«Berenice, was tust du?»

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«Berenice, was tust du?»

Von Iso Camartin, 21.06.2020

Wenn es um Frauen geht, die Berenike oder latinisiert Berenice heissen, ist die erste Frage immer: Welche denn?

In der Antike erhielten viele Frauen aus einem Herrscherhaus den Beinamen Berenike, bedeutete er in griechischer Sprache doch so etwas wie «jene, die den Sieg bringt». Allein unter den ägyptischen Ptolemäern gab es zwischen dem 4. und dem 1. Jahrhundert v. Chr. vier Berenikes, die entweder Frauen von Regenten oder aber selbst Herrscherinnen auf dem Pharaonenthron waren.

Griechen und Römer hängten diesen verheissungsvollen Namen nicht nur zahlreichen Ehefrauen von ambitionierten lokalen und regionalen Herrschern an. Auch Städte und Hafenanlagen an verschiedenen Meeren erhielten diesen Beinamen als gutes Omen für jene, die sich dort niederliessen und zu etwas kommen wollten. So hiess beispielsweise in hellenistischer Zeit auch das heutige Kastrosykia auf dem Epirus, nicht weit vom Flughafen Preveza, Berenike.

Berenice in der Musikgeschichte

Es sind zwei Frauen mit diesem Namen, die in der Musikgeschichte zu Ruhm gelangt sind. Die erste betrifft die ptolemäische Königin Berenice, die um 80 v. Chr. in Alexandria herrschte, als die Römer in Ägypten begannen, ihre Macht dort auszuspielen. Georg Friedrich Händel hat ihr Schicksal in der Oper «Berenice, Regina di Egitto» verherrlicht.

Diese hatte in London am 16. Mai 1737 im königlichen Theater Covent Garden Premiere und wurde ein nur bescheidener Erfolg, weil in London inzwischen die grosse Zeit der Opern am Ausklingen war und Händels Erfolge sich nun stark auf seine Oratorien verlagerten. Musikalisch enthält diese Oper in ihren Arien geradezu echte Perlen barocker Darstellungen von Emotionen.

Noch berühmter wurde in der Musikgeschichte aber eine andere Berenice. Hier handelt es sich um eine nicht weiter zu identifizierende «ägyptische Prinzessin» gleichen Namens, die um 230 v. Chr. die Verlobte des mazedonischen Königs Antigonos wurde. Die Handlung dieser Oper namens «Antigono» spielt in Thessaloniki, der damaligen Hauptstadt des mazedonischen Reiches.

Das Libretto zu dieser Oper schrieb der bekannteste Librettist der Barockzeit namens Pietro Metastasio (1698–1782). Das war der Künstlername jenes Dichters, der eigentlich Trapassi hiess, Römer war, doch mehr als 50 Jahre lang als Hofdichter der Habsburger in Wien lebte und in der späten Barockzeit ganz Europa mit den erfolgreichsten Opernlibretti in italienischer Sprache versorgte.

Es ist kaum zu fassen, doch sein «Antigono» wurde von 42 Komponisten des 18. Jahrhunderts integral in Musik gesetzt, unter ihnen von klingenden Namen wie Hasse, Galuppi, Paisiello oder Gluck. Die Uraufführung von «Antigono» fand 1743 am sächsisch kurfürstlichen Theater in Dresden statt, natürlich mit der Musik des dortigen Hofoperndirektors Johann Adolphe Hasse. Die Rolle der Berenice sang die berühmte Sängerin Faustina Bordoni, mit der Hasse seit 1730 auch verheiratet war.

Das Besondere an diesem Libretto war, dass es im 3. Akt eine Szene enthielt, die als «La scena di Berenice» in die Musikgeschichte eingegangen ist. Eine Arie, die sich als selbständige «Konzertarie» etablierte, abgelöst von der gesamten Oper. Bedeutende Komponisten der Zeit haben sich nur dieser Szene des Librettos angenommen, darunter Bachs jüngster Sohn Johann Christian, auch die unterschätzte Wiener Komponistin Marianna Martinez oder Johann Nepomuk Hummel. Der bedeutendste Komponist jener Zeit aber, der diese Szene vertonte, war der altersmässig inzwischen fortgeschrittene Joseph Haydn.

Haydn in London

Kaum ein Komponist genoss zu jener Zeit grössere Achtung und solche europaweite Verehrung wie Joseph Haydn. Während seines zweiten London-Aufenthaltes kam es im dortigen Kings-Theater am 4. Mai 1795 neben Aufführungen verschiedener seiner neuen Symphonien auch zur Uraufführung seiner Version der „Scena di Berenice“. Die erste Interpretin dieser phänomenalen Konzertarie aus Haydns Hand war die wegen ihrer Koloraturstimme und ihrer Bühnenpräsenz die Zuschauer damals auch in London begeisternde Sopranistin Brigida Giorgi Banti.

Der Stoff dieser vor der Zeit der Romantik liegenden «Wahnsinnsszene» lässt sich mit wenigen Worten erzählen. Die als Braut für König Antigonos bestimmte Berenice kommt nach Thessaloniki, verliebt sich dort aber in dessen Sohn Demetrio. Damit ist der Konflikt, die Dramatik, die Seelentragik einer «Opera seria» programmiert.

Hinzu kommt, dass auch noch Machtpolitik eine Rolle spielt: Das Reich des Antigonos wird bedroht durch den Machtanspruch eines Herrschers namens Alessandro, der seinerseits in Berenice verliebt ist und sie als eine Art Beute-Braut beansprucht. Man kann dies alles ausser Acht lassen, denn die Oper endet nicht tragisch, sondern für die betroffenen Figuren äusserst glücklich: Antigonos verzichtet zugunsten seines Sohnes auf seine Braut, sein Sohn Demetrio bekommt sie zur Frau, und der politische Gegenspieler Alessandro findet sich glücklich ab mit der in ihn verliebten «seconda donna» namens Ismene.

Berenices Verzweiflung

Ausgangspunkt von Berenices grosser Szene ist die Situation, dass sie zur Überzeugung kommt, ihr Geliebter Demetrio sei entschlossen, sich das Leben zu nehmen, da seine Liebe zu ihr aussichtslos geworden sei. «Berenice, was tust du? Dein Geliebter will sterben, und du eilst ihm nicht entgegen, um ihn davon abzuhalten?» In diesem Monolog führt sie uns durch alle Stufen wachsender Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.

Was kann eine verwirrte Seele tun, schwankend zwischen Enttäuschung, Bedauern und Leiden einerseits, aufflackernder Hoffnung und verwirrendem Wahn andererseits? Bitten und flehen kann sie, die Götter und den zum Tode bereiten Geliebten, dass sie ihn an seinem Selbstmord hindern mögen, dass er die Reise ins Jenseits, ans andere Ufer des Lebens, nicht allein antreten möge, sondern mit ihr zusammen: «Non partir, bell’idol mio!» Nicht allein möge er sich aufmachen auf jener Welle, die ihn «all’altra sponda» – auf die andere Seite des Lebens – bringe. Berenice spürt, dass sie im Wahn argumentiert und hofft. In einem wilden Exzess von Verzweiflung rebelliert sie gegen ihren eigenen Körper und gegen die Götter, die solches Leid ihr zumuten.

Warum bringen ihr die Herzensqualen nicht den Tod? Warum vergrössern die Götter diese nicht noch mehr, damit sie endlich sterben kann? Haydn hat zu diesen Gedanken und Gefühlen der Berenice eine derart aufwühlende, ja die dunkelsten Saiten unserer Hörfähigkeit anschlagende Musik komponiert, dass man heute nur sagen kann: Kein anderer Komponist hat es zwischen Mozarts Tod und Beethovens sich vorbereitendem Genie, der Daseinstragik musikalischen Ausdruck zu verleihen, besser als Papa Haydn verstanden, für menschliches Leid und ausweglose Seelenbefindlichkeit die richtigen Töne zu finden.

Berenices Verzweiflungsszene ist bis heute ein Paradestück musikalischer Darstellung einer bis zur Todessehnsucht sich steigernden Liebe. Viele grosse Sängerinnen haben sich den Herausforderungen dieser Arie gestellt. Darunter auch die für dramatische Ausbrüche ebenso wie für lyrisch leise Eindringlichkeit bekannte Cecilia Bartoli, die diese Szene 2001 mit Nikolaus Harnoncourt und seinem Concentus musicus während des Styriarte Festivals in Graz (erhältlich als DVD bei BBC-Opus Arte) realisierte. Wir hören hier eine der neuesten Aufnahmen der Szene mit der jungen französischen Mezzosopranistin Lea Desandre, begleitet vom Ensemble Opera Fuoco unter der Leitung von David Stern. Rezitativ und Arie muss man bei dieser Aufnahme mit zwei verschiedenen Klicks anpeilen.

Lea Desandre: Berenice, che fai?

Lea Desandre: Berenice, che fai? (2)

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