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Westjordanland

«Angriff ist die beste Verteidigung»

11. Mai 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Nablus
Israelische Soldaten Anfang Mai in Nablus im Westjordanland (Keystone/. (AP/Majdi Mohammed)

Wenn israelische Siedler die Bevölkerung im Westjordanland terrorisieren, tun sie das meist ungestraft. Es sei denn, einer attackiere, für die Öffentlichkeit von einer Kamera dokumentiert, in Jerusalem eine französiche Nonne und komme vor Gericht. Was Israels Aussenministerium als «schändliche Tat» bezeichnet, die im Widerspruch zu den Werten des Respekts, der Koexistenz und der religiösen Freiheit stehe, die das Fundament des israelischen Staates bilden – konträr zu Werten, die für die besetzten Gebiete offenbar nicht gelten. 

Die Attacke auf eine katholische Ordensschwester in Jerusalem ist in jüngerer Zeit nicht der einzige Fall einer mutmasslich nationalreligiös motivierten Tat. Im April filmte ein israelischer Soldat im Südlibanon einen Dienstkollegen, der mit einem Presslufthammer mutwillig eine Jesus-Statue beschädigte. Die beiden wurden dafür zu 30 Tagen Haft verurteilt und Ministerpräsident Benjamnin Netanjahu zeigte sich öffentlich «fassungslos und traurig». 

Derweil registrierte das «Religious Freedom Data Centre» (RFDC), ein Netzwerk israelischer Freiweilliger, in den ersten drei Monaten des Jahres 31 Vorfälle, bei denen Christen Ziel von Belästigungen wurden, sei es, dass man sie bespuckte oder dass Kirchenbesitz verunstaltet wurde. Doch dazu dürfte es dem RFDC zufolge noch eine Dunkelziffer geben. Auch christliche palästinensische Gemeinschaften im Westjordanland sehen sich seit geraumer Zeit zunehmenden Belästigungen durch nationalreligiöse Siedler ausgesetzt.

Schulen als Angriffsziel

Währenddessen geht im besetzen Gebiet der Terror israelischer Besetzer im Schatten des Kriegs gegen den Iran mit durchschnittlich sieben Attacken pro Tag ungebremst weiter. Ein Angriffsziel der von Soldaten der israelischen Armee (IDF) beschützten Siedler sind auch Schulen, bei denen es zu mehreren tödlichen Zwischenfällen gekommen ist. So erschoss ein Reservist am 21. April im Dorf Al Mughayir den 14-jährigen Aws al-Naasan vor der Sekundarschule, wo der Junge zur Schule ging. Aws’ Vater Hamdi al-Naasan war im Januar 2019 von einem Siedler mit einem Schuss in den Rücken getötet worden, als er einem verletzten Nachbarn zu Hilfe eilen wollte.

Den IDF zufolge waren die Soldaten nach Berichten von Steinwürfen ins Dorf entsandt worden: «Der Reservist verliess sein Fahrzeug und eröffnete das Feuer auf die Verdächtigen.» Der Vorfall, hiess es seitens der Armee, werde untersucht. Gleichentags zuvor hatten Sicherheitsleute eines israelischen Ministers in der Nähe von Hebron den 16-jährigen Mohammed Majdi al-Ja’bari umgefahren, der auf einem Fahrrad unterwegs war – gemäss der Polizei ein tödlicher Verkehrsunfall. 

Videoaufnahmen aus dem Innern der Schule in Al Mughayir zeigten verängstigte Kinder und Lehrer, die nach Schüssen im Treppenhaus des Gebäudes kauerten. Einige Minuten später tötete derselbe Soldat den 36-jährigen Abu Naim, den jüngeren Bruder eines Englischlehrers, dessen Familie neben der Schule wohnt. Als die Familien am folgenden Tag die beiden im Dorf getöteten Palästinenser begruben, drang die israelische Armee ins Dorf ein und beschoss während einer halben Stunde Häuser mit Tränengas- und Blendgranaten.

Schulen als Lebenslinie

Auch in Gaza ist das palästinensische Bildungswesen unter Beschuss. Dort warten 600'000 palästinensische Kinder ein drittes Jahr darauf, wieder zur Schule gehen zu können. Israelische Angriffe haben im Küstensteifen mindestens 792 Lehrerinnen und Lehrer sowie 18'639 Kinder und Jugendliche im Schulalter getötet. Der Uno zufolge sind in Gaza neun von zehn Schulgebäuden beschädigt oder zerstört. 

Nur wenige Stunden nach den tödlichen Schüssen in Al Mughayir zerstörten Siedler in Hammamat al-Maleh mit Bulldozern eine Schule und zwei Spielplätze, die von Grossbritannien und der EU finanziert worden waren. Im Dorf Umm al-Khair versperrten Siedler am 13. April den Zugang zu einer Schule mit Stacheldraht. «Dieser Pfad ist nicht nur eine Strasse, es ist die lebenswichtige Linie, die unsere Kinder mit ihrer Erziehung und dem Gefühl eines normalen Lebens verbindet», sagte ein Dorfbewohner: «Für uns ist die Absicht klar: Unsere Gemeinschaft zu zwingen, unser Land zu verlassen, uns über unsere Kinder einzuschüchtern.» Als Eltern und Kinder des Dorfes beim Stacheldrahtzaun mit einem Sit-in demonstrierten, reagierten die IDF mit Tränengas. 

2’380 Siedlerattacken seit 2025

Laut Angaben der Vereinten Nationen haben Israelis in den vergangenen 15 Monaten im Westjordanland mehr als 270 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet, wobei rund 250 unter ihnen Opfer von Schüssen der Sicherheitskräfte und mindestens 17 Opfer von Attacken militanter Siedler geworden sind. Im selben Zeitraum wurden im besetzten Gebiet mindestens 17 Israelis getötet, unter ihnen sechs Angerhörige von Sicherheitskräften. 

Seit Jahresbeginn 2025 hat die Uno mindestens 2’380 Attacken militanter Siedler registriert, die entweder tödlich oder in Verletzungen und Sachschäden resultierten. Zwischen dem Beginn des Krieges gegen den Iran am 28. Februar und dem 27. April sind ihren Daten zufolge 13 Menschen im Westjordanland getötet, Hunderte verletzt und 622 Palästinenserinnen und Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben worden. «Einfach gesagt», berichtet die «New York Times», «sehen die Extremisten den Krieg als eine Chance.»

Ermittlungen ohne Anklage

Aus ihren gewalttätigen Attacken machen extremistische Siedler kein Geheimnis. Eine Online-Gruppe hat sich damit gebrüstet, dass der Kampf «gegen den arabischen Feind im Heiligen Land» innerhalb eines Monats «40 Attacken gegen palästinensische Gemeinschaften, einschliesslich 79 Verwundete, 63 in Brand gesteckte Fahrzeuge und Häuser sowie Hunderte von entwurzelten Olivenbäumen» umfasst habe. 

Derweil sehen Israels Sicherheitskräfte dem Siedlerterror weitgehend passiv zu. Gemäss der Menschenrechtsgruppe «Yesh Din» haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten 93,6 Prozent aller polizeilichen Untersuchungen angeblicher Siedlergewalt ohne Anklage geendet. Israels Polizei untersteht dem rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der einst wegen Anstiftung zu Rassismus und wegen Unterstützung einer jüdischen Terrororganisation verurteilt worden ist. Was seiner politischen Karriere aber nicht geschadet hat.

Bis zu 1’000 militante Siedler

Premier Benjamin Netanjahu seinerseits hat die Siedlergewalt als Werk «einer Handvoll  Kids» beschrieben. Hochrangige israelische Offizielle haben sogar suggeriert, Berichte über Siedlergewalt seien erfunden. Im besetzten Westjordanland leben heute rund 700’000 Israelis. Laut dem Anthropologen Idan Yaron, der Extremismus in Israel studiert, bilden einige Hundert bis Tausend Israelis den harten Kern der militanten Siedlerbewegung: «Ihr Ziel ist es, die Palästinenserinnen und Palästinenser von ihrem Land zu vertreiben und das Land in Besitz zu nehmen.» 

Siedler wie Elisha Yered selbst sprechen von «Selbstverteidigung» statt von Gewalt. Angriff, hat der 25-Jährige in einem Podcast verlauten lassen, sei die beste Verteidigung: «Es gibt einen Feind, der nur auf den Tag wartet, um mich töten zu können.»

Enthüllungen der israelischen Tageszeitung «Haaretz» zufolge hat Generalmajor Avi Bluth, Chef der Streitkräfte im Westjordanland, an einer geschlossen Veranstaltung gesagt, seine Truppen hätten Menschen «wie nicht mehr seit 1967» getötet, unter ihnen auch Steinewerfer. Weder der Generalmajor noch die IDF haben diese Aussage bisher dementiert. Laut Bluth haben seine Truppen im vergangenen Jahr auf den Strassen des besetzten Gebiets 42 palästinensische Steinewerfer erschossen. Gegen militante Siedler, die ebenfalls Steine warfen, ging die Armee nicht vor.

Ein diskriminierendes Vorgehen

«Jeder dieser Vorfälle hat aus einer gesellschaftlichen Perspektive äusserst ernsthafte Konsequenzen», analysierte der Generalmajor: «Ja, das Ganze beinhaltet Diskriminierung.» Die Bevölkerung des Westjordanlands unterliegt der israelischen Militärjustiz, während für die dortigen Israelis Zivilgerichte zuständig sind. Avi Bluth räumte ferner ein, dass er die Vorschriften für israelische Soldaten im Gebiet insofern gelockert habe, dass es ihnen erlaubt sei, auf die unteren Beinhälften und die Knie von Palästinensern zu schiessen, die auf der Suche nach Arbeit in Israel den Grenzzaun zu überwinden versuchten: «Es gibt in palästinensischen Dörfern viele ‘hinkende Denkmäler’ für jene, die versucht haben, die Grenze zu überqueren, wofür ein Preis zu zahlen ist.» 

Der General rechtfertigte die Verhaltensregeln seiner Truppen damit, dass jeder illegale palästinensische Arbeiter ein potenzieller Terrorist sei: «Wenn jemand kommt, um dich zu töten, dann ist ihn zuerst zu töten im Nahen Osten die Norm (…).» Derselbe Avi Bluth hatte wenige Tage zuvor noch mit Äusserungen Aufsehen erregt, die ebenfalls von «Haaretz» zitiert wurden. «Jüdischer Terror» von als «hilltop youth» bekannten jungen Extremisten, warnte er, könne eines Tages einen Aufstand auslösen: «Diese Leute sehen Araber nicht als menschliche Wesen und denken, dass sie Menschen bei lebendigem Leib verbrennen, ihre Häuser mit ihren Bewohnern im Innern niederbrennen können, und unglücklicherweise tun sie das häufig.» 

«Israelischer Terrorismus»

Es grenze an ein Wunder, sagte der Generalmajor weiter, dass die Palästinenser bisher noch indifferent geblieben seien. Das könne sich eines Tages aber ändern. «Bluth hat nun verraten, was jedermann gewusst hat: Die israelische Armee arbeitet Hand in Hand mit den Siedlern, die täglich Pogrome verüben», kommentierte «Haaretz»: «Bluth nennt es israelischen Terrorismus, aber nicht nur tut er nichts, um zu versuchen, ihn auf dieselbe Weise zu verhindern, wie die IDF palästinensischen Terrorismus verhindern, in Wirklichkeit unterstützt er ihn.»

Derweil führte die israelische Armee am 3. Mai eine Razzia in der Stadt Nablus im Westjordanland durch und töteten dabei den 26-jährigen Nayef Samaro, der auf dem Weg ins Spital war, wo seine Frau gerade ihr erstes Kind erwartete. Samaro hatte laut «Haaretz» gerade Babykleider gekauft. Seine Leiche wurde ins gleiche Krankenhaus gebracht, in dem seine Frau in den Wehen lag. Ihr Sohn Yaman kam weniger als 24 Stunden später zur Welt. 

Quellen: Haaretz, The New York Times, The Guardian, Zeteo

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