Die Flagge der Europäischen Union weht an der Fassade des Parlamentsgebäudes in der ungarischen Hauptstadt Budapest, von wo sie während Viktor Orbáns Regentschaft verbannt war. Dass sie dort für die Inaugural-Session der neuen ungarischen Nationalversammlung gehisst wurde, ist ein Zeichen für die durch den Wahlsieg von Peter Magyars Tisza Partei eingeleitete Wende. Das Parlament hat Magyar am 9. Mai 2026 erwartungsgemäss zum Ministerpräsidenten erkoren.
Um die hunderttausend Menschen haben die Inauguration Magyars, die auf Grossbildschirmen auf den Kossuth-Platz vor dem Parlamentsgebäude übertragen wurde, begeistert bejubelt. Es herrscht Aufbruchstimmung im Land. Als der Ministerpräsident sich anschliessend auf den Platz begibt, begrüsst er die Menge mit dem Satz: «Herzlich willkommen im freien, demokratischen Ungarn.»
Bei Magyars Wahl stimmten 140 Abgeordnete für und 54 gegen ihn bei einer Enthaltung. In seiner anschliessenden Rede im Parlament prangerte Magyar die Korruption des Systems Orbán an, das die Ungarn in zwei Jahrzehnten der Strassen, Krankenhäuser und Schulen beraubt habe.
Er kündigte die Schaffung einer unabhängigen Behörde an, die die in den 16 Jahren unter Orbán begangenen Verbrechen aufdecken und die veruntreuten Gelder zurückholen solle.
Magyar schlug keineswegs versöhnliche Töne an, sondern stellte eine energische Wende und unnachgiebige Aufarbeitung der unter Orbán herrschenden Kleptokratie in Aussicht. Er trat damit Gerüchten entgegen, er sei eigentlich nur ein «Orbán light», der nach bombastischen Ankündigungen im Grunde nicht viel ändern werde. Vor allem mit dem Plan, die Günstlinge der vormaligen Herrschaft rechtlich ins Visier zu nehmen, hat Magyar ein kraftvolles Statement gesetzt.