Chez nous, c’est comme partout

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Chez nous, c’est comme partout

Von Urs Meier, 10.03.2019

1819 geboren, hat er das Pech, sein Jubliäumsjahr mit Alfred Escher und der Zürcher Reformation teilen zu müssen. Doch gefeiert zu werden passte ihm sowieso nicht.

Die deutsche Literatur verdankt ihm einige ihrer schönsten Prosastücke. Sie haben diesen unnachahmlichen Keller-Sound. Der klingt zwar in seinen romantisch grundierten Novellen anders als in seinen ins Gewand der Legende gekleideten Texten. Kellers Schwänke und moralische Lehrstücke reden nicht gleich wie seine grossen Romane. Doch die Stimme dieses Erzählers, die auch in seinen Briefen ertönt, bleibt unverwechselbar.

Was ist das Besondere an der Sprache Gottfried Kellers? Liegt es an ihrem ruhigen Fliessen, dass man sich ihr nach wenigen Sätzen einfach anvertraut? Ist es ihr bodennahes, aus der Anschauung geschöpftes Erzählen, das einen umstandslos hereinnimmt in seine Welt?

Auf Umwegen zur Dichtung

Keller versucht zuerst Maler zu werden. Wegen eines Schülerprotests, als dessen Urheber man ihn zu Unrecht anklagt, wird er aus der Industrieschule geworfen. Lange Zeit fasst er nicht mehr richtig Tritt. Statt seiner früh verwitweten Mutter eine Stütze zu sein, bleibt er von ihr abhängig. Mit der Karriere als Maler wird es nichts, obschon der junge Künstler talentiert ist und es bei den handwerklichen Fertigkeiten recht weit bringt. Doch nach mehrjährigem Unterricht, zuerst bei zwei Malern in Zürich, dann in München, kommt er zur Einsicht, zur Malerei fehle es ihm an gestalterischer Kraft. Er habe, so erkennt er rückblickend, immer seine vorgefassten, an leeren Konventionen orientierten Bildideen verfolgt, statt in schöpferischer Auseinandersetzung mit Gesehenem zu seinen eigenen Motiven vorzustossen.

Dieses Ergebnis jahrelangen Bemühens ist mehr als bloss eine Enttäuschung; es ist eine Katastrophe. Keller hat sich selbst und seine Mutter ruiniert, seine Jugend vergeudet und steht am Nullpunkt. Doch der Zusammenbruch wird zum Weckruf – und zur Chance. Gottfried Keller sieht nach dem Scheitern seiner Malerei ein, dass er einen anderen künstlerischen Weg gehen muss. Schon länger hat er sich an Dramen, Lyrik und Erzählungen versucht. Doch jetzt gilt es erst einmal, Boden unter die Füsse zu bekommen.

Zurück in Zürich, stürzt er sich in seine Schriftstellerei. Ein wahrer Strom von Natur- und Liebeslyrik ergiesst sich in seine Notizhefte. Die aufwühlende Zeit des Sonderbundskriegs verarbeitet er in politischen Gedichten, die stark von den Vorbildern Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath inspiriert sind. Im deutschen Emigranten August Follen findet er einen Förderer, der ihm ermöglicht, seine Gedichte zu veröffentlichen. 1848 gelingt es Keller, eine Stelle als Volontär in Eschers Staatskanzlei zu bekommen. Da scheint er sich gut gemacht zu haben, denn die Zürcher Regierung spricht dem mittlerweile bald Dreissigjährigen ein Stipendium für Studien in Heidelberg und anschliessend in Berlin zu.

Mitten in den Umwälzungen des Jahrhunderts

In den Jahren um 1848 überstürzen sich die Ereignisse nicht nur in der Eidgenossenschaft, sondern auch im Leben des gescheiterten Malers, noch kaum bekannten Dichters und irregulären Studenten. Keller begeistert sich für die epochalen Aufbrüche bei der Entstehung des Schweizer Bundesstaats und der 48er-Verfassung. Zugleich erlebt er in Heidelberg den religionskritischen Ex-Theologen und Philosophen Ludwig Feuerbach, dessen mitreissende Vorlesungen ihm eine neue Welt eröffnen. Der metaphysische Überbau ist in Feuerbachs revolutionärer Weltsicht weggefegt, der religiöse Jenseitsglaube aufgelöst. Um so kostbarer erscheint dadurch dem enthusiastischen jungen Dichter die vergängliche Welt und das wie ein Staubkorn im Lichtstrahl kurz aufleuchtende Menschenleben.

Keller stürzt sich mit Haut und Haar in die geistig-politischen Umwälzungen seiner Zeit: Auf der einen Seite emanzipieren sich Denken, Weltanschauung und Moral vom unhinterfragten Diktat der Religion. Auf der anderen kämpfen immer mehr Menschen in Europa für ihr Recht auf politische Mündigkeit und setzen dem Obrigkeitsstaat ihre republikanischen Ideen entgegen. Von den liberalen 48er-Revolutionen führt einzig die der Schweiz zur Schaffung einer stabilen Demokratie.

Gottfried Keller lebt in jener Zeit im Bewusstsein einer ungeheuren Befreiung, eines epochalen Aufbruchs zu einem wahrhaftigeren Menschsein. Diesem optimistisch beflügelten Lebensgefühl gibt er Ausdruck in Liedern und Erzählungen, die ihn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zum patriotischen Dichter par excellence stempeln. Was im politisch instrumentalisierten Nachruhm vergessen geht, ist der wahre Grund für Kellers glühende Vaterlandsliebe. Sie hat mit Nationalgefühl wenig zu tun, um so mehr dafür mit dem, was 150 Jahre später «Verfassungspatriotismus» genannt wird.

Wendung zum Realismus

In seinen Berliner Jahren – Kellers Auslandstipendium ist von der Zürcher Regierung grosszügig verlängert worden – versucht sich Keller erfolglos als Dramatiker. Was aber Gestalt gewinnt, ist ein Romanprojekt, an dem er schon ein Jahrzehnt lang herumgekaut hat. Als er 1855 nach Zürich zurückkehrt, sind die vier Bände von «Der grüne Heinrich» fertig. Den Schluss habe er «unter Tränen hingeschmiert». Keller hat seine Kindheit und Jugend bis zu den Münchener Jahren dichterisch verarbeitet in einem Werk, das als einer der grossartigsten Bildungsromane in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Der romantische Ton kling noch nach, aber die Sichtweise ist jetzt eine realistische: Kellers Roman deckt falsche Selbstbilder auf, durchleuchtet menschliche Beziehungen und hat einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse.

Neben der literarischen Produktion betätigt Keller sich intensiv als politischer Kommentator. Staat und Wirtschaft in Zürich und weit darüber hinaus sind mittlerweile zu einem «System Escher» mutiert. Der mit Keller gleichaltrige Eisenbahn-, Bank- und Versicherungs-Tycoon Alfred Escher hat mit seiner Tatkraft und Prädominanz eine für den jungen Bundesstaat problematische Machtposition erreicht. Keller, obwohl einst von Escher persönlich gefördert, scheut sich nicht, diesen frontal anzugreifen. Er sieht die republikanischen Ideale in Gefahr.

Der angriffige Journalismus schadet Keller nicht. Als er eingeladen wird, sich um die Stelle des Zürcher Staatsschreibers zu bewerben, hat er zu seiner Überraschung Erfolg. Keller versieht das Amt an der Spitze der kantonalen Verwaltung ab 1861 während fünfzehn Jahren. In dieser Periode bleibt ihm wenig Zeit für schriftstellerische Arbeit. Schliesslich tritt er vom hohen Staatsamt zurück, um sich wieder ganz dem Schreiben widmen zu können.

Umstrittenes Alterswerk

Nicht nur wegen des «hingeschmierten» Schlusses ist Keller mit «Der grüne Heinrich» unzufrieden. Er unterzieht den Roman einer stark eingreifenden Überarbeitung. Vor allem wegen der zahlreichen Streichungen sind sich Literaturfachleute und Keller-Liebhaber nicht einig, welcher der beiden Fassungen der Vorzug gegeben werden soll. Nach Kellers Willen ist die zweite die gültige, und meistens ist sie es, die gelesen wird.

Kellers letztes Werk ist der Roman «Martin Salander». Nicht nur zeitgenössische Kritiker nehmen das Buch ungnädig auf; vor allem auch Keller selbst ist unzufrieden. Der Roman sei nicht schön, nicht poetisch. Doch diesem Urteil wollen sich viele nicht anschliessen. Zwar ist der Roman nie richtig zu Ende gebracht worden. Keller hat die ursprüngliche Idee eines grotesk-apokalyptischen Schlussfeuerwerks verworfen und an dessen Stelle einen behelfsmässigen Abschluss gesetzt – zwar nicht «unter Tränen hingeschmiert» wie beim ersten grossen Roman, aber auf ähnliche Art unvollendet.

«Martin Salander» ist das Alterswerk eines politisch desillusionierten, ja zunehmend resignierten Zeitbeobachters. Er schildert die Selbstverständlichkeit, mit der wirtschaftliche Betrügereien und politische Machenschaften zum eigenen Vorteil eingesetzt werden, ohne auf irgendwelchen Widerstand in der Gesellschaft zu stossen. Keller karikiert gnadenlos die Auswirkungen des «Systems Escher» bei kleinen und mittleren Gaunern, die mit ihrem skrupellosen Gehabe das gesellschaftliche Klima zum Kippen bringen. Die Werte des republikanischen Aufbruchs sind verschlissen. Wie ein ernüchtertes Motto steht im Altersroman das Sprichwort, mit dem Martin Salanders Sohn Arnold nach langem Aufenthalt als Geschäftsmann in Brasilien auf seine Heimat blickt: «Chez nous, c’est comme partout.»

Arnold versteht das Sprichwort zwar in einem positiven Sinn: Es gebe keinen Grund, die eigene Heimat für besser zu halten als andere Länder, und das sei nur gut so. Der junge Mann setzt dabei stillschweigend voraus, dass die Schweiz ihre Vorreiterrolle als republikanischer Modellstaat längst eingebüsst habe. Keller signalisiert damit, der unterschiedliche Blick auf die Schweiz sei eine Generationenfrage. Anders als Arnold trauert Martin Salander – und mit ihm Gottfried Keller – dem idealistisch bewegten Aufbruch der 1848er-Schweiz nach.

Entgegen aller Skepsis hat sich mehr und mehr die Meinung durchgesetzt, «Martin Salander» sei neben «Der grüne Heinrich» Kellers bedeutendstes Meisterwerk und sein bleibendes Vermächtnis.

Museum Strauhof: Gottfried Keller – Der träumende Realist, bis 26. Mai

Gedenkjahr Escher/Keller: Website www.spurenderzukunft.ch

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