Der alte Mann und das (Menschen-)Meer: In Brasilien hat der Wahlkampf einen ersten Höhepunkt erreicht. Gewählt wird am 4. Oktober. Der 81-jährige linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva liegt nach Umfragen weiterhin in Führung. Doch sein Vorsprung schmilzt. Sein Herausforderer ist der 45-jährige Flávio Bolsonaro, der Sohn des rechtsextremen und rechtspopulistischen früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, der eine 27-jährige Haftstrafe verbüsst.
Laut der jüngsten Genial/Quaest-Erhebung erreicht Lula 39 Prozent Zustimmung, Bolsonaro 30 Prozent. In der wahrscheinlichen Stichwahl am 25. Oktober käme Lula auf 44 Prozent und Bolsonaro auf 39 Prozent. Im Vergleich zu früheren Umfragen ist Lulas Vorsprung von acht auf fünf Prozentpunkte geschrumpft.
Präsident Trump zeigt offen seine Sympathien für Bolsonaro. Argentiniens Präsident Javier Milei unterstützt den sehr rechtsgerichteten Kandidaten vehement. Am 25. Juli hatte Milei Präsident Lula öffentlich übel beleidigt. Daraufhin stufte Brasilien die diplomatischen Beziehungen zu Argentinien Anfang August auf Geschäftsträgerebene herab. Brasiliens Botschafter Julio Bitelli wird nicht nach Buenos Aires zurückkehren.
Wie sein Vater vertritt sein Sohn gesellschaftspolitisch rechtspopulistische, rechtsextreme und neoliberale Positionen. Jair Bolsonaro war auch immer wieder mit frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen und antiwissenschaftlichen Äusserungen aufgefallen. Er outete sich auch als Freund der brasilianischen Militärdiktatur von 1964 bis 1985. Unterstützt wurde er von den in Brasilien starken Evangelikalen.
Am 8. Januar 2023 stürmten Unterstützer Jair Bolsonaros die Regierungszentralen in Brasília, um einen Militärputsch zu provozieren. Vorbild war offenbar der Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am 6. Januar 2021. Politische Beobachter werten diesen als versuchten Staatsstreich Trumps nach der verlorenen Präsidentschaftswahl. Bolsonaros Staatsstreichversuch brachte ihm eine fast 30-jährige Gefängnisstrafe ein.
Doch Flávio Bolsonaro wird nicht einmal vollständig von seiner eigenen Partei unterstützt. Ebenso wenig vom Militär, der Wirtschaft und den Evangelikalen. Er wirkt blass und «erzählt viel Unsinn», erklären brasilianische Kommentatoren.
Würde Lula wieder gewinnen, wäre Brasilien eines der wenigen lateinamerikanischen Länder, das nicht ins rechte, rechtspopulistische oder rechtsextreme Lager abgerutscht ist. Brasilien mit seinen 210 Millionen Einwohnern und seinen 8,5 Millionen km² ist das grösste lateinamerikanische Land: ein Kontinent im Kontinent.