Back to Paradise

Urs Meier's picture

Back to Paradise

Von Urs Meier, 26.08.2017

Keine Utopien heutzutage? Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Otto Mueller und andere schufen Bilder von utopischer Energie. Ein Grund, sich mit dieser Kunst zu beschäftigen.

Gut hundert Jahre ist es her, seit die bereits von den Umwälzungen des Realismus und des Impressionismus aufgewühlte Kunstwelt von einer neuerlichen Explosion erschüttert wurde. Plötzlich gab es Bilder, die sich über die Regeln perspektivisch-naturalistischen Darstellens hinwegsetzten, Gegenstände wild überzeichneten, grobe Formen verwendeten und mit flächigem Farbauftrag gegen die gängigen Vorstellungen von Kunstfertigkeit verstiessen. Diese Kunst galt den meisten ihrer Zeitgenossen als Absturz auf ein „primitives“ Niveau. Heute zählt sie zum unbestrittenen Kernbestand der Moderne. Man nennt sie Expressionismus.

Expressionistische Kunst in ganzer Breite

Im Aargauer Kunsthaus ist gegenwärtig die Zusammenführung der Schätze zweier Museen zu sehen, die aus Privatsammlungen expressionistischer Kunst stammen. Die ausgestellten Gemälde und Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Otto Mueller, Emil Nolde und weiteren bedeutenden Künstlern geben einen in solcher Dichte und Qualität seltenen Überblick über das expressionistische Schaffen in Deutschland von 1905 bis 1938. Die Schau bietet eine wohl ziemlich einmalige Gelegenheit, sich mit dieser für die gesamte Moderne bis zur Gegenwartskunst so eminent wichtigen und einflussreichen Stilrichtung der Malerei des Näheren zu befassen.

Zumindest als Name ist der Expressionismus eine deutsche Erfindung. Der Berliner Verleger und Galerist Herwarth Walden prägte den Begriff 1911 zunächst mit Blick auf die bildende Kunst; für verwandte Strömungen in Literatur, Theater, Tanz, Musik und selbst Architektur wurde er dann ebenfalls verwendet. Erste expressionistische Malweisen traten jedoch nicht in Deutschland auf. An den Anfängen des neuen Stils stehen Vincent van Gogh und Edvard Munch.

Alexej von Jawlensky: Mädchenkopf mit rotem Turban und gelber Agraffe (Barbarenfürstin), um 1912, Öl auf Hartfaser, 55 x 51 cm, Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf
Alexej von Jawlensky: Mädchenkopf mit rotem Turban und gelber Agraffe (Barbarenfürstin), um 1912, Öl auf Hartfaser, 55 x 51 cm, Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Gemeinsam ist aller expressionistischen Kunst eine Erregung der Formen. Sie lässt die Ideale des Harmonischen und die herkömmliche Ästhetik hinter sich. Für die Malerei äussert sich dies im Verzicht auf äussere Genauigkeit in der Wiedergabe ihrer Gegenstände und im Vorrang des Gestischen. Linien, Farben und Bildkomposition unterliegen nicht mehr der Gesetzmässigkeit des Abbildens. Sie verselbständigen sich als Ausdrucksformen und werden zu frei handhabbaren Bildelementen. Noch bleibt aber der Bezug zum figürlichen Bildgegenstand gewahrt. Doch die weitere Entwicklung zur völligen Abstraktion – exemplarisch bei Kandinsky – ist schon sichtbar angelegt.

Antrieb zur Veränderung der Darstellungsweisen war jedoch erst in zweiter Linie das Bemühen, formal Neues zu entwickeln. Primär ging es darum, das drängende Lebensgefühl von Krise und Aufbruch zu manifestieren. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gärte es. Industrialisierung und Verstädterung hatten die Lebensweise für einen rasch wachsenden Teil der Gesellschaft revolutioniert, und die von Industriearbeit Abhängigen waren den Umbrüchen zunächst schutzlos ausgesetzt. Inmitten dieser turbulenten Zeit wies die herrschende Kunstauffassung im wilhelminischen Deutschland der Malerei das Zelebrieren von heiler Welt als Aufgabe zu. Kein Wunder, suchten vor allem junge Künstlerinnen und Künstler in Abwendung vom etablierten Kunstbetrieb nach einer Malerei, die ihrem eigenen Zeitgefühl Ausdruck gab.

Kunst für ein anderes Leben

Sie standen damit nicht allein. Eine schwierig zu fassende und nicht so recht einzuordnende Lebensreform-Bewegung, vor allem in Deutschland und der Schweiz, popagierte seit dem späten 19. Jahrhundert angesichts von Industrialisierung, Materialismus und Grossstadtleben eine natürlichere Lebensweise. Reformen in Bildung, Arbeit, Konsum, Ernährung, Medizin und weiteren Bereichen sollten den Menschen in Einklang mit sich und dem Kosmos bringen. Ob Vollwertkost, Reformpädagogik, Naturheilkunde, Freikörperkultur, Esoterik, Leben in Landkommunen – immer ging es um mehr als lediglich Behebung einzelner Probleme; das Ziel war ein grundsätzlich anderes Leben.

Emil Nolde: Mutter und Kind (Zigeuner), 1921, Aquarell und Tusche auf Papier auf Leinwand, 34 x 48 cm, Nolde Stiftung Seebüll, Sammlung Osthaus Museum Hagen, Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf
Emil Nolde: Mutter und Kind (Zigeuner), 1921, Aquarell und Tusche auf Papier auf Leinwand, 34 x 48 cm, Nolde Stiftung Seebüll, Sammlung Osthaus Museum Hagen, Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Die Utopie dieses „anderen Lebens“ war Antrieb und Bezugspunkt aller expressionistischen Kunst. Doch mit dem Utopischen verhält es sich im realen Leben ebenso, wie Marx das Religiöse gesehen hat: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“ (Karl Marx in der Einleitung von „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, 1844).

Expressionismus schliesst die ganze Spannweite und Vielschichtigkeit dieses Gedankens ein. So feiert diese Kunst mit dem Sujet der Badenden in freier Natur immer wieder einen paradiesischen Urzustand des Menschen. Die Maler haben mit Freundinnen und Kollegen bei Aufenthalten am Meer solche Paradiese in lebensreformerischer Attitüde einerseits ausgiebig genossen und das Hochgefühl des Einsseins in Bilder gebannt. Andererseits sind gerade auch diese Motive kraft ihres sichtbar utopischen Gehalts eine Kritik an Zuständen, die den Menschen mit sich und der Welt entzweien.

Otto Mueller: Badende, um 1920, Leimfarbe auf Jute, 100 x 80 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Legat Dr. Othmar und Valerie Häuptli
Otto Mueller: Badende, um 1920, Leimfarbe auf Jute, 100 x 80 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Legat Dr. Othmar und Valerie Häuptli

Es kann sein, dass diese verborgene, leise Klage über die Tatsächlichkeit der Welt tiefer und nachhaltiger wirkte als das direkte Anprangern von Elend und Verlorenheit, das zu einem der Hauptkennzeichen expressionistischer Kunst geworden ist. Die Ausstellung in Aarau dokumentiert auch diese anklagende sozialkritische Dimension des Expressionismus, so etwa in Max Beckmanns packender Lithografien-Serie „Berliner Reise“ von 1922. Doch die Bildauswahl und der Ausstellungstitel „Back to Paradise“ legen den Akzent für einmal nicht auf den anprangernden Expressionismus, sondern auf die stille Vision des real Entbehrten, wie Marx es im „Seufzer der bedrängten Kreatur“ vernommen hat.

Verlorenes Paradies

Den wahren Charakter des Schönen als Paradiessehnsucht zu verstehen, gehört zum Kern der expressionistischen Kunst. Wie schon im biblischen Mythos ist der Garten Eden stets ein Bild des Fehlenden oder Verlorenen. „Paradise Lost“ heisst John Miltons Epos aus dem 17. Jahrhundert, das noch in der Story des James-Bond-Films „Skyfall“ widerhallt, die aus anspielungsreichen Verlustmotiven, auch biblischen, gebaut ist. Wenn das Aargauer Kunsthaus den Titel „Back to Paradise“ setzt, unterstreicht es das Element des Verlusts in der überschwänglichen Ästhetik des Expressionismus. Sie macht das Verlorene bewusst, indem sie dieses vergegenwärtigt in paradiesischen Bildern oder indem sie Konsequenzen von dessen Fehlen aufdeckt in Not, Elend, Verlorenheit.

Der expressionistische Aufbruch war mit seiner neuartigen Bildauffassung und dem rebellischen Selbstverständnis seiner Exponenten ursprünglich eine Kampfansage gegen die damals etablierten modernen Stile des Impressionismus und Symbolismus. Aus der Distanz von hundert Jahren erscheinen die einstigen Antagonismen als Episoden der Kunstgeschichte. Da können die Aufgeregtheiten von damals beinahe skurril erscheinen. Doch Vorsicht: Expressionistische Werke sind möglicherweise für heutige Augen in einer Weise musealisiert, dass sie nur allzu leicht als „schöne Bilder“ durchgehen. Das wollen sie zwar sein, und sind es auch, aber immer auf widerständige Weise.

Aargauer Kunsthaus: Back to Paradise. Meisterwerke des Expressionismus aus dem Aargauer Kunsthaus und dem Osthaus Museum Hagen, bis 3. Dezember 2017

Katalog gleichen Titels mit Beiträgen von Thomas Schmutz, Tayfun Belgin, Otto Letze und Wolf Eiermann, Hirmer Verlag, München 2017 

Ähnliche Artikel

Was für ein amächeliger Text. Will jetzt unbedingt nach Aarau. Merci.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren