Auf Feindfahrt nach Fernost

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Auf Feindfahrt nach Fernost

Von Armin Wertz, 04.09.2015

Aus dem unveröffentlichten Manuskript des Obersteuermanns von U-219, das zu den sogenannten Monsun-Booten zählte, die im Zweiten Weltkrieg im Indischen Ozean operierten.

„Im vorbestimmten Kleinquadrat aufgetaucht. Zeit: 28.9.1944, Abenddämmerung. Der Osten wird immer dunkler, im Westen noch gute Sicht. Plötzlich der Ruf: Flieger steuerbord voraus! An Bord schrillen die Alarmglocken. Im nächsten Moment erwacht das Boot zu hektischem Leben. Alle Männer rennen auf ihre Gefechtsstationen. Da die Maschine in nördlicher Richtung in circa 60 bis 80 Metern Höhe fliegt, sieht uns der Pilot zu spät. So zieht er einen Kreis ausserhalb der Reichweite unseres 2-cm-Flakvierlings und des 3,7-cm-Flakgeschützes und nähert sich erneut, diesmal von steuerbord, so dass er uns im helleren Westen hat.

Unsere Zwillinge und die 3,7-Halbautomatik hämmern los und treffen ihn, während er seine Bombe ausklinkt. Sie schlägt knapp backbord voraus ein, so dass die Wasserfontäne über uns zusammenbricht. K. gibt kurze Kommandos an den Rudergänger, während wir zuschauen, wie der Flieger mit einer Feuer- und Rauchfahne auf Backbordseite im Westen in den Bach fällt, Abstand etwa 2000 bis 3000 Meter.“

So schilderte der Obersteuermann des Unterseebotes U 219, Franz Klump, in einem 43-seitigen hektographierten Manuskript, eine Art Logbuch, unter dem Titel „Es war einmal… Bericht über das Schicksal von U-219 und seiner Besatzung von 1944 bis 1946“ in seinem Eintrag vom 28. September 1944 den Abschuss eines amerikanischen Flugzeugs.

Seit Jahren kursiert dieses Manuskript, in dem Klump die Fahrt, den Aufenthalt in Java, Kapitulation, Gefangenschaft und Heimkehr beschreibt, in Jakarta. Seit Jahren erzählt man sich in Indonesien abenteuerliche Geschichten von gesunkenen U-Booten, mit Gold und anderen Schätzen beladen. Doch als vor ein paar Jahren Fischer in der Javasee tatsächlich ein gesunkenes deutsches U-Boot entdeckt hatten, fanden die Archäologen, die das Wrack untersuchten, nur Nazi-Insignien, Essensgeschirr und die Überreste von 17 Seeleuten.

U-Boote als Frachter

Seit Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion im Sommer 1941 war der Landweg, auf dem notwendige Rohmaterialien aus Asien nach Deutschland transportiert werden konnten, verschlossen. Zudem kontrollierten inzwischen nicht mehr Hermann Görings Piloten, sondern die Luftwaffen Grossbritanniens und der USA den Himmel und bedrohten die deutsche Seeschifffahrt. Noch in der Mündung der Gironde, beim Auslaufhafen in Bordeaux, ging U-219 auf Tauchstation. „Nachmittags können wir durch das Sehrohr zusehen, wie zwei deutsche Schiffe, zufällig aus der Biskaya kommend, von ca. 40 MOSQUITOS angegriffen werden.“

Doch Deutschland brauchte dringend die kriegswichtigen Rohstoffe Asiens: Zinn, Wolfram, Molybdän, Kautschuk. So verfiel die deutsche Marineleitung auf die Idee, U-Boote als Frachtschiffe einzusetzen. 18 Monate zuvor, am 18. Januar 1942, hatten die Achsenmächte ein dreiseitiges „Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit“ geschlossen. Und nun stellte Japan, das ganz Südostasien besetzt hielt, den Deutschen geeignete Häfen zur Verfügung. Aus einer ehemaligen britischen Wasserflugzeug-Station auf Penang vor der Westküste der malaiischen Halbinsel wurde ein deutscher U-Boot-Stützpunkt, Surabaya diente als Versorgungsbasis, während Werften in Batavia (heute Jakarta) und Singapur vorrangig als Reparaturstützpunkte dienten. Ein fünfter Stützpunkt für deutsche U-Boote wurde im japanischen Kobe eingerichtet.

Anfang Juli 1943 lief die erste „Monsun-Gruppe“, wie sie genannt wurde, aus. Zuvor erging der Befehl, dass „ab sofort auch für die Kriegsmarine der DEUTSCHE GRUSS eingeführt wird. Der Befehl kam von Göring“, notierte Klump. Es half nichts. Von den elf Booten dieser ersten Monsun-Gruppe erreichten nur fünf ihr Einsatzgebiet. Also erteilte die Marineleitung fünf weiteren U-Booten den Marschbefehl in den Indischen Ozean. Von diesem zweiten „Wolfsrudel“ kam nur ein einziges Schiff in Batavia an, U-219, ein U-Boot vom Typ X (Minenleger) unter Korvettenkapitän Walter Burghagen mit 63 Mann Besatzung.

„Die Lage ist nicht rosig“

Die Ladung bestand im wesentlichen aus „Funkausrüstung für Kobe, Ersatzteilen für Dieselmotoren und die Torpedowerkstatt, Sanitätsausrüstung, Operationsgerät für Funkstelle Shonen (die japanische Bezeichnung für Singapur), Ersatzteilen für Seefliegerhorst Tanjoeng Priok (der Hafen von Batavia), Medikamente, DURALLUMIN-Barren“ (Eine Aluminiumlegierung aus Kupfer, Magnesium, Mangan, Eisen und Silicium, die in der Waffentechnik als Ersatz für Stahl dienen kann.), schrieb Obersteuermann Klump in seinem Tagebuch. „Im Bootskiel waren untergebracht als Ladung Rohglasbarren für optische Geräte für die Japaner sowie Quecksilber in Stahlflaschen.“ Das Material war „grösstenteils in druckfesten Stahltuben verstaut, die in die grossen Minenschächte des Bootes (anstatt der Kugelminen) eingehängt“ und in Torpedorohren verstaut waren.

In Batavia warteten „120 Tonnen Zinn, 15 Tonnen Molybdän, 80 Tonnen Kautschuk, Wolfram sowie eine Tonne tropenfest verpacktes Chinin und 0,2 Tonnen Rohopium“, die für die Heimfahrt in den Minenschächten und Torpedorohren gebunkert werden sollten. „Denn heimkehrende Monsun-Boote sollen nicht mehr den Gegner schlagen, sie sollen nur noch heimkommen. Das ist ihr Einsatzbefehl“, schrieb ein Offizier von U-178, das in ähnlicher Mission unterwegs gewesen war, in den fünfziger Jahren. „Die Fracht dieser Boote ist noch wichtiger als versenkter feindlicher Schiffsraum.“

Am 23. August war U-219 in Bordeaux ausgelaufen. Es wurde eine lange und gefährliche Fahrt, meist Tauchfahrt: 17 Stunden am Tag kroch das U-Boot, angetrieben von den Elektromaschinen, mit einer Geschwindigkeit von 2,5 Knoten durch den Atlantik und später den Indischen Ozean. Nachts, mit den Krupp-Dieselmotoren auf Schnorchelfahrt, machte es sechs, über Wasser 17 Knoten. Stürme und Kälte, später Hitze und Maschinendefekte setzten der Besatzung zu. Und häufig hörte die Besatzung „Schraubengeräusche von Zerstörern, teilweise bedrohlich nahe, dazu immer wieder WABO-Serien“ (Wasserbomben), wie Klumps Tagebuch vermerkt.

„Unsere Lage ist nicht gerade rosig, hatten wir doch schon seit fast fünf Tagen keine Möglichkeit, unsere Batterien (für die Elektromaschinen) aufzuladen“, lautet der Eintrag am 2. Oktober. Die E-Maschinen konnten nur bei Überwasserfahrt, wenn die beiden Dieselmotoren liefen, aufgeladen werden. Zudem wurde „der CO2-Gehalt in der Atemluft immer geringer. Unser Sauerstoffvorrat sowie die Kalipatronen sind längst aufgebraucht.“ Das Kaliumhyperoxid in den Kalipatronen bindet das Kohlendioxid und setzt gleichzeitig Sauerstoff frei. „Mit grösster Ungeduld erwarten wir den Einbruch der Dunkelheit, denn einige unserer Leute waren der Ohnmacht nahe.“

Als auch noch der Schnorchel ausfiel, „zeigt der Käpt’n Nerven und ruft die Offiziere in die Messe und stellt bedrückt fest, dass die U-Boote und besonders das unsrige in ihrer Schwerfälligkeit für den heutigen U-Bootkrieg nicht mehr geeignet seien.“ Anfang November erlebte der Autor des Logbuchs die „schlimmsten Seetage in meiner zehnjährigen Marinezeit“. Aber nicht Zerstörer, Minen oder Wasserbomben lehren den Offizier das Fürchten. Südlich des Kaps der Guten Hoffnung „jagt ein Orkantief das nächste. Alle paar Minuten wird das Boot (bei Überwasserfahrt) von riesigen Brechern von achtern überlaufen. Die Brückenwache ist angegurtet. Wie eine grüne Wand laufen die Wogen 15 bis 18 Meter hoch auf. Wir brauchen zwei Wochen, bis wir diese unwirtliche Zone passiert haben.“

Das süsse Leben

Am 12. Dezember, nach 112 Tagen und 12´000 Seemeilen, machte U-219 endlich in Batavia fest. Zwar wurde das Boot schon am zweiten Tag nach der Ankunft entladen und sogleich auch wieder beladen „mit hohlen Zinnbarren, die gefüllt waren mit Wolfram und Molybdän, mit Kautschuk und grossen Mengen Rohopium und Chinin.“ Doch Mannschaft und Schiff sollten den Rest des Krieges auf Java verbringen. „Heute noch ist die Frage zu stellen, warum denn U-219 in viereinhalb Monaten Aufenthalts in Batavia nie den Befehl zum Auslaufen für die Heimreise bekam“, wunderte sich Obersteuermann Klump.

Doch die Männer gestalteten ihren Aufenthalt offenbar recht vergnüglich. Sie waren in „grösseren Bungalows im Stadtteil Teluk Betung“ (hinter dem heutigen Kempinski-Hotel Indonesia) untergebracht, die „zuvor als japanisches Militärbordell gedient haben. Diese Einrichtungen waren für die Japaner reichlich vorhanden, wurden doch die japanischen Landser immer korporalschaftsweise von einem Unteroffizier dorthin geführt“, beobachtete Klump, freilich ohne zu erwähnen, dass die deutschen Matrosen die Dienste dieser „Trostfrauen“ ebenfalls gerne in Anspruch nahmen. In allen von ihnen besetzten Gebieten hatten die Japaner Militärbordelle eingerichtet, in denen Tausende Indonesierinnen, Chinesinnen, Koreanerinnen, Burmesinnen, Holländerinnen oder Vietnamesinnen zur Zwangsprostitution eingesperrt waren.

Kapitänleutnant Jürgen Oesten, der mit seinem Schiff U-861 einen Monat im deutschen Stützpunkt in Penang lag, wurde in seinen Erinnerungen deutlicher: „Ich ging zu dem japanischen Admiral und sagte, ich bräuchte ‘ein Hotel‘ für meine Jungs, und wir erhielten das Shanghai-Hotel. Also eröffneten wir das Hotel und heuerten hübsche Mädchen an, die von unseren eigenen Ärzten untersucht wurden.“

Doch irgendwann musste das süsse Leben auf Java ein Ende haben. Am „6. Mai 1945“, so Klump (Es müsste der 8. Mai gewesen sein.), „fuhr gegen neun Uhr ein Lkw mit japanischen Soldaten vor. Unserem Kapitän wurde eröffnet, dass Deutschland kapituliert hat, und die japanische Marine das Boot übernehme. Also wurde von unseren Leuten die deutsche Kriegsflagge in aller Form eingeholt, und der Japaner setzte die seine.“ Die deutsche Besatzung war eine Woche lang in Jakarta interniert, ehe sie auf einer Teeplantage im Preangerland zwischen Bogor und Bandung einquartiert wurde.

Unter britischem Kommando

Erst nach der japanischen Kapitulation wurde auch der deutsche Stützpunkt in Surabaya aufgelöst, dessen Personal dann ebenfalls zu den Besatzungsmitgliedern von U-219 stiess. „Eines Tages, es war wohl schon Mitte Oktober 1945, erschien plötzlich ein Trupp alliierter Soldaten, angeführt von einem britischen Major“, schilderte Klump den Beginn der Kriegsgefangenschaft. Zwar schwiegen nun die Waffen des Zweiten Weltkriegs, doch nun kämpften die Indonesier gegen die neuen Besatzer. Schon am 17. August hatte Sukarno, der spätere Präsident Indonesiens, die Unabhängigkeit ausgerufen.

Ohne ausreichende Kräfte sahen sich die britischen Besatzungsbehörden ausserstande, die zumeist holländischen Frauen, Kinder und Greise, die aus den japanischen Internierungslagern entlassen und in Auffanglagern untergebracht worden waren, vor den Angriffen der Freiheitskämpfer zu schützen. Darum „bot uns der englische Lagerkommandant an, die Evakuierten mit ihm militärisch zu schützen“, staunte Klump über die britische „Flexibilität“. „Wir wurden mit Schnellfeuergewehren, leichten und schweren MGs, Granatwerfern und Handgranaten bewaffnet… Ausserdem erhielt jeder von uns die gleichen Rationen wie jeder britische Soldat… Manche Nacht gab es da ein ganz schönes Geballer.“

Die holländischen Lagerbewohner wiederum beschwerten sich, von Deutschen bewacht oder beschützt zu werden. Anfang 1946 – „wir waren noch immer nicht entlassene deutsche Marinesoldaten der Stützpunkte Jakarta und Surabaya und kämpften immer noch für die britische Sache“ – wurden sie in ein Barackenlager auf einer Insel in der Javasee gebracht. Dort „erfuhren wir, dass wir keine Kriegsgefangenen, auch keine Zivilinternierten, sondern als lästige Ausländer der holländischen Justiz unterstellt waren… Hier waren wir von der Welt vollkommen abgeschnitten.“ Weil sie keine Kriegsgefangenen waren, so klagte Klump, sei „die Genfer Konvention nicht zur Anwendung gekommen.“

Lagerhaft und Heimkehr

Amöbenruhr, Malarie, Magen- und Leberkrankheiten kursierten. Ein herbeigerufener Arzt „schaute durch den Maschendrahtzaun“ und sagte, „von mir aus können alle Deutschen verrecken, in Dachau und Buchenwald mussten andere auch verrecken. Wir wussten damals noch nicht, was unter Dachau und Buchenwald zu verstehen war. Jedenfalls galt das für mich“, beschrieb sich auch Klump als einer der vielen Deutschen, die nichts gewusst hatten. Ende Juli traf „ein Schweizer Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes ein, der sich unsere Beschwerden anhörte, die für Kriegsgefangenenpost geschaffenen Rotkreuzbriefe von 25 Worten maximaler Länge weiterleitete und Massnahmen zur Repatriierung einzuleiten versprach.“

„Manchmal fragten wir uns auch, was wohl aus unserem Boot geworden sein mag“, wies Unteroffizier Klump in seinem „Es war einmal…“ auf ein weiteres Wrack in Indonesiens Schiffsfriedhof hin. „Gegen Ende unserer Gefangenschaft erfuhren wir, dass die Alliierten unser U-219 als Kriegsbeute in der Javasee versenkt haben.“

Ende Oktober 1946 kam die Order „klarmachen für den Heimtransport. Erlaubt ist, was am Körper getragen werden kann plus zwanzig Kilo Handgepäck.“ Am 29. Oktober liefen die Gefangenen auf dem als Transporter für Evakuierte eingerichteten 10´000-Tonnen-Frachter „Sloterdyk“ von Jakarta aus nach Bombay, wo weitere 1´200 Deutsche aus Indonesien, die den Krieg in britischen Internierungslagern verbracht hatten, an Bord kamen. „Am 1. oder 2. Dezember erreichten wir Hamburg… Mit einer Tagesration damaliger Verpflegung und vierzig Reichsmark Entlassungsgeld wurden wir per Lkw nach Hamburg-Hauptbahnhof gebracht.“

„So standen wir an diesem denkwürdigen 8.12.1946 auf dem von Trümmern freigeräumten Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs und waren frei.“

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