Bildung via Internet

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Bildung via Internet

Von Christoph Zollinger, 27.03.2015

Universitäten beurteilen die Zukunft des Online-Lernens unterschiedlich. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus.

Die digitale Revolution verändert die Welt. Besonderes Augenmerk verdient unter diesem Aspekt das höhere Bildungswesen, insbesondere das Online-Lernen an den Universitäten. Zu Wort kommen sollen hier Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne (EPFL), Lino Guzella, Präsident der ETH Zürich, Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel, Dieter Euler, Universität St. Gallen. Ihre unterschiedlichen Einschätzungen dieses Megatrends sind erstaunlich.

Diesen Schweizer Entscheidungsträgern gegenüber gestellt wird Rafael Reif, Präsident des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts in den USA. Das MIT gilt als eine der weltweit führenden Eliteuniversitäten. Reif ist überzeugt, dass digitales Lernen ist die wichtigste Innovation seit der Erfindung des Buchdrucks sei.

Zugpferd ETH Lausanne (EPFL)

Um die 800 Vorlesungen findet man auf sogenannten MOOC-Plattformen. MOOC steht für «Massive Open Online Course». Ganz vorne dabei ist die ETH Lausanne mit ihrem Präsidenten Patrick Aebischer. Er beschreibt das Potenzial der neuen Studienform als «Tsunami». Im Dezember 2014 konnten an der EPFL zwanzig solcher Kurse belegt werden (einen Teil davon auch an der Universität Genf), Dutzende weitere sind in Vorbereitung. Karl Aberer, Professor für Computer-Wissenschaften an der EPFL meint gar: «Ich bin mir fast sicher, dass MOOCs grundlegende Änderungen bringen werden. Bereits wird diskutiert, dass es keine grossen Vorlesungssäle an Hochschulen mehr braucht». Coursera (coursera.org) ist die führende Plattform für solche Onlinekurse.

Seit 2009 ist Lausanne auch Partnerin von iTunes U, der Online-Plattform von Apple mit einem Angebot von Tausenden von Kursen. Unter den Hunderten von Hochschulen, die darauf vereint sind, figurieren auch Yale, das MIT und Berkeley. Es scheint, als verkörperten diese MOOCs die neueste Entwicklung im Bereich der höheren Bildung, also die Internationalisierung, den Zusammenschluss kleinerer Elite-Universitäten und die Erschliessung eines neuen Publikums.

Skepsis an der ETH Zürich

Lino Guzella, ETH Präsident und damit als oberste Führungsperson verantwortlich für die Gesamtstrategie und die Berufung der Wissenschaftler, ist deutlich skeptischer. Er mag am Umstand, dass amerikanische Hochschulen auf diesem Gebiet sehr aktiv sind, noch lange keinen weltweiten Megatrend ausmachen. Er verteidigt das konservativere Bild des Hörsaals, in dem sich Studierende und Professoren gegenüber sind. Auch den Trend, wonach Hochschulen ihr Wissen der breiteren Bevölkerung mit Online-Kursen zugänglich machen sollten, scheint er eher argwöhnisch zu beobachten.

Sein Credo: Nicht das Vermitteln von Fakten ist die wichtigste Aufgabe einer Hochschule, sondern den Leuten beizubringen, wie man denkt. «Lernen auf hohem Niveau, echtes Lernen, denken lernen – das ist ein Prozess, der sozial und emotional bestimmt ist. Lernen ist, etwas pathetisch gesagt, eine Kommunion zwischen Schüler und Meister» (NZZ am Sonntag).

Als Beispiel führt er in jenem Interview an, dass es einen Unterschied mache, ob man Cecilia Bartoli im Opernhaus live höre oder am Radio. Letzterem ist allerdings beizustimmen.

Universität Basel zurückhaltend

Ähnlich zurückhaltend äussert sich Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und gleichzeitig Präsident der Rektorenkonferenz. Er hält es für unwahrscheinlich, dass Schweizer Universitäten in grossem Stil Onlinekurse produzieren und global zur Verfügung stellen werden. Seine Begründung: In der Schweiz gehörten die Universitäten den Kantonen, und deshalb hätten sie Rücksicht auf ihre Trägerschaft zu nehmen.

Sein Urteil über MOOC: «interessant». Da mag sich mancher fragen: Sind denn die Trägerschaften unserer Universitäten – nur weil diese kantonal verankert sind – blind auf einem Auge? Oder wird auch hier ein unzeitgemässer Kantönligeist gepflegt, während die Welt sich täglich mehr Richtung Global Village verändert?

Uni St. Gallen: auf Zukunft vorbereitet?

Auf ihrer Homepage wirbt die Universität St. Gallen: «Wichtig ist uns sowohl der integrative Ansatz der Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- und Kulturwissenschaften verbindet, als auch die internationale Diversität unserer Studierenden.» Und was meint Dieter Euler, für die Lehre zuständig, befragt zum Thema Online-Lernen? Gemäss NZZ am Sonntag lässt er sich mit den Worten zitieren, dass ein Lehrbuch solchen digitalen Lerneinheiten in der Regel überlegen sei. Ein Engagement in diese Richtung sei zudem risikoreich; es sei nicht bewiesen, dass es wirtschaftlich rentabel sein werde.

Diese Aussage ausgerechnet von einem Vertreter der schwergewichtsmässig auf die Ausbildung zukünftiger Wirtschaftsführer und –führerinnen fokussierten Universität zu vernehmen, gibt zu denken. Wirtschaftliches Risiko einzugehen ist eines der altbewährten Rezepte erfolgreicher Unternehmungen. Erachtet man es als Kernaufgabe einer Hochschule, bei den Lernenden das Feuer der Neugier zu entfachen und neue Erkenntnisse zur Zukunftsbewältigung bereitzustellen, stimmt Eulers Botschaft nachdenklich.

Zukunftsorientiert: das MIT in den USA

«The mission of MIT is to advance knowledge and educate students in science, technology and other areas of scholarship that will best serve the nation and the world in the 21st century”, so beschreibt sich das »Innovations-Universum” MIT. («Es ist die Mission des MIT, Wissen zu fördern und Studierende in Wissenschaft, Technologie und anderen Studiengebieten auszubilden zum Vorteil des Landes und der Welt im 21. Jahrhundert»).

Das Massachusetts Institute of Technology ist eine private Universität (Motto: Mens et Manus). Mit über tausend Lehrkräften, über 10‘000 Studierenden und einem Stiftungsvermögen von über 10 Mrd. Dollar also eine gewichtige Institution. Seit über zehn Jahren sind ihre OpenCourseWare, also Online-Lehrgänge, gratis weltweit verfügbar. Besonderer Stolz: Seit der Gründung 1861 sind 81 Nobelpreisträger aus dem MIT hervorgegangen.

Präsident, Forscher, Regierungsberater

Rafael Reif ist seit 2012 Präsident des MIT. Ausgezeichnet für seine Forschung und Pionierleistungen auf den Gebieten der Mikrosystemtechnik, der Nanotechnologie und beim Digitalen Lernen ist er gleichzeitig Co-Präsident einer Beratergruppe der US-Regierung.

Seine Überzeugung: Online-Lernen hat eine eigentliche Revolution ausgelöst. Universitäten, die bei diesem Trend nicht mitmachen, werden überrollt. In einem Interview im Februar 2015 in der NZZ am Sonntag charakterisiert er das Credo und den Fokus des MIT damit, stets an die Zukunft zu denken und diese auch gestalten zu wollen. «Diese Zukunft heisst digitales Lernen.» Und er erklärt diese Behauptung so: «Vielerorts wird noch immer unterrichtet wie vor fast tausend Jahren. Zwar wurde die Technik verbessert […]. Es ist ein Unterricht in einem Klassenzimmer. 20 oder 200 Menschen hören jemandem zu, der doziert. Sie lernen passiv.»

Reif vertritt die Meinung, dass viele Dinge, die es für Studenten zu erlernen gilt, besser über digitale Lernprogramme vermittelt werden können, als in einer Vorlesung. Dieser Lernprozess ist unabhängig von Standort und Zeitpunkt. Damit wird Zeit frei für die teurere, aber wertvollere Zeit des persönlichen Austauschs. Die Ausbildung am MIT ruht deshalb auf drei Pfeilern: Lernen von bestehendem Wissen, Verbesserung von bestehendem Wissen, Wissensanwendung, um daraus etwas Neues zu schaffen, also Innovation. Digitales Lernen ist nur für das Lernen von bestehendem Wissen geeignet. Doch damit gewinnt man Zeit für die beiden anderen Komponenten.

Sowohl, als auch

Auch Reif ist davon überzeugt, dass die klassische Ausbildung mit Präsenz an der Uni immer noch das beste Modell für ein Studium darstellt. Das sagt er heute. Ob er in zehn Jahren noch gleicher Meinung sein wird, stellt er selbst in Frage. «Dannzumal dürften wohl digitale Lernangebote in der Lage sein, auf virtueller Basis soziale Interaktion herzustellen, die so effektiv sein wird wie die reale Interaktion an der Uni.»

Besonders streicht er hervor, dass das Material des MIT «Wissen» sei. Dieses Wissen gehört nicht dem MIT, sondern der ganzen Welt. Mit diesem Wissen will das MIT den grossen Herausforderungen der Welt begegnen und es zum Wohl der Menschheit einsetzen. Dazu suchen sie auf der ganzen Welt nach den hellsten Köpfen, die das Gleiche anstreben.

Keine Modeerscheinung

Darauf angesprochen, dass es Universitäten gäbe, die MOOCs als Modeerscheinung betrachteten, gibt er eine klare Antwort. Diese Kurse würden von Hunderttausenden, ja von Millionen von Studenten absolviert – das könne nicht nur eine Mode sein. Online-Lernen sei eine gewaltige Innovation, die auch von globalen Unternehmen zu Schulungszwecken rund um den Erdball verwendet könne. Sie werde deshalb nicht verschwinden, sondern Teil unseres Lebens werden.

Das MIT sieht es als eine wichtige Aufgabe an, Studenten beizubringen, wie sie das Gelernte anwenden können. Also ihren eigenen Job selbst zu kreieren und es anschliessend mit einer eigenen Unternehmensgründung (Start-up) zu wagen. Genau auf einem solchen Onlinekurs schrieben sich 55’000 Menschen ein, von denen 9’000 abschlossen. Für den Nachfolgekurs haben sich 70’000 Lernbegierige aus annährend 200 Ländern dieser Welt angemeldet.

Seit der Renaissance ist Wissen in immer mehr Teilen dieser Welt theoretisch frei zugänglich. Jetzt folgt ein weiterer Schritt der praktischen Umsetzung dieser grossartigen Idee.

Wie online Bildung da ausssieht, wos kaum anders geht. Die Inselwelt im Pazific und das Projekt Te Kuira Uira - die online-Praxis.
http://mia.ch/interviews/

Es wird zu wenig und auch zu wenig klar zwischen Ausbildung und Bildung unterschieden.

Verlautbarungen wie jene Rafael Reifs vom MIT, Wissen zu fördern zum Vorteil des Landes und zum Wohle der Menschheit, sind – mit Verlaub – abgestandene warme Luft, wie sie uns heute praktisch jede höhere Bildungsanstalt entgegenventiliert. Wenn das MIT es als eine wichtige Aufgabe ansieht, Studenten beizubringen, ihren eigenen Job zu kreieren, um anschliessend ein Startup zu gründen, dann mag das zum akzeptierbaren Ziel einer technischen Hochschule gehören, das möglicherweise auch mit MOOCs erreicht werden kann. Und ja, das MIT hat exzellente Lehrer und bietet exzellente Online-Vorlesungen an. Sein Präsident hat selbstverständlich ein ganz bestimmtes Interesse, die „Mission“ seines Etablissements zum allgemeinen Bildungsideal hochzujubeln. Man sollte solche Verlautbarungen aber mit ein paar grossen Körnern Salz geniessen. Zudem ist noch alles andere als erwiesen, dass digitales Lernen nun das nächste pädagogische „Big Thing“ ist. Hier muss man auf Langzeitstudien warten, nicht auf vollmundiges PR-Geschwafel hören. Wenn im vorliegenden Artikel nun kritisch moniert wird, die schweizerischen Hochschulen begegneten den neuen Unterrichtsmöglichkeiten nur zögerlich, dann kann man nur sagen: Zum Glück! Das hat, behaupte ich, nichts mit Bildungskonservatismus zu tun, sondern mit der robusten Zuversicht in eine Vielfalt von Lehr- und Lernmethoden. In diesem Sinne ist auch die Meinungsverschiedenheit der Hochschulvorsteher überhaupt nicht „nachdenklich stimmend“, sondern erfreulich. Neue Erkenntnisse zur Zukunftbewältigung entstehen überall, nicht nur im Human-Brain-Project oder anderen Mega-Projekten.
Zufälligerweise lese ich gerade in Hannah Arendts letztem, unvollendetem Werk „Vom Leben des Geistes.“ Sie unterscheidet darin zwischen Denken in Isolation – das „Zwei-in-Einem“ - und Denken, das einen „Dialog des Gedankens“ mit andern konstituiert. In beiden Fällen werden unterschiedliche Gesichtspunkte, entweder in einem internen Gespräch oder aber in einem Dialog mit anderen „repräsentiert“. Weil sich Denken sozusagen nach innen und nach aussen beugt, müsse es stets in gemeinsamer Erfahrung geerdet sein. Wenn MOOCs solche Erfahrungen ermöglichen, dann sind sie zu begrüssen, nicht aber, wie bei vielen Online-Aktivitäten beobachtbar, wenn sie zu einer isolierenden Inwärtsbewegung führen.
Arendt wandte sich übrigens auch gegen die Annahme, dass das Ergebnis des Denkens immer gleich vorauszubestimmen sei. Sie insistierte – etwa in „Wahrheit und Politik“ (1967) – , dass echtes Denken „diskursiv ist, sozusagen von Ort zu Ort, von einem Teil der Welt zu einem anderen laufend, durch alle Arten von widersprüchlichen Ansichten.“ Denken ist ein exploratives, heuristisches Unternehmen, nicht determiniert und mit unvorhersehbaren Resultaten. Insofern auch ein Risiko. Es fällt gerade aus den Rahmen vorgegebener Strategien und „nützlicher“ Ziele und Zwecke. Arendt sah gerade die Universität als ein Übungssfeld, „ohne Geländer“ denken zu lernen, wie sie das nannte. Bildung ist Denken „in einer erweiterten Geisteshaltung – das heisst, man übt seinen Geist darin, auf Visite zu gehen“. Die Universität als Ort, wo man das Denken anderer besucht – eine wunderschöne Idee.

Es gibt bereits heute in der nationalen und internationalen Bildungslandschaft eine Vielfalt von digitalen Lernangeboten. Diese stehen aber nicht isoliert im Raum, sondern werden von einem noch grösseren Angebot an Präsenzveranstaltungen getragen. Das wird sich noch weiter diversifizieren in alle nur denkbaren Richtungen. MOOC sind somit nur eine aktuell vieldiskutierte Form dieses "blended learning". Ihre didaktische Gestaltung ist häufig leider einfach, wenig abwechslungsreich und unterscheidet sich zu wenig von klassischen Vorlesungsveranstaltungen. Hier gibt es noch viel zu tun, damit die digitalen Wissenswelten lernfördernder mit den traditionellen Lernformen verbunden werden.

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