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Zwei Isländer am Lucerne Festival «Pulse»

Bachs Variationen hören und sehen

11. Mai 2026
Niklaus Oberholzer
Olaffson
Víkingur Ólafsson spielt in der Piuskirche in Meggen Bachs Goldberg-Variationen. Olafur Eliasson reagierte mit seiner Lichtinstallation spontan auf Ólafssons Spiel. (Lucerne Festigval © Ari Magg)

Der 1984 in Reykjavik geborene Pianist Víkingur ­Ólafsson (*1984) kuratiert ab diesem Jahr bis 2028 das neue Lucerne ­Festival «Pulse». Von Freitag bis Sonntag spielte er in der Piuskirche in Meggen Bachs Goldberg-Variationen ­und bat den in Berlin tätigen, ebenfalls aus Island stammenden Installationskünstler Olafur Eliasson (*1967), sein Spiel  mit einer Lichtinstallation zu begleiten. 

Víkingur Ólafsson
Lichtinstallationen von Olafur Eliasson (Lucerne Festigval © Manuela Jans)

Der Ort hat es in sich. Die Piuskirche, 1966 erbaut, ist das wohl wichtigste Werk des Solothurner Architekten Franz Füeg (1921-2019) und ein Sakralbau von ungewohnter Kompromisslosigkeit in der Realisierung einer architektonischen Vision. Der Kirchenraum ist ein 13 Meter hoher längsrechteckiger Kubus mit an den Aussenwänden angebrachten Stützen aus Stahl. Es gibt keine Fenster. Die Wände bestehen aus 888 rechteckigen und knapp drei cm dicken Platten aus Pentelischem Marmor aus Attika, wie er in manchen Bauten des antiken und des klassizistischen Athen verwendet wurde. Die dünnen Marmorplatten sind halbtransparent, sodass der Innenraum tagsüber als ocker- bis honigfarbiger und – wegen der Struktur des Marmors und seiner Unregelmässigkeiten – als lebendiger Lichtkörper erscheint. 

Von aussen nimmt man den Kirchenbau als fahl-grauen und völlig schmucklosen Kubus wahr: Als einen Industriebau in eher anonymer Agglomerationssiedlung. Die Kultusgegenstände wie Altar, Tabernakel, Sedien, Kerzenständer oder Ambo nehmen die strenge Gestaltung der Architektur auf und sind aus grauem Stahl gefertigt wie auch die Rasterung der Wände. Da die dezent blaue Malereien des Solothurner Künstlers Roman Candio mit Engelmotiven wegen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Pfarrei um 1970 nicht zur Ausführung gelangten, fehlt der Kirche jeder künstlerische Schmuck und jeder Farbakzent: Da ist nur die selbstbewusst gestaltete Architektur Franz Füegs mit ihrer Konzentration auf die wesentlichen Formelemente des Raumes. Da ist keinerlei Ablenkung: Ein schlichter, doch kostbar und zugleich sanft wirkender Raum, dem die sich hier zum Gottesdienst versammelnden Menschen Leben geben, oder der zu stiller Beschaulichkeit und Einkehr einlädt.

Der Künstler-«Star» in diesem Raum?

Der isländische Pianist Víkingur ­Ólafsson spielte in diesem dreimal ausverkauften Kirchenraum zum Auftakt des erstmals durchgeführten Lucerne Festivals «Pulse», als dessen Kurator ihn der neue Lucerne-Festival-Intendant Sebastian Nordmann einlud, Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, eines der Schlüssel- und Spätwerke des Komponisten und ein Höhepunkt der Klavierliteratur überhaupt. (­Ólafsson spielte das Werk in Luzern, damals aber im KKL-Saal, bereits 2023, bevor er damit auf Welttournee ging.) Ólafsson bat Olafur Eliasson, für die Piuskirche eine Lichtinstallation zu realisieren und damit auf sein Bach-Spiel zu reagieren. Eliasson betreibt in Berlin ein Studio, in dem er seine grossen und oft visionären Installationen umsetzt. Dieses Studio umfasst über 100 Spezialisten aller Sparten, von Malern und Bildhauern über Elektronik-Fachleute, Konstrukteure, Organisatoren, Finanzfachleuten bis zu Köchen. Mit diesem Studio, das eine Art Lebensgemeinschaft im Dienst der Kunst darstellt, entwickelt Eliasson mit grossem Erfolg seine Ausstellungen und Installationen, die er  in aller Welt realisierte – zum Beispiel im Martin-Gropius-Bau in Berlin,  in der Fondation Louis Vuitton in Paris, an der Biennale Venedig, im Kunsthaus Zürich, in Singapur, New York, Los Angeles, Florenz, besonders spektakulär in der Fondation Beyeler  in Riehen. Das Kunsthaus Zug konnte den international gefeierten «Star» im Jahr 2003 für eine längerfristige Zusammenarbeit im «Projekt Sammlung» gewinnen. 

Experiment mit offenem Ausgang

In der Piuskirche in Meggen reagierte Eliasson an den drei Abenden (vom Freitag bis Sonntag) mit seinem Licht-Event – im Wesentlichen handelt sich um von aussen auf die Marmorwände projizierte und bewegte Lichtspiele – auf Ólafssons Klavierspiel, das Bachs Werk höchst feinfühlig und differenziert interpretiert und eine breite Skala an Emotionen zum Ausdruck bringt. Eliassons Reaktionen geschahen spontan, unvoraussehbar und in Echtzeit. Kalkulierbar war dieses Zusammengehen einzig darum, weil sich die beiden Künstler isländischer Herkunft gut kennen und sich persönlich nahestehen.  Ein Experiment also mit für die beteiligten Künstler, aber auch für die Besucherinnen und Besucher offenem Ausgang, zumal Füegs strenge Architektursprache nichts mit barocker Ornamentik und barockem Zierat oder schmückendem Beiwerk nichts zu tun hat, und die Kunst des Studios (oder möchte man lieber sagen: Der «Kunst-Fabrik»?) von Olafur Eliasson heutigem Zeitgeist und nicht der Vergangenheit huldigt und verpflichtet ist. Wer sich allerdings an Eliassons oft opulent farbige und auch intensiv bewegte Lichträume erinnerte und entsprechende Erwartungen hegte, mochte ein wenig enttäuscht sein ob der vor allem mit Grauwerten, reduzierten geometrischen Formen spielenden und wie geschlossene und sich rhythmisch öffnende Vorhänge wirkenden Lichtelemente, die oft die Struktur des Marmors und nur selten seine  honigähnliche Farbigkeit sichtbar machten. Im Ganzen hielt sich Eliasson zurück und gab dem Monumentalwerk Bachs den ihm gebührenden Raum. Das zeigte sich auch darin, dass er vor dem Beginnen des musikalischen Werkes den Kirchenraum in rötliches Licht tauchte, das die Besucherinnen und Besucher zur Ruhe kommen liess. 

Ist das Experiment gelungen? 

Ob das Experiment einen Mehrwert bringt, gerade weil es mit dem Aufeinanderprallen verschiedener kultureller Befindlichkeiten spielt? Und vor allem: Füegs strenge Architektur mag jene  Atmosphäre der Konzentration schaffen, die Bachs Zyklus der «Veränderungen», wie der Komponist die Variationen nennt, den adäquaten Rahmen bietet. Doch zieht Eliassons Intervention nicht gleichzeitig die Aufmerksamkeit so sehr auf sich, dass sie vom musikalischen Kunstwerk ablenkt? Mit andern Worten: Gefährdet nicht das Ungleichgewicht seiner Bestandteile das «Gesamtkunstwerk aus Klang und Lichtprojektion», wie das Festival selber das Projekt nennt? Kommen sich optische und akustische Wahrnehmungen nicht in die Quere? Unterstützen oder beeinträchtigen Eliassons Projektionen das Erleben von Bachs musikalischem Meisterwerk? Das Festival erklärt, dass das Experimentelle dieses Zusammengehens, das den drei Abenden einen je anderen  Charakter geben kann,  zwingend zur Grundidee des Festivals «Pulse» gehöre: So könne eben Neues und Unerwartetes entstehen. So wagt das Festival den Schritt über das traditionell festgelegte Programm hinaus und ermöglicht so dem Publikum ein neues Musik- und Kunsterlebnis.

Nur persönliche Antworten

Antworten auf solche und andere Fragen sind erst nach dem Erleben des Abends möglich. Aber sie sind bedingt durch die Erlebnisfähigkeit und die Vorlieben einzelner Besucherinnen und Besucher. Allgemeine und verbindliche Antworten sind kaum möglich, wohl aber persönlich geprägte. Auch das gehört wesentlich zum Experiment. Manch ein Hörer mag sich ertappen beim Nachdenken darüber, wo der Kern des Zusammengehens der verschiedenen Künste liegt – und es über diesem Grübeln und dem ständigen Wechsel der Wahrnehmung zwischen akustischen und optischen Reizen verpassen, sich den Kunstwerken – ob der Musik Bachs, der Lichtinstallation Eliassons oder der Architektur Füegs – vorurteilsfrei zu öffnen.  Ob es Olafur Eliasson und  Víkingur ­Ólafsson gelingt, «die Grenzen zwischen Hören und Sehen zu überschreiten», wie Eliasson im Programmheft sagt? Meine persönliche Antwort: Nein.

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