Chronistin mit besonderem Blick

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Chronistin mit besonderem Blick

Von Stephan Wehowsky, 10.12.2015

Lisl Steiner nennt sich "die Scheherazade der Fotografie". Jetzt hat sie einen bezaubernden Bildband vorgelegt.

Selbst Kenner der Fotografie zucken beim Namen Lisl Steiner ratlos die Schultern, und man findet sie kaum in den einschlägigen Nachschlagewerken. Vielleicht macht das ja eine Scheherazade aus: Sie betört und kaum, dass sie ihr Werk verrichtet hat, verschwindet sie schon wieder.

Zur rechten Zeit am rechten Ort

Ein bisschen verrückt war sie wohl schon immer, aber gleichzeitig hatte sie einen derartig präzisen und originellen Blick, dass ihre Mitarbeit in den sechziger und siebziger Jahren zum Beispiel von Time, Newsweek, The New York Times, Associatefd Press und Life gefragt und geschätzt wurde. Eines ihrer berühmtesten Bilder entstand unmittelbar nach der Ermordung von John F. Kennedy am 22. November 1963. Eine Agentur rief Lisl Steiner an und forderte sie auf, so rasch wie möglich zum Times Square zu gehen. Dort schoss sie ein Bild, das aufgebrachte Menschen dabei zeigt, wie sie jene Schlagzeilen lesen, die die Nation verändern sollten

Henry Kissinger, Franz Beckenbauer, Kurt Kuykendall, New Jersey, 1976
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber
Henry Kissinger, Franz Beckenbauer, Kurt Kuykendall, New Jersey, 1976
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber

Lisl Steiner hatte die Gabe, an allen möglichen Orten mehr oder weniger unbemerkt aufzutauchen. Unter den Reportagefotografen gehörte sie zu den ersten, die auf den Blitz verzichteten. Wahrscheinlich haben viele der Fotografierten es erst später oder gar nicht erfahren, dass sie abgelichtet worden sind.

Und Lisl Steiner hat den besonderen Blick. Sie erfasste die Situationen von innen heraus, so dass man auch Jahrzehnte später nur staunen kann. Die Art, wie Friedrich Gulda zum Beginn eines Konzerts auf den Flügel zugeht, zeigt seine Haltung, die ihn über Jahrzehnte zum unbestrittenen Maestro, aber auch zum Enfant terrible der Musikszene machen sollte. Ganz am Anfang des Bandes befindet sich übrigens ein Bild mit Friedrich Gulda und Jerry Mulligan am Klavier in irgendeinem Club in New York 1963. Da scheint Gulda dem künftigen Star noch eine Besonderheit beizubringen.

Friedrich Gulda bei seinem Konzert im Teatro Colón, Buenos Aires, 1949
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber
Friedrich Gulda bei seinem Konzert im Teatro Colón, Buenos Aires, 1949
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber

Nachdem Lisl Steiner im Jahr 1938 zusammen mit ihren Eltern vor den Nazis aus Wien geflohen war und in Buenos Aires Kunst studiert hatte, arbeitete sie zunächst im Bereich des Dokumentarfilms. Aber ob sie filmte oder fotografierte, blieb stets eine Zeichnerin, die mit verblüffender Präzision Personen und Situationen aufs Papier brachte. So unbefangen sie zeichnete, so unbefangen bediente sie sich der Kamera.

Die Technik interessierte sie kaum, und nicht ohne Amüsement erzählt sie von Alfred Eisenaedt, der immerhin 100 Titelbilder für Life geliefert hatte, dass dieser sie einmal gefragt habe, welche Belichtungszeit er denn jetzt einstellen solle. Lisl Steiner ist der Meinung, dass die Kenntnis und Berücksichtigung der Technik die kreative Spontaneität einschränke. Man muss diese Meinung nicht teilen, aber es gibt eine eigentümliche Bestätigung am Ende des Bandes. Da sieht man nämlich Lisl Steiner mit digitalen Kameras der Marke Leica hantieren. Die Fotos sind natürlich technisch perfekt - aber auf merkwürdige Weise leblos und steril.

Fidel Castros Schattengäste

Früher galt für sie das genaue Gegenteil. Als sie einmal eine längere Reportage über Fidel Castro machte, legte sie für die Aufnahmen, die für das Innere des Hauses geplant waren, einen Film ein, den sie schon vorher draussen belichtet hatte. Jeder normale Fotograf hätte so etwas gleich in den Müll geworfen, aber sie fand das Ergebnis hochinteressant. Und so ist ein Bild von Fidel Castro entstanden, das ebenso wie das von Friedrich Gulda wie ein Hologramm seines Lebens wirkt. Der Maler Max Ernst hätte seine helle Freude daran gehabt.

Fidel Castro, Buenos Aires, 1959
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber
Fidel Castro, Buenos Aires, 1959
Lisl Steiner, © Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv / Edition Lammerhuber

Die Auflage des vorliegenden Bandes ist auf 1´000 begrenzt, und jeder Band ist einzeln von Lisl Steiner signiert. Von sich selbst sagt sie, sie sei die Scheherazade der Fotografie. Sie habe aus den vielen Geschichten ihres Lebens und dem Fotografieren etwas Ganzes gewoben, sozusagen eine Einheit erschaffen. Aber dann wieder typisch für sie: Es war eben nicht so, dass am Anfang eine Erkenntnis oder Erleuchtung gestanden hätte, dass die Fotografie das Medium ihres Lebens sei. Auch das hat sich offenbar erst nach und nach ergeben.

Freude am Penis

Zu jedem Bild gehören mehr oder weniger lange Texte, manchmal auch nur Zeit-und Ortsangaben. Über ihren Mann, von dem sie ein farbiges Porträt in die Sammlung Ihrer Bilder dieses Bandes gestellt hat, schreibt sie: „Mein lieber Mann, Michael Meyer Monschek, unterstützte meine fotografischen Ambitionen grosszügig. Wir hatten oft gravierende Meinungsverschiedenheiten über Politik. Aber abends fanden wir immer zueinander. Sein Penis wurde zu meinem liebsten Fotoobjekt. Ich glaube, ich habe ihn über 16'000 Mal fotografiert. Als wir wussten, dass sein Tod naht, habe ich sein Sterben 8 Stunden lang gefilmt.“

Und so geht es immer weiter: Bilder von frappierende Direktheit, oft ein bisschen skurril und immer wieder eine Überraschung. Diese Scheherazade ist eine Meisterin des Beiläufigen. Sie fotografiert oft in Hinterzimmern und Nebenräumen, aber das macht die Würze Ihrer Bilder und Geschichten aus. Und nach und nach bemerkt man, dass das Beiläufige, Kleine und Alltägliche bei ihr niemals banal ist. Das kann nur eine wirklich begnadeter Erzählerin. Und es ist ein grosses Glück, dass man im Band immer wieder Zeichnungen von ihr findet.

Lisl Steiner, What’s Underneath Projekt, © Mona Canino/StyleLikeU
Lisl Steiner, What’s Underneath Projekt, © Mona Canino/StyleLikeU

Ebenso unbefangen wie Lisl Steiner mit der Technik umgegangen ist, so intuitiv hat sie sich auch unterschiedlicher Formen bedient, wobei sie zwischen Farbe und schwarz-weiss je nach Lust und Laune abwechselte. Ihr Altern, der Verfall des Körpers ist ein Thema, das wieder und wieder auftaucht und auch den Abschluss des Bandes bildet. Da berichtet sie, dass sie im Alter von 88 Jahren noch zum Youtube-Star geworden sei, in 14 Minuten Ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt und sich dabei Stück für Stück ausgezogen habe, bis sie nackt war. Das ist Geschmackssache. Ihr Bildband aber ist ästhetisch und als Kunstwerk über jeden Zweifel erhaben. Auf dem letzten Bild in Schwarz-Weiss schaut Lisl Steiner den Betrachter direkt an - das Gesicht, vom Alter geprägt, ist eine einzige Frage.

Lisl Steiner, Lisl Baby, "Ich bin die Scheherazade der Fotografie", 224 Seiten, 211 Fotos, Oktober 2015, Limitierte, nummerierte und signierte Edition von 1000 Exemplaren, Edition Lammerhuber, http://edition.lammerhuber.at/buecher/lisl-baby

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Kommentare

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schöne, treffende Besprechung.
spiegelt viel des Buches, das auf meinem Schreibtisch liegt

herzlich auch für Pia
g

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