Beuys oder die Kunst der Provokation

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Beuys oder die Kunst der Provokation

Von Christoph Kuhn, 12.06.2017

Ein Film über die deutsche Künstler-Ikone der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vergegenwärtigt auf spannende Art bewegte Zeiten.

Joseph Beuys (1921–1986), Plastiker, Zeichner, Aktionskünstler, Professor, Weltstar, liebte es ein Leben lang, auf vielfache Art zu provozieren. So wurde er, diesem Talent entsprechend, verehrt und gehasst, hymnisch gefeiert und aufs schärfste kritisiert. Das Archivmaterial – 400 Stunden bewegte Bilder, 40‘000 Fotos, Bücher und Zeitungsartikel – sprengt jegliche Grenzen. Filmautor Andres Veiel hat es gesichtet und durchforstet. Sein Film „Beuys“ lässt den Mann (in der ewigen Weste steckend, den ewigen Hut auf dem Kopf) auferstehen und wirft  Licht auf eine Welt in Schwarz-Weiss, auf Szenen im „analogen Zeitalter“, wie der Filmer sagt, das sich vom unsrigen, digitalen, unterscheidet, sinnlicher und körniger, bewegter und improvisierter erscheint.

Was den Film vor allem auszeichnet, ist eine paradox anmutende Eigenschaft: er hat kein Ziel, will nichts beweisen, urteilt nicht, was gerade bei einer so polarisierenden Figur wie sie Beuys war, zuerst irritiert und dann überzeugt. „Der alte Kunstbegriff ist für mich so erweitert, dass davon nichts übrig bleibt. Er ist so erweitert, dass jede normale Situation Kunst ist.“ So lautet eines der Beuys-Zitate im Film und dieser sich ständig verändernde, immer aufs Neue definierte Kunstbegriff macht, dass sich Künstler und Werk jeder Zielvorgabe oder definitiven Absicht verweigern. Will man Beuys beikommen, gelingt das am besten, wenn man ihn auf nichts festlegt, wenn man entschieden im Offenen und Unfertigen bleibt. Eben das tut Veiel in seinem raffiniert zusammengeschnittenen Puzzle, das den Künstler in seinen Metamorphosen zeigt.

Das Lachen und der Hut

„Provokation heisst immer: auf einmal wird etwas lebendig.“ Auch das eines der einprägsamen Beuys-Zitate aus dem Film. Und der Künstler veranschaulicht sein Bonmot, indem er sich, oft von seinen ansteckenden Lachanfällen unterbrochen, mit geisteswissenschaftlichen und Kunst-Koriphäen seiner Zeit (darunter ein genervter Max Bill) herumstreitet oder als Hochschulprofessor keine Zulassungsbeschränkungen für Studenten akzeptiert oder als Festredner vor einem Publikum von Politikern und anderen Honoratioren nur Räusper- und Krächzgeräusche absondert, was von den Adressaten mit steinernen Mienen aufgenommen wird – eine der lustigsten Szenen des Films.

Der Hut soll ihn schützen, meint Beuys, soll seinen Kopf zusammenhalten, den man im Krieg „zurechtgeschossen“ habe. Der Krieg, den er als Bordfunker absolviert hat, gehört zum mystifizierten Umfeld einer mutmasslichen Legende. Der Künstler will 1943 in einem Kampfflugzeug abgeschossen, dann von Krim-Tataren aufgenommen und gesundgepflegt worden sein und will dort auch seine Fett-und-Filz-Initiation erlebt haben. Kritiker (die freilich im Film nur sehr am Rand vorkommen) sehen im jungen Beuys, noch ohne zurechtgeschossenen Kopf, ein überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend und der Luftwaffe, einen Freund, auch noch in den ersten Nachkriegsjahren, völkischen, rechtsnationalen Gedankenguts.

7000 Eichen

Den 68ern missfiel sein Humor, seine Ironie, die auch eine gehörige Portion Selbstironie barg, den Grünen, deren Partei er mitbegründete, passte sein Weltstar-Status nicht. Seine Objekte, von den Gegnern als „teurer Sperrmüll“ bezeichnet, stehen, so weit sie erhalten werden konnten, in ein paar Museen und Sammlungen. Eine seiner vielen Aktionen behauptet sich überaus nachhaltig in der freien Natur: „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ heisst sie und wurde 1982 im Rahmen der documenta in Kassel vorgestellt und 1987, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, zu Ende geführt. In den fünf Jahren sind in und um Kassel 7000 Eichen, alle mit einem Basaltstein kombiniert, gepflanzt worden; der Baum ist ein Sinnbild fürs Lebende, sich Verändernde, der Stein verkörpert gleichbleibende Form.

Wie ein roter Faden zieht sich eine Beuyssche Grundüberzeugung durch den Film, dass nämlich jeder ein Künstler sein könne, auch das natürlich eine Provokation. Genau lauten die entsprechenden Sätze: „Ich bin gar kein  Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei.“ Beuys verstand die Kunst als soziales Phänomen. Er meinte nicht, dass jeder ein Maler, Zeichner, Bildhauer sei, aber dass jeder kreativ an der Gestaltung und Veränderung der Gesellschaft mitarbeiten könne. Ein optimistischer und utopischer Gedanke, der gut in jene bewegten Jahre passte, die uns der Film näherbringt.

„Beuys“ ist zur Zeit im Kino Movie in Zürich zu sehen

Kommentare

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Jeder ist Künstler - d.h. niemand ist Künstler. Alles ist Kunst - d.h. nichts ist Kunst. Das Problem für alle Idealisten bleibt: Kunst als ästhetisches Bewusstsein bleibt immer ein elitäres Phänomen. Und dann ist sie eben Klassenkampf, der ewige Stachel im Fleisch der Egalitären. Wer ist dem widersetzen will, landet beim Sperrmüll und wird von der Putzfrau nachts weggeräumt. Eine von Beuyssens Fettbadewannen für vom SPD-Kreisverband zum Bierkühlen verwendet, als der im Nebenraum tagte, auch sehr gut, bravo. Aber stilistisch konnte der was, Hut und Weste waren gekonntes Marketing, wie überhaupt die Weltverbesserer meist schnittig daherkommen.

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