an den gesellschaftlichen Veränderungen in deren Folge hervor. Nach wie vor herrscht die Meinung vor, die Köpfe der Studentenbewegung seien nahezu exklusiv männlich gewesen. In der medialen wie in der  Selbstdarstellung stimmt das ja auch. Die ewig selben Gesichter von Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit oder Rainer Langhans. Die Namen der wichtigen Frauen sind, wenigstens in diesen Zusammenhängen, kaum noch gegenwärtig: Silvia Bovenschen, Helke Sander, Florence Hervé, Sigrid Damm-Rueger oder auch Gretchen Dutschke-Klotz, die man sich heute nur als Dutschkes Frau erinnert.

Grundlage von Hodenbergs Arbeit ist die Bonner „Längsschnittstudie des Alters“, Bolsa, ein vergessener Bestand, den sie 2014 im Keller des Psychologischen Instituts Heidelberg entdeckte. Er umfasste 3600 Stunden Tonbandaufnahmen von Gesprächen, die Psychologiestudenten 1967/68 mit 60 Frauen und 60 Männern zwischen 33 und 58 Jahren im Kölner Raum geführt hatten. 89 Gespräche waren erhalten geblieben. Dazu hat die Autorin eigene Gespräche mit Zeitzeugen geführt und solche des Bonner Stadtmuseumsmitarbeiters Horst-Pierre Bothien eingearbeitet.

Änderung der Geschlechterverhältnisse

Ausgangspunkt ist für die Autorin, dass die 68er-Revolte vor allem von ihren männlichen Protagonisten „erzählt“ wurde, sie ihre eigene Geschichte schrieben und hervorhoben. Was man ja bis heute beobachten kann, wo auch nach 50 Jahren vor allem die bekannten männlichen Gesichter auftauchen – was freilich auch an der Phantasie- oder Kenntnislosigkeit von uns Medienleuten liegt.

Christina von Hodenberg allerdings sieht Frauenbewegung, Aktivismus ausserhalb des SDS  und die Rolle der Elterngeneration ausser Acht gelassen. Hier setzt sie an. Eine der wichtigsten – und vor allem bleibenden – Errungenschaften jener Jahre sind für sie die Änderung der Geschlechterverhältnisse und der Feminismus. Sie wurden teils auch geboren aus der Not heraus, beziehungsweise dem Unwillen der 68er-Frauen, sich weiter männlichen, nämlich ziemlich traditionellen Vorstellungen von Ehe und Familie zu beugen, die auch ihre Kommilitonen weiter pflegten. Ausser dass sie sich jede sexuelle Freiheit herausnahmen. Kam ein Kind, blieb es weiter der Obsorge der oft genug selber studierenden Mutter überlassen. Während sich die Männer selbstverständlich um ihr akademisches Fortkommen kümmerten. Nicht selten kostete das weitere akademische Karrieren der Frauen. Das war die Geburtsstunde der Kinderläden, ins Leben gerufen als Selbsthilfe der jungen Mütter. Staatlicherseits war das Betreuungsangebot damals ohnehin noch dürftiger als heute.  Von hergebrachter Pädagogik nicht zu reden, die man ja nun nicht mehr wollte.

Die Befreiung des Sexuallebens wiederum war längst nicht alleine die Folge von 68. Die Pille gab es seit 1961. Und die Mütter der 68erinnen wollten vielfach ihr Schicksal den Töchtern ersparen; hier bahnte sich auch in der älteren Generation schon ein Meinungswandel an, wie die Bolsa-Studie zeigte. Und bei entsprechenden Märschen sah man durchaus auch ältere Frauen, die sich den Ideen der Töchter anschlossen. ( Nebenbei wundert man sich nur bei der Lektüre, weshalb trotz Pille die aufgeklärten Studenten noch so viele auch unerwünschte Kinder in die Welt setzten.) Insgesamt macht von Hodenberg einleuchtend klar, warum und wie sich Studentinnen damals zur Wehr setzten gegen die Anmassungen ihrer linken Kommilitonen, wenn es um den Alltag ging und nicht um die grosse Revolte. Dafür ist mit der Frauenbewegung und dem Zerbrechen hergebrachter Familienstrukturen ein ungleich wichtigerer Teil dieser Revolte auch für folgende Generationen geblieben.

Kein Aufstand gegen Nazi-Väter

Mit einem zweiten Missverständnis will von Hodenberg ebenso aufräumen: dem des Aufstands gegen die Nazi-Väter, der in dieser allgemeinen Formulierung keinesfalls stimmt. Sie kommt zu einem anderen Schluss. Die Erhebung blieb mehrheitlich eine abstrakte, von der eigenen Familie losgelöste. Die meisten Studenten erhoben sich keineswegs gegen den Nazi im Vater oder Grossvater, von dem man materiell und auch emotional abhängig war. Ausnahmen wie Hannes Heer, der „Rudi Dutschke von Bonn“ und spätere Historiker (Wehrmachtsausstellung) zitiert von Hodenberg aber ausgiebig.  Er führte eine rabiate Auseinandersetzung mit dem Vater und nahm den Bruch in Kauf. Nazi wurde im Allgemeinen dann zum Kampfbegriff, wenn es gegen Autoritäten ging, ob politische (Kiesinger, Lübke) oder akademische oder die Polizei. Aber auch dann nur, wenn es nicht den eigenen Doktorvater betraf. Hodenberg belegt das mit diversen Beispielen. Besonders solchen Professoren, die sich nun nach dem Krieg wundersamerweise zu Linksliberalen gewandelt hatten. Da schaute kein Student mal näher hinter die Fassade, obwohl die meisten ihrer Professoren sich während der NS-Zeit akademisch qualifiziert hatten.

Dieser Befund lässt sich im übrigen auch daran festmachen, dass die umfassenden Forschungen zu den NS-Belasteten unter den akademischen Vätern grosso modo erst in den 90er Jahren kamen. Sie wurden Thema der grossen Fachkongresse, ob von Historikern, Medizinern, Psychologen. Auch ein bedeutender Historiker wie Hans-Ulrich Wehler bekannte damals, sich seinerzeit für die NS-Vergangenheit seines Doktorvaters Theodor Schieder nicht interessiert zu haben. Die Bundesministerien werden überhaupt erst in den letzten Jahren untersucht, angestossen vom Aussenminister Joschka Fischer, der nach der Jahrtausendwende Historiker mit der Aufarbeitung der Geschichte seines Amtes beauftragte, und die vor allem zur Nachkriegsgeschichte Schauerliches zutage förderten. Das alles hat nun mit 1968 gewiss nichts zu tun.

Christina von Hodenberg hebt das alles nochmals ins Bewusstsein, mit gutem Grund in diesem Jubeljahr. Was man ihr allenfalls vorwerfen kann, ist die Vernachlässigung anderer gewichtiger studentischer Positionen damals, beziehungsweise eine entsprechende Gewichtung.  Vietnam, Lateinamerika, Anti-Amerikanismus, aber auch Universitätsreform und Antiautoritarismus, das nämlich waren die Hauptanliegen der studentischen Linken. Und in ihren Köpfen ungleich höher zu gewichten als „Frauenfrage“ oder Naziväter. Die spielten eine Nebenrolle für die Herren auf den Barrikaden.

Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. C. H. Beck, 2018, 250 Seiten,  CHF 38.90, E-Book CHF 23.00.

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