Bücher zu Weihnachten

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Bücher zu Weihnachten

Von Journal21, 06.12.2018

Welche Bücher möchten Sie schenken, welche möchten Sie selber lesen? Autorinnen und Autoren von Journal21.ch empfehlen Ihnen 27 Werke.
  • URS MEIER EMPFIEHLT

Lisa Halliday: Asymmetrie, Hanser 2018, 316 Seiten

Kühn stellt Lisa Halliday zwei Erzählungen nebeneinander, die durch nichts als das Titelthema zusammengehalten werden. Die eine schildert das asymmetrische Verhältnis der jungen Verlagsangestellten Alice zum berühmten Schriftsteller Ezra. Hinter diesem verbirgt sich Philip Roth so wie hinter Alice die Autorin selbst. Die andere Story ist die der Reise eines amerikanisch-irakischen Doktoranden nach Damaskus zu seinem Bruder. Schon auf der Reise und erst recht an deren Ziel brechen Asymmetrien der härtesten Sorte hervor. Ob der literarische Versuch gelingt, auseinanderstrebende Erfahrungen der Gegenwart unter diesem Leitwort zusammenzubringen, bleibt am Ende offen – und dies wohl ganz im Sinn der Verfasserin. Ein starker Erstling, der Erwartungen weckt.

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen (2011, 183 S.), April (2014), Jahre später (2018), alle bei Kiepenheuer & Witsch

Mit ihrer Romantrilogie hat Angelika Klüssendorf in der vordersten Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur Platz genommen. Die mit oft schmerzhaftem Realismus betriebene Selbsterforschung gewinnt ihre Wahrhaftigkeit nicht durch Entblössung, sondern durch die Kraft der literarischen Form. Sie spiegelt das Elend und die raren Glücksmomente dieses Lebens mit lakonisch-präziser Prosa und trockenem Humor. Die Autorin erschreibt sich selbst als die Person, die sie trotz widriger Bedingungen geworden ist, und vollzieht so im Medium der Literatur nach, was sie erkämpft hat. Es gibt Werke, die sollte man gelesen haben, so auch diese Trilogie: ein beeindruckendes Zeugnis unbändiger Widerstandskraft und gleichzeitig grosse Literatur.

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer & Witsch 2018, 238 Seiten

Am Starnberger See beim Dramatiker Max Halbe treffen sich im Sommer 1901 die Schriftsteller Eduard Graf von Keyserling, Frank Wedekind und der Maler Lovis Corinth, der Keyserling porträtiert. Dessen in Rückblenden erzählte Geschichte offenbart ein fortwährendes Scheitern unter Beibehaltung heiteren Gleichmuts. Die Aristokratie bleibt noch in ihrem Niedergang eine eigene Welt und geht, wenn auch nicht glamourös, so doch stilvoll zugrunde. Davon erzählt Modick mit entspannter Selbstverständlichkeit ohne moralische oder politische Fingerzeige. Seine Position ist die des nahen Beobachters, der tiefer in die Zeitumstände hineinsieht als seine Figuren. Erneut erweist sich der Autor als Meister intelligenter Unterhaltung.

  • HEINER HUG EMPFIEHLT

Horst Möller: Die Weimarer Republik – Demokratie in der Krise, Piper München 2018, 458 Seiten

Vor 100 Jahren entstand die Weimarer Republik, die so dramatisch endete. Aus diesem Anlass erschienen Dutzende neuer Schriften. Das komplett überarbeitete Werk des Historikers Horst Möller ist das wohl beste. Es beschreibt detailliert mit neuen Fakten das schmerzhafte Ringen um Demokratie. Möller stellt die Protagonisten mit ihren menschlichen und unmenschlichen Seiten in den Mittelpunkt. Er lobt Friedrich Ebert, räumt mit der Dolchstosslegende auf und zerzaust den politisch unerfahrenen Paul von Hindenburg, den er im wesentlichen mitverantwortlich macht für das Scheitern der Republik. Wer die Machtergreifung Hitlers (und was folgte) verstehen will, kommt um dieses Buch nicht herum.

Bruno Amable, Stefano Palombarini: Von Mitterrand zu Macron, Suhrkamp 2018, Taschenbuch, 255 Seiten

Die Linke ist tot, die Rechte ist tot. Überall entstehen nationalistische, identitäre, fremdenfeindliche Bewegungen. Das Buch der Professoren Bruno Amable von der Uni Genf und Stefano Palombarini von der Université Paris VIII gibt nicht zu Optimismus Anlass. Die heutige Krise drohe sich zu verschärfen und zu einer echten Gefahr für die Demokratie zu werden. Zwar steht Frankreich im Zentrum der Untersuchung, doch Gleiches gilt für Deutschland, Italien, Spanien etc. Verantwortlich für den desolaten Zustand der Linken sei ihr Ruck in die Mitte, ihre Streitereien und die Vernachlässigung ihrer traditionellen Wählerschaft. Die Rechte leide unter der unpopulär gewordenen Globalisierung. Das Links-rechts-Schema sei tot. Eher müsse man heute zwischen einerseits den „Populisten“ und andererseits den „Verantwortungsbewussten“ sprechen, jenen, die auf einen ausgeglichenen Staatshaushalt achteten.

 

Philip Blom: Eine italienische Reise, Hanser, München, 2018, 320 Seiten

Der Autor kauft in Wien eine 300-jährige Geige, die vermutlich in Italien gebaut wurde. Philipp Blom, der Geigenfanatiker, wäre selbst gern ein grosser Musiker geworden. Trotz intensivem Üben merkte er, dass es nicht reichte – und so wurde er Historiker. In seinem jüngsten Buch geht er auf die Spuren eines Unbekannten, der aus Füssen im Allgäu nach Süden auswanderte und „seine“ Geige gebaut haben soll. Alles ist spekulativ. Die Geige ist der rote Faden des Buchs. An ihm werden viele Anekdoten und teils abenteuerliche Geschichten festgeknüpft. Sie geben einen unterhaltsamen Einblick in die Kultur und die Geschichte des 18. Jahrhunderts. Am Schluss glaubt der Autor, die Stadt gefunden zu haben, in der sein Instrument gebaut wurde (sie sei hier nicht verraten). In einer Kirche spielte er auf seiner Geige zwei Sätze aus der h-Moll-Partita von Bach – und die Tauben hörten zu.

  • KLARA OBERMÜLLER EMPFIEHLT

Elizabeth Strout: Alles ist möglich, Luchterhand, München 2018, 224 Seiten

Auf den ersten Blick möchte man das neue Buch der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout für einen Erzählband halten. Aber es ist ein Roman: der Roman einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA, deren Bewohnerinnen und Bewohner wie durch unterirdische Rhizome miteinander verbunden sind. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer dieser Personen erzählt. Doch nach und nach entsteht daraus ein Geflecht von Schicksalen und Beziehungen, die von der Autorin auf literarisch ebenso gekonnte wie psychologisch raffinierte Weise miteinander verknüpft werden. Es ist von Nöten und Kränkungen die Rede, von Hoffnungen und Sehnsüchten, wie wir sie alle in der einen oder andern Weise kennen. Wenn Elizabeth Strout sie beschreibt, werden sie zu Dramen, wie wir sie von den Grossen der Weltliteratur kennen. Und wenn am Ende sogar die Schriftstellerin Lucy Barton, bekannt aus Strouts letztem Roman, „Die Unvollkommenheit der Liebe“, ihren lang erwarteten Auftritt hat, ist das Lesevergnügen perfekt. 

Bänz Friedli: Es ist verboten, übers Wasser zu gehen, Knapp, Olten 2018, 169 Seiten

Wer sich gerne an intelligenten und sprachlich fein gedrechselten Texten erfreut, der wird an Bänz Friedlis neuester Veröffentlichung seine helle Freude haben. Das hübsch gestaltete Bändchen enthält Kürzestgeschichten über die kleineren und grösseren Absurditäten des Alltags, wie nebenbei aufgeschnappte Begebenheiten, Erinnerungen, Impressionen, Reflexionen – eine jede für sich genommen eine kleine Preziose. Der Kabarettist, Kolumnist und ausgewiesene Kenner der Populärkultur versteht es, von scheinbaren Banalitäten ausgehend, kluge Einsichten zu präsentieren, die einem so schnell nicht wieder aus dem Sinn gehen. Ob im Fussballstadion, im Zug oder auf der Skipiste, Bänz Friedli widerfahren Dinge, die mal urkomisch, mal himmeltraurig sind: Dinge, wie wir sie alle schon erlebt haben. Nur konnten wir sie nicht so abgründig-heiter auf den Punkt bringen.

Katharina Adler: Ida, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2018, 512 Seiten

Eine Urgrossmutter zu haben, deren Geschichte unter dem Decknamen „Dora“ einer der berühmtesten Fallstudien Sigmund Freuds zugrunde liegt, stellt für eine Autorin ein Kapital dar, das es literarisch zu nutzen gilt. Und Katharina Adler tut dies bravourös und sehr geschickt. Indem sie ihr Buch als Roman bezeichnet, ist sie frei, die vorhandenen Fakten mit Fiktivem zu verweben und nicht nur zu erzählen, wie es war, sondern auch, wie es gewesen sein könnte. Freuds Studie gibt dabei die Folie ab, der sie ihre eigene Interpretation entgegensetzt. Dabei entsteht das vielschichtige Bild einer Frau, die sich den Zwängen ihres bürgerlichen Milieus zu widersetzen versuchte und dafür mit dem Stigma der Pathologisierung zu bezahlen hatte, einer Frau aber auch, der es gelang, sich aus der Opferrolle zu befreien und im Kampf gegen gesellschaftliche Repression zu einem einigermassen selbstbestimmten Leben zu finden.

  • ROLAND JEANNERET EMPFIEHLT

Alex Kurz: Schlittefahrt uf Bethlehem, Zytglogge Verlag, Basel, 2018, 96 Seiten

Für Dominik hätte die letzte Abfahrt vor dem Einnachten bös enden können: Doch er wird nach seinem Schlittelunfall noch rechtzeitig gefunden. Und der Flug mit dem Engel war bloss ein Traum … Zwölf Geschichten zur Advents- und Weihnachtszeit, alle in Mundart (Berndeutsch) geschrieben, passen bestens in diese Jahreszeit. „Seine Geschichten spüren mit liebenswürdigem Humor und überraschenden Wendungen dem Geheimnis von Weihnachtgen nach“, schreibt der Schriftsteller Pedro Lenz über den Autor Alex Kurz.

René Donzé, Franziska Pfister (Hrsg.): Die Kraft der Sinne, NZZ Libro, Zürich, 2016, 184 Seiten

„Der Tastsinn ist der erste, der sich im Mutterleib entwickelt, und der letzte, der vor dem Tod erlischt. Er ist das Fundament jeder Beziehung, der Intimste aller Sinne und der einzige, ohne den der Mensch nicht leben kann. Trotzdem wurde der Tastsinn in der Wissenschaft lange vernachlässigt und wird bis heute unterschätzt.“ Warum bloss? fragen sich die Herausgeber. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten sind die fünf Sinne, die uns Umwelt erfahren lassen. Aber gibt es auch noch den berühmten sechsten Sinn? Das Buch fasst eine Textserie aus der „NZZ am Sonntag“ in Buchform und lässt durch eine Reihe von Fachleuten die Welt der Sinne aufleben.

Marc Tribelhorn (Hrsg.): Die Schweiz als Ereignis, NZZ Libro, Zürich, 2017, 216 Seiten

Eine russische Attentäterin im Grand Hotel, Picassos Liebe für Basel, von der Armee vergiftete Kuhherden, die wundersame Reise eines St. Galler Flugpioniers oder bundesrätliche Geburtstagswünsche an Hitler – was seinerzeit viel Staub aufgewirbelt sowie Politik und Medien beschäftigt hat, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. 50 solche Geschichten und Episoden sind in einem Sammelband auf 210 Seiten zusammengefasst und werden neu beleuchtet. Vor allem sagen die Ereignisse viel über die Mentalität der Schweiz aus …

  • STEPHAN WEHOWSKY EMPFIEHLT

Colin Pantal, Zheng Ziyu (Hrsg): Magnum China, Schirmer/Mosel Verlag, München 2018, 376 Seiten, 364 Abbildungen

Faszination und Schrecken verbinden sich mit unseren Vorstellungen von China. Der Bildband mit Fotografien von 1938 bis heute bietet eine eindrückliche Zeitreise. Sie ist in vier Abschnitte eingeteilt, die jeweils mit vorzüglichen Einleitungen versehen sind. Die Bilder stammen von Fotografinnen und Fotografen der legendären Bildagentur Magnum. So ist dieser Band auch ein Beitrag zur Geschichte der Reportagefotografie. Den Fotografen gelingt es, Chinas Weg in die Moderne mit den Licht und Schattenseiten darzustellen.

Leonard Cohen: „Die Flamme / The Flame“. Aus dem amerikanischen Englisch von Nora Bossong und anderen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 352 Seiten

Zwei Jahre nach dem Tod Leonard Cohens hat dessen Sohn, Adam Cohen, Texte und Zeichnungen seines Vaters in einem umfangreichen Band herausgebracht. Die eigentliche Bestimmung seines Vaters sei das Schreiben gewesen, schreibt Adam in seinem Vorwort. Vieles hat Leonard Cohen in seinen letzten Lebenstagen noch selbst zusammengestellt. Die zweisprachige Ausgabe erstreckt sich über Jahrzehnte und führt in innerste Kammern Cohens. Der Verlag hat diesem Vermächtnis eine sehr schöne Buchgestalt gegeben.

Juli Zeh: Neujahr, Luchterhand, 192 Seiten

  • Weihnachten ist auch das Fest der familiären Krisen. Eine Familie verbringt Weihnachten und Neujahr auf Lanzarote. Mit ihrer feinen Beobachtungsgabe und präzisen Sprache beschreibt Juli Zeh die anfänglich kleinen Verwerfungen, die sich im Geist des Protagonisten mehr und mehr mit frühen Erinnerungen mischen und immer bedrohlicher werden. Juli Zeh paart Sensibilität mit Spannung. Ihr Blick auf skurrile Details schafft ironische Distanz. Am Ende kommt es nicht zur erwarteten Katastrophe. Eine Weihnachtsgeschichte ohne Kitsch und Verklärung.

  • CHRISTOPH KUHN EMPFIEHLT

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens, aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp Verlag, 2018, 163 Seiten 

In Frankreich boomt seit langer Zeit ein Romangenre, das die Literaturkritiker „autofiction“ nennen. Zu den konsequentesten und raffiniertesten Vertreterinnen dieses Genres gehört Annie Ernaux. In ihrem jüngsten Roman, „Erinnerung eines Mädchens“, beschreibt die 78-Jährige elegant und formvollendet die erste sexuelle Erfahrung, die sie als 19-Jährige erlebt hat. Fakt und Fiktion werden scharfsinnig miteinander in Verbindung gebracht, damit die Autorin „den Abgrund erkunden (kann) zwischen der ungeheuren Wirklichkeit eines Geschehens in dem Moment, in dem es geschieht, und der merkwürdigen Unwirklichkeit, die dieses Geschehen Jahre später annimmt.“

Mary Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus, Herausgeber und Übesetzer Alexander Pechmann, Manesse Verlag, 2017, 464 Seiten

Den klassischen Roman des Unwirklichen und Unheimlichen hat die erst 19-jährige Engländerin Mary Shelley vor 200 Jahren geschrieben, „Frankenstein oder der moderne Prometheus“. Die Urfassung, neu übersetzt, sorgfältig ediert, mit Anmerkungen und Nachwort versehen, bietet eine reizvolle Lektüre. Technisch versiert, stilistisch brillant erzählt die Autorin aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte vom Wissenschafter, der einen künstlichen  Menschen schafft – und ein Monster in die Welt entlässt. In seiner Abgründigkeit, dem ethisch-philosophischen Unterfutter, dem eingearbeiteten Bildungshorizont ist und bleibt Mary Shelleys Roman den zahllosen Nachbildungen überlegen.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich, Aufbau Verlag, 2018, 192 Seiten

Mit ihrem Debutroman, „Hier ist noch alles möglich“, hat die 30-jährige Baslerin Gianna Molinari zu Recht Aufsehen erregt. Aus der Sicht einer jungen Frau, die als Nachtwächterin in einer bald stillgelegten Fabrik arbeitet, irgendwo in einer Schweizer Agglomeration, erzählt die Autorin von der Suche nach einem Wolf oder vom Mann, der aus einem Flugzeug fiel. Und wieder geht es um das Unwirkliche, (das Unheimliche), das in den „normalen“ Alltag eindringt und ihn transformiert. Bemerkenswert der schon ganz eigene, lakonische und doch an vieles anklingende Ton, den Gianna Molinari findet, um das Wirkliche, das Mögliche, das Imaginäre ihrer Geschichte zu entwickeln.

  • IGNAZ STAUB EMPFIEHLT

C.J. Chivers: The Fighters, Simon & Schuster, New York 2018, 374 Seiten

Der 54-jährige Reporter der „New York Times“ und Ex-Offizier der US-Marineinfanterie schildert aus unmittelbarer Nähe und auf eindringliche Weise, was es heisst, Amerikas Militärstrategie auf dem Boden oder in der Luft umzusetzen – am unteren Ende der Befehlskette in Afghanistan und im Irak. So sind akribisch gezeichnete Porträts von Frontsoldaten entstanden, die aber von einer Glorifizierung des Krieges weit entfernt sind. Dafür zeigen sie ungeschminkt auf, einen wie hohen Preis die Einzelnen für ihren freiwilligen Einsatz im Dienst einer oft undankbaren Nation zahlen. Und wie ihr heimisches Umfeld, Familien und Freunde, unfreiwillig mitleidet.  

Alan Rusbridger: Breaking News, Canongate, Edinburgh 2018, 440 Seiten

Der Untertitel des Buches verrät, worum es dem früheren Chefredaktor des Londoner „Guardian“ geht: um die dringend notwendige Reform in erster Linie des gedruckten Journalismus. Schonungslos diagnostiziert er den Zustand eines Genres, dem angesichts rapider technischer und gesellschaftlicher Disruption die Tradition abhandengekommen ist. Das aber noch nicht weiss, wie die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen sind. Auch Alan Rusbridger kennt kein Patentrezept, wie die News zu flicken wären, die zerbrachen, als Wahrheit fake und fake wahr wurde. Er stellt aber, ganz investigativer Journalist, die richtigen und wichtigen Fragen.

Hans Danuser: Dunkelkammern der Fotografie, Steidel, Göttingen 2017, 232 Seiten

Der Bündner ist heute in der Schweiz einer der profiliertesten Vertreter zeitgenössischer Fotografie. Von seinen ersten Arbeiten Mitte der 70er-Jahre bis zu seinen jüngsten „Matographien“, die derzeit im Kirchner Museum Davos zu sehen sind, ist der 65-Jährige unbeirrbar, konsequent und kreativ seinen Weg gegangen, ohne der Versuchung zu erliegen, modischen Trends zu folgen. Hans Danuser geht stets in die Tiefe, wie es sich für die ausgesuchten Sujets geziemt, derer er sich mit wissenschaftlicher Methodik und technischer Expertise neugierig annimmt. Ein schön gestalteter Bildband, der mit erhellenden Texten angereichert wird, versammelt nun erstmals Hans Danusers künstlerisches Werk.

  • REINHARD MEIER EMPFIEHLT

Christian Schmidt-Häuer: Tatort Panama. Konquistadoren, Kanalbauer, Steuerflüchtlinge. Westfälisches Dampfboot, Münster 2018, 470 Seiten

Panamas Schicksal ist die Geographie, heisst es im Buch von Christian Schmidt-Häuer.  Mit dem sicheren Blick des erfahrenen Journalisten für fesselnde Persönlichkeiten und historische Zusammenhänge erzählt er die 500-jährige turbulente Geschichte der Landenge zwischen Nord- und Südamerika. Ohne den gewaltigen Kanalbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts wäre Panama wahrscheinlich noch heute eine Provinz Kolumbiens. Es war der energiegeladene US-Präsident Theodore Roosevelt, der die entscheidenden Weichen stellte, dass der 82 Kilometer lange Schleusenkanal durch das tropische Dschungel- und Gebirgsgelände schliesslich zustande kam. Der Erbauer des Suezkanals, der französische Ingenieur Ferdinand Lesseps, war zuvor an diesem Projekt dröhnend gescheitert. Der Kanalbau ist aufs engste mit der Grosstat des US-Mediziners William Gorgas verbunden, dem es gelang, das Gelbfieber zu besiegen. Es fehlt nicht an düsteren Kapiteln und Gestalten in der Geschichte Panamas. Und doch haben dessen Bewohner heute insgesamt bessere Perspektiven als in den meisten andern Ländern Mittelamerikas.

Dagmar von Gersdorff: Julia Mann. Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Insel-Verlag, Berlin 2018, 335 Seiten

Über die berühmte Familie Mann, die der Kritiker Reich-Ranicki die deutschen Windsors genannt hat, sind viele Biographien geschrieben worden. Dies ist die erste umfassende Lebensbeschreibung von Julia Mann, der Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Sie wuchs als Julia da Silva-Bruhns auf einer Zuckerplantage in Brasilien auf. Ihr Vater, der aus Lübeck stammende Ludwig Bruhns, brachte die siebenjährige Tochter Julia nach dem frühen Tod seiner Frau zurück in seine Heimatstadt, wo sie bei Verwandten aufwuchs. Mit achtzehn Jahren heiratete sie den Kaufmann und Senator Thomas Johann Heinrich Mann. Sie spielte ausgezeichnet Klavier, verfasste eigene Erzählungen und brachte so ein musisches Element in die Kaufmannsfamilie. Sie gebar fünf Kinder. Beide Töchter schieden durch Suizid aus dem Leben, zwei Söhne, Heinrich und Thomas, wurden weltberühmte Schriftsteller. Nach dem Tode ihres Mannes zog sie nach München und gründete einen künstlerischen Salon. Sie war die Inspiration für die Gestalt der Senatorin Gerda Buddenbrook im grossen Erstlingsroman ihres Sohnes Thomas.

Theodor Fontane: Der Stechlin. Roman, Insel-Verlag, Berlin 505 Seiten

2019 wird der 200. Geburtstag von Theodor Fontane gefeiert – ebenso wie derjenige Gottfried Kellers. Da kann es erhellend sein, von der unübersichtlichen Bücherflut der Neuerscheinungen für eine Weile Abstand zu nehmen und sich wieder einmal in die beschauliche Welt eines Klassikers wie Fontantes „Stechlin“ zu versenken. Die Hauptfigur dieses Werk ist der alte Dubslav Stechlin, dessen bescheidenes Herrenhaus am gleichnamigen See in der Mark Brandenburg liegt. Von diesem alten Herrn heisst es schon zu Beginn des Buches, er verfüge zwar im Stillen über ein gesundes Selbstwertgefühl, kleide dieses aber gern in Humor und Selbstironie, „weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte“. Dramatische Handlungen gibt es nicht in diesem Buch, das überwiegend aus Gesprächen und Unterhaltungen im gesellschaftlichen Umkreis des alten Stechlin und dessen einzigem Sohn Woldemar, Gardeoffizier in Berlin, besteht. Über all diesen Beschreibungen webt die „Melancholie einer Spätzeit, voll Skepsis und doch versöhnlich“, wie ein Rezensent formuliert hat. Man kann dabei erfahren,  dass gesellschaftliche Umbrüche die Menschen auch zu Fontanes Zeiten beschäftigt haben – und dass sie, ebenso wie heute, sehr unterschiedlich darauf reagierten.

  • GISELA BLAU EMPFIEHLT

Stuart E. Eizenstat: President Carter, The White House Years,
Thomas Dunne Books New York 2018

Die 1000 Seiten lesen sich wie ein Polit-Thriller. Der Autor, US-Spitzendiplomat, ist bekannt als unbestechlich ehrlicher Vermittler. Eizenstat begleitete als junger Anwalt Jimmy Carter im heimatlichen Atlanta erstmals auf dem Weg zum Gouverneur von Georgia. Später diente er ihm als enger Berater im Weissen Haus. In diesem Buch erinnert Eizenstat an die Leistungen des in seinen Augen am stärksten unterbewerteten US-Präsidenten, ohne die Fehler zu verschweigen. Ein hinreissendes Stück Weltgeschichte vom Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten bis zum Geiseldrama von Teheran, das Carter die Wiederwahl kostete.

Thomas Hürlimann: Heinkehr, S. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2018, 528 Seiten

Endlich ist es uns wieder vergönnt, nach zahn Jahren Pause wegen einer schweren Krankheit des Schriftstellers, einen Roman von Thomas Hürlinann zu lesen. Der Autor hat nichts von seiner sprachlichen Brillanz und Fabulierlust eingebüsst, im Gegenteil. Es steckt wieder viel Autobiografisches in der Geschichte. Wie meist gibt es einen erdrückend dominanten Vater und die Suche nach sich selbst. Wer ist dieser Herr Übel, der nach einem Autounfall keine Ahnung hat, wie ihm geschah? Und ist eine Heimkehr im weitesten Sinn überhaupt denkbar? Ein überaus nachhaltiges Buch. 

Charlotte Peter: Die Geschichte eines hässlichen Mädchens. Eine etwas andere Biografie, Münster Verlag Basel 2018, 144 Seiten

Hässlich war die Tochter gar nicht, aber sie entsprach nicht den Idealen der Mutter. Dennoch machte Charlotte Peter ihren Weg, und wie. Die erfolgreiche Journalistin kannte und kennt nur ein Hobby: Reisen. China zum Beispiel bereiste sie bereits mehr als hundert Mal. Und so publiziert die 94-jährige Zürcherin ein Reisebuch nach dem anderen, diesmal auf sehr persönliche Art. Wie immer ist die Lektüre unterhaltsam, witzig, sorgfältig recherchiert, ausgiebig bebildert und vermittelt uneingeschränkten Genuss.

Kommentare

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