Ciao Giovanni!

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Ciao Giovanni!

Von Jürg Schoch, 13.01.2015

Viel zu früh ist Hans Moser mit 67 Jahren in Buenos Aires gestorben. Ein paar Erinnerungen an seine reiche journalistische Laufbahn.

Er hiess Hans. Aber niemand, oder fast niemand, nannte ihn Hans. Hans war der „Pfanni“, und er selber begrüsste (fast) jeden, dem er auf der Zeitung begegnete, mit den Worten: „So, du Pfannenflicker.“ Doch dazu später.

Kein Karrierist

Bei Journalisten ist es nicht üblich, von Karrieren zu reden. Journalisten sind, abgesehen von jenen natürlich, die es in so genannte Führungspositionen drängt, keine Karrieristen. Auch Hans, oder eben „Pfanni“, war keiner. In der Hauspost des Tages-Anzeigers vom 1. Februar 2001, die damals seine 25 Tagi-Jahre würdigte, vermerkte die Chronistin: „Die Führungsambitionen unseres mütterlicherseits aus Südtirol stammenden und von daher mit einer gewissen lateinischen Nonchalence behafteten Kollegen hielten sich in all den Jahren einigermassen in Grenzen.“ Und weiter vermerkte die Chronistin, der Jubilar sei „angenehm unhektisch“ aufgetreten, wenn er zwischendurch doch einmal leitende Funktionen habe wahrnehmen müssen.

Der Polyvalente

Lassen wir also die Karriere und wenden uns seiner Laufbahn zu. Die war beeindruckend. Schon während seines Studiums (Geschichte, Publizistik, Germanistik) schrieb der Winterthurer als freier Mitarbeiter für den Tagi. 1976 folgte dann seine Festanstellung im Ressort Region Zürich. Bildungspolitik war damals eines seiner wichtigsten Themengebiete, was insofern keine einfache Sache war, als ihm auf dem politischen Parkett Erziehungsdirektor Alfred Gilgen gegenüberstand, der nicht nur mit der Lehrerschaft, sondern auch mit den Journalisten einen eher robusten Umgang pflegte.

Moser wechselte später ins Inlandressort und beschäftigte sich dort mit gewerkschaftlichen, vor allem aber mit Ausländer- und Asylfragen. Seine Offenheit für Neues, sein Interesse an den Menschen und sein Blick über die behütete Schweiz hinaus aber drängten ihn, auf der Laufbahn einen neuen Abschnitt anzupeilen. Zwar musst er sich etwas gedulden, bis das Ziel seiner Wünsche, besser gesagt: seiner Sehnsucht, in Reichweite rückte.

Eingefärbt von der Italianità

1986 war es soweit. Moser liess sich in Rom als Italienkorrespondent nieder und beschrieb für die Schweizer Leserinnen und Leser nicht nur das Dauertheater auf der politischen Bühne und die Irrungen und Wirrungen im Vatikan, sondern auch Land und Leute. Die Italianità, schien es, färbte sich verhältnismässig rasch auf den Kollegen ab. Tauchte dieser zwischendurch im Zürcher Mutterhaus auf, fragte man sich zuweilen, ob der fröhliche Kerl, der da so leger seinen Espresso trank und so federnd durch die Korridore schritt, ein Winterthurer oder ein Römer sei.

Nun nannte man ihn, neben „Pfanni“, auch Giovanni.

In die acht Jahre seiner Römer Zeit fiel der Krieg auf dem Balkan. Weil Italien gewissermassen vis-à-vis liegt, wurde das „Einsatzgebiet“ des Italienkorrespondenten  erweitert – was hiess: Ausrücken auf ein unwirtliches Feld. Moser, der Allrounder, rückte mit Engagement aus.

Dann folgten in seiner Laufbahn wieder einige Jahre auf der Redaktion. Sitzen am Redaktionspult, Sitzen im Sitzungszimmer, Planen, Koordinieren – der übliche Bürokram. Für Moser wohl eine Durststrecke. Jedenfalls griff er sofort zu, als 2001 der Posten des Südamerika-Korrespondenten frei wurde. Als 17-jähriger Gymnasiast hatte er für Winterthurer Blätter seine ersten Artikel über Eishockeymatches geschrieben, nun schrieb der 54-jährige Texte über eine Vielzahl von Ländern eines ganzen Kontinents. Und schrieb für das journal.21 weiter, nachdem er 2008 in Frühpension gegangen war.

Der Liebenswürdige

 

Moser war ein grosszügiger, ein liebenswürdiger Mensch. Betrat er ein Büro, trat mit ihm auch die gute Laune ein. Er spielte gerne Volleyball, jasste gerne, trank gerne ein Bier – und war, trotz aller Seriosität, eigentlich nie bierernst. Nicht, dass er alles Elend und alles Leid, über das er während seiner Zeit zu berichten hatte, auf die leichte Schulter genommen hätte.

Doch die Schultern liess er deswegen nicht hängen. Er konnte Abstand halten.

Dazu verhalf ihm sein Naturell, zu dem auch gewisse chaotische Züge gehörten bzw. der Umstand, dass seine Gedanken nicht immer hochdiszipliniert dort waren, wo sie gerade hätten sein sollen – etwa, wenn er den Tank seines Autos mit Diesel statt mit Benzin füllte, beim Zügeln eine volle Kühltruhe vergass, oder wenn die Geometrie seiner Umbruchpläne die Metteure auf die Palme brachte.

Wie er zu „Pfanni“ wurde

Womit wir auf den Anfang zurückkommen: Es mochte eine solche Unachtsamkeit gewesen sein, die jemanden veranlasste, „Pfannenflicker“ in die Runde zu rufen, einen Ausdruck, der in seiner Kurzform an ihm haften blieb. Der aber verlor augenblicklich jeden abwertenden Beiklang und mutierte zur Anrede, die Liebenswürdigkeit, Nähe, Vertraulichkeit signalisierte.

Konnte Moser auch ruppig sein? Ja, gewiss konnte er das. Es brauchte mehrere Telefonate zwischen Zürich und Rom, als ihm sein Ressortleiter plausibel zu machen versuchte, dass seine Römer Zeit dem Ende entgegengehe und auch er sich den Regeln der Rotation zu unterziehen habe. Manche dieser Telefonate waren schwierig, eines endete ziemlich abrupt. Doch als Moser wenig später in Zürich auftauchte, ging er auf den Ressortleiter zu, streckte ihm nicht einen Ölzweig, aber eine Flasche Olivenöl entgegen und sagte: „Für dich, du Pfannenflicker.“

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