Brückenschlag

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Brückenschlag

Von Toni Zwyssig, 07.10.2013

Am vergangenen Wochenende wurde im Berner Simmental eine Hängebrücke eingeweiht. 111 Meter lang und 111 Meter über dem Morgetenbach. Sie soll auch eine Brücke zwischen den Generationen schlagen.

Die neue Hängebrücke am wieder hergestellten historischen Bäderweg erschliesst eines der abgelegensten Heimwesen im Simmental und macht die Gegend dem Wandertourismus zugänglich.

Foto: blick.ch Dominik Baumann
Foto: blick.ch Dominik Baumann

Im multikulturellen Luzerner Basel-Bernstrasse-Quartier musizieren 25 Kinder, vorwiegend aus Migrantenfamilien, dreimal wöchentlich in Gruppen und geben Konzerte mit Streichinstrumenten, die sie sich eigentlich gar nicht leisten könnten.

In Wuppenau TG ist der Dorfmarkt VITA plus zu einem Vorzeigeprojekt geworden. Das Projekt des Vereins revita sichert damit die Nahrungsversorgung des Dorfes und ermöglicht gleichzeitig psychisch beeinträchtigten Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Das Verbindende der drei Ereignisse: hinter jedem Anlass stehen Beraterinnen und Berater von „Innovage“ und jedes Mal haben sie das scheinbar Unmögliche möglich gemacht.

Projektbegleitung im Fokus

„Innovage“ verbindet die Begriffe „Innovation“ und „âge“ (Lebensalter) und steht für kreative Beratung und den Brückenschlag zwischen den Generationen. Innovage gibt es seit 2006, ist vom Migros-Kulturprozent initiiert und finanziert worden und wird seit Beginn fachlich begleitet durch die Hochschule Luzern-Soziale Arbeit. Innovage-Beraterinnen und -Berater sind ausgewiesene meist pensionierte Führungs- und Fachleute aus Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Beratung, die ihr Erfahrungswissen unentgeltlich und generationenübergreifend weitergeben, indem sie Projekte begleiten oder selber entwickeln und diese übergeben. Innovage ist ein Verein, der seine Angebote an nicht profitorientierte Organisationen und Einzelpersonen richtet. In neun Netzwerken verteilt auf die ganze Schweiz arbeiten 150 Beraterinnen und Berater. 2012 wurden 80 Projekte betreut, 30 abgeschlossen und 17 neu angenommen.

Die „Hängebrücke“ - ein Projekt mit Symbolgehalt

Das Innovage-Projekt „Hängebrücke“ ist ein Projekt mit Symbolgehalt und für Innovage typisch und atypisch zugleich. Typisch im Projektmanagement, in der Projektbegleitung von A bis Z, im Einbringen von Erfahrung und Verbindungen. Atypisch im Umfang und im zeitlichen Engagement.

Am Anfang stand eine Idee. Zwei initiative Bergbauernfamilien aus dem Simmental, Christian Haueter und Hans Feuz mit seiner abgelegenen Maiensässe auf der Leiternweide, wollen diese mit einer Hängebrücke erschliessen. Das 15 ha grosse Wies- und Weideland ist seit Generationen im Familienbesitz; ohne Zugang droht das ganze Gebiet zu verganden und ein ökologisch wertvoller Trockenstandort ginge verloren. Als die Projektinitianten Ihre Idee beim Meliorationsamt des Kantons Bern vortragen, stellt sich heraus, dass das Projekt in dieser Form nicht realisiert werden kann, weil die gesetzliche Grundlage für eine Subventionierung fehlt. Zufällig stösst Christian Haueter auf Innovage und ersucht um Unterstützung. Es kommt zu einem ersten Gespräch mit den beiden Bergbauern-Familien und „der Funke sprang über“,  erzählen Hanspeter Hauck und René Brusa, beide  Innovage-Berater im Netzwerk Bern-Solothurn. Geri Kühni, der Kommunikationsfachmann und Martin Karrer, Jurist aus dem Netzwerk Zürich, ergänzen das Team und sind bereit, die Projektinitianten zu unterstützen. Hauck übernimmt die Projektleitung und Brusa die Ingenieurbelange und das Sekretariat der Genossenschaft, die eigens für die Umsetzung des Projekts gegründet wird.

Das Projekt wird auf eine völlig neue Grundlage gestellt: Die Brücke wird Teil einer Hauptwanderroute, der historische Bäderweg wird restauriert und das Ganze in einen agrotouristischen und historischen Kontext gestellt. Das heisst Generalplanung. Dazu gehören das Erbringen aller Ingenieur- und Beratungsleistungen, Öffentlichkeitsarbeit, verhandeln, verfassen von Subventionsgesuchen bei Bund und Kanton, durchlaufen von Planungs- und Baubewilligungsverfahren, Fundraising bei Stiftungen und Sponsoren. „Dieser lange Weg bis zur Realisierung des Projekts ist mit rund 2700 A4-Seiten gepflastert“, sagt Projektleiter Hauck von Innovage, „und mit einer Realisierungszeit von knapp vier Jahren und einem Investitionsumfang von einer halben Million Franken, gehört es wohl zu einem der grössten Projekte, das Innovage je gestemmt hat.“ Am 5. Oktober 2013 werden der neue Bergwanderweg inklusive Hängebrücke als Bäderweg und Bestandteil der Via Casea mit einem Alpkäsemarkts eröffnet. „Ohne Innovage wäre das Projekt nicht zustande gekommen. Ein privates Planungsbüro hätte für den Aufwand 125‘000 bis 150‘000 Franken haben müssen. Das hätte man nie aufbringen können!“ ist Hanspeter Hauck überzeugt.

Foto: blick.ch Dominik Baumann
Foto: blick.ch Dominik Baumann

Die meisten Innovage-Projekte sind kleinere Projekte, die über ein bis zwei Jahr laufen und nie ein Finanzvolumen wie das Hängebrücke-Projekt aufweisen. Das typische Innovage-Projekt ist eine Projektbegleitung mit dem Ziel, zu unterstützen, zu stärken und sich wieder auszuklinken, wenn die Projektnehmer fit gemacht worden sind, ihr Projekt eigenverantwortlich weiterzuführen.

Unbürokratische Brückenbauer

Innovage-Beraterinnen und -Berater treten auf als unbürokratische Coaches, Türöffner und „Brückenbauer“, die ihr Erfahrungswissen generationenübergreifend lustvoll weitergeben. Jede Projektanfrage wird in den Innovage-Netzwerken besprochen. Wenn die  Anfragen die Vorgaben von Innovage erfüllen und wenn Beraterinnen oder Berater mit den gefragten Kompetenzen  zur Verfügung stehen, wird das Beratungsteam bestellt und ein Vertrag zwischen Projektnehmer und Innovage abgeschlossen. Fehlt im Netzwerk eine kompetente Person wird sie in einem andern Netzwerk gesucht. Grundsätzlich wird jedes Projekt von zwei Innovage-Leuten betreut. Das bringt unter anderem den Vorteil, dass Synergien genutzt werden können und bei zeitlicher Indisposition des Einen die Andere präsent ist. Innovage-Beraterinnen und –Berater wollen sich als Pensionierte bewusst nicht dem gleichen Rhythmus und Druck ihrer vergangenen beruflichen Tätigkeit aussetzen. Die ihnen  Verfügung stehende Zeit nach der Pensionierung soll schliesslich auch für neue und andere Bedürfnisse und Erfahrungen genutzt werden können. In der Projektbegleitung geschieht die eigentliche Arbeit.

Fixe Termine sind die monatlichen Netzwerksitzungen. Administration und Sitzungen werden auf ein Minimum beschränkt.Gesprochen wird über Projektanfragen und laufende Projekte. Es wird diskutiert, ausgetauscht und ergänzt. Alle greifen auf ihr persönliches Netz von Bekannten zurück, stellen dieses zur Verfügung und wirken wo nötig als Türöffner. Neben einzelnen von Innovage angestossenen Projekten stehen vor allem die Auftrags-Projekte im Vordergrund. In der Projektbegleitung geschieht die eigentliche Arbeit.

Die Motivation

Die meisten Befragten nennen als Hauptmotiv, bei Innovage mitzumachen, die Lust und das Bedürfnis, Erfahrungswissen weiterzugeben, der Zivilgesellschaft etwas zurück geben zu wollen. Innovage-Beraterinnen und –Berater haben meist ein hohes Ausbildungsniveau und im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit verantwortungsvolle und vielseitige Posten bekleidet. Sie bringen Fach- und Führungserfahrung mit, die bei Innovage oft in ganz anderswo angesiedelten Projekten zum Zug kommen. Besonders geschätzt wird der regelmässige Austausch und die Möglichkeit, Projekte generationenübergreifend zu begleiten. Dabei geben die Innovage-Beraterinnen- und Berater nicht nur eigenes Knowhow weiter. Sie erhalten Einblick in andere berufliche Bereiche, arbeiten mit Leuten zusammen, die andere Erfahrungen mitbringen und lernen laufend neue Themenfelder und engagierte Personen aus allen Generationen und Milieus kennen.

„Dies alles und das Gefühl, noch gebraucht werden zu können hält Geist und Körper frisch!“ sagt Ferdinand Steiner, ehemaliger CEO einer grossen Versicherungsgesellschaft. Er sorgt im Projekt „Babel Strings“ dafür, dass nützliche Strukturen geschaffen und Infrastrukturen bereitgestellt werden. Es ermöglicht Kindern im multikulturellen Basel-Bern-Quartier in Luzern Freude am Musizieren und an Begegnungen über alle Herkunftsmilieus hinweg . Josef Moser, Verantwortlicher von Babel Strings, schätzt an der Zusammenarbeit mit von Innovage „die wohlwollend-kritische Begleitung, die bei uns zu geeigneten Strukturen und einem nachhaltigen Finanzkonzept geführt hat und so die Qualitätssicherung für die nächsten Jahre garantiert.“

Cecile Malvez, Sozialarbeiterin und Filmproduzentin, hat eben die Projekte „Mutter und Kind“ und „Palliativ Care Zentralschweiz“ abgeschlossen. Ihr gefällt an Innovage „die Vielfalt von Möglichkeiten und Erfahrungen aus so unterschiedlichen Berufen wie zum Beispiel Ingenieur und Sozialarbeiterin. In den konkreten Projekten müssen wir uns pragmatisch zusammenraufen. Dabei profitieren alle voneinander.“

Heinz Krucker, Netzwerk Ostschweiz hat das Projekt „Dorfmarkt Wuppenau“ mit einem vierköpfigen Innovage Team, alles Profis aus dem Detailhandel, von der Planung bis zur Umsetzung begleitet. Drei Jahre nach der Eröffnung zieht Heinz Krucker Bilanz: „Die Ertragssituation des Dorfmarkts ist hervorragend. Der Dorfmarkt ist aus dem Dorf nicht mehr wegzudenken. Die Integration psychisch beeinträchtigter Frauen ist gelungen und macht das Projekt vorbildhaft.“

Im Vorwort zum Innovage-Buch „Die andere Karriere“ von Beat Bühlmann schreibt die damalige Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer Wyss: „Das Miteinander verschiedener Generationen macht uns als Gesellschaft stark: Es erleichtert das gegenseitige Verständnis, hilft Vorurteile zu überwinden, kombiniert Routine mit neuen Impulsen, ermöglicht so Fortschritt und trägt zum lebenslangen Lernen von uns allen bei.“

Noch ist nicht Feierabend

Im Frühling stellte sich Innovage erstmals mit einem Stand an der MUBA, der Mustermesse in Basel vor. Ziel des Pilotprojekts des Netzwerks Nordwestschweiz war es, Innovage einem grösseren Publikum bekannt zu machen, sich anzubieten, Projekte zu begleiten und neue Mitglieder zu werben. Der Besuch des Stands war recht gut, stand aber in keinem Verhältnis zum Stand der Sterbehilfeorganisation „Exit“, der unmittelbar daneben von Besuchern fast überrannt wurde. Die Innovage-Beraterinnen und –Berater versuchten mit einigem Erfolg, Exit-Interessierte zu bewegen, sich doch bei Innovage zu überzeugen, dass man zwischen Pension und Exit eigentlich noch viel tun könnte nach dem Motto: Noch ist nicht Feierabend!

www.innovage.ch

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