ASEAN - nicht-chinesisches Zentrum Asiens

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ASEAN - nicht-chinesisches Zentrum Asiens

Von Daniel Woker, 28.08.2020

Die ASEAN (Association of South East Asian Nations) ist ein fester geographischer Begriff, eine bescheiden wachsende wirtschaftliche Organisation und eine wenig entwickelte politische Einheit.

„Truly Asia“, der Werbespruch für Malaysia darf ohne weiteres für die gesamte ASEAN gebraucht werden. Südost-Asien in seiner ethnischen, historischen und religiösen Vielfalt versteht sich als das Zentrum, ja als die Seele Asiens. Das wird von den anderen asiatischen Ländern, aber auch von überseeischen Mächten anerkannt. Die bislang entstandenen panasiatischen Strukturen, wenig entwickelt und auch wenig effizient, sind alle um den Kern der ASEAN (sog. ASEAN Plus Formationen) gruppiert. Seine zentrale Geographie und das Bewusstsein, dass sie nur als Block neben den asiatisch-pazifischen Giganten – China, USA, Indien – bestehen können, war und bleibt die „raison d’être“ einer Organisation, deren Mitglieder in allen anderen Beziehungen sehr verschieden sind.

Wirtschaft in der ASEAN

Das fängt an mit der Wirtschaft: Singapur an der Spitze, mit Brunei als kleinem Öl-Feudalstaat, dann mit grossem Abstand die „emerging markets“ Vietnam, Thailand, Malaysia, mit Vorbehalten Indonesien und die Philippinen sowie schliesslich die Armenhäuser der Region Kambodscha, Myanmar und Laos. Entsprechend bescheiden sind die wirtschaftlichen Binnenaustausche innerhalb der ASEAN geblieben, was durch oft überlappende Hauptexporte (Rohstoffe, Textilen) noch verstärkt wird. 

Eine ASEAN-Freihandelszone, mit über einer halben Milliarde Konsumenten besteht immerhin, allerdings mit gewichtigen Produkteausnahmen. An freien Kapital-, geschweige denn Personenverkehr ist nicht zu denken, abgesehen von geringfügig erleichterten Grenz- und Zollformalitäten für Inhaber von Binnenpapieren. Wichtiger sind bilaterale Freihandelsabkommen (FTAs) mit Drittstaaten. Die Schweiz, teilweise im EFTA-Verbund, hat solche mit Singapur, Indonesien und den Philippinen, Verhandlungen laufen mit Thailand, Vietnam und Myanmar.

Wirtschaft im Grossraum Asien–Pazifik

Eine wirtschaftspolitisch relevante Bemerkung zum Grossraum Asien–Pazifik (inkl. Pazifikküstenländer beider Amerikas), auch hier mit der ASEAN als Zentrum. Es stehen sich zwei handelspolitische Grossprojekte gegenüber. Einerseits das TPP (Trans Pacific Partnership)-Agreement, mit ursprünglichem Motor in Washington, seit dem Rückzieher von Trump in neuer Gestalt als TPSR (Strategic Economic)P-Agreement  wieder auferstanden.

Auf der anderen Seite das RCEP(Regional Comprehensiv Economic Partnership)-Agreement mit China als Spiritus Rector. Sollten sich beide weiterentwickeln, gar zusammenwachsen, würde der bei weitem weltgrösste Wirtschaftsblock entstehen. Dies ist im Moment unwahrscheinlich, zumal mit den gegenwärtigen Regierungen in Washington und Beijing.

Nicht-China

Als „nicht-chinesischer“, aber doch regionaler Produktions- und Investitionsstandort haben gewisse ASEAN-Länder seit einigen Jahren an Bedeutung gewonnen. Diese wird sich nach der Pandemie und den parallel dazu stark verschlechterten Beziehungen zwischen China und den USA verstärken. Im Zuge einer Diversifizierung von Lieferkanälen präsentieren sich Vietnam, aber auch Indonesien als attraktive Alternativen. Japanische Firmen, und sogar chinesische Produzenten, besorgt über die zunehmende Verengung der direkten Wirtschaftskanäle von China in die USA, aber auch in den Westen generell, weichen vom chinesischen Festland  in den ASEAN-Raum aus.

Zwischen China und den USA

Damit ist auch das aktuelle Hauptproblem der ASEAN-Staaten auf politischer Ebene erwähnt: die sich zuspitzende Konfrontation zwischen den USA und China. Die ASEAN-Staaten wollen nicht, müssen aber zunehmend Stellung beziehen. Sie wollen nicht, da bislang die zentrale, wenn auch kaum angesprochene Formel galt, von blühendem Wirtschaftsverkehr mit China und gleichzeitigem Verlass auf den sicherheitspolitischen Rettungsanker der pazifikweiten „Pax Americana“. 

Sie müssen nun Stellung beziehen, da sich China immer aggressiver gebärdet, speziell in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Stichwort ist das Südchinesische Meer, wo chinesisches Ausgreifen auf internationalrechtlich verankerte Rechte der Küstenstaaten Philippinen, Vietnam, Malaysia und Brunei stösst.

Die Quad 

Die erwähnten Armen unter den ASEAN-Mitgliedern sind der Versuchung des chinesischen Geldes erlegen: Kambodscha und Laos, immer mehr auch Myanmar sind in gewissen Beziehungen chinesische Kolonien.

Der weitaus wichtigere Teil der ASEAN wird aber durch die rasch zunehmende Aggressivität Beijings zunehmend in die Nähe der einzigen, sowohl entwicklungs- wie sicherheitspolitisch China ebenbürtigen Formation in Asien getrieben: Die Quad (von quadrilateral: USA, Japan, Australien, Indien). Diese ist allerdings keineswegs eine bereits gefestigte Struktur. Bis vor kurzem weigerte sich Indien, trotz gewisser Teilnahme, von anti-chinesischer Natur der Quad auch nur zu sprechen. Das hat sich allerdings seit der chinesischen Aggression im Himalaya, sowohl direkt an der Grenze in Kaschmir, wie auch indirekt gegen den Kleinstaat Bhutan, indischer Schützling, geändert. 

Ein sicherheitspolitischer Markstein wird gesetzt werden, wenn ASEAN-Staaten einmal an militärischen Manövern der vier Quad-Staaten teilnehmen werden. Wie oft in Asien sind allerdings solche Übergänge fliessend, seit langem sind ASEAN-Staaten an den sog. RIMPAC (Rim of the Pacific)-Manövern unter amerikanischer Leitung beteiligt.

Europa in Asien

Und Europas Rolle? Als weltgrösster Binnenmarkt ist die EU, eingeschlossen seiner Seitenwagen wie die Schweiz (falls am 27.09.20 nichts schief läuft), für die ASEAN von grosser Bedeutung. Ein Freihandelsvertrag (FTA) EU–ASEAN wäre für beide Seiten gewinnbringend, erscheint aber, zudem wegen generellem Covid-19 Stillstand, aktuell nicht umsetzbar. Ähnlich wie die Schweiz hat die EU mit verschiedenen ASEAN-Staaten bilaterale FTAs abgeschlossen. Als politische Macht ist Europa allerdings in Asien kaum präsent, zumal nach dem Ausscheiden von Grossbritannien. Es erscheint allerdings absehbar, dass auch hier dereinst ein Umdenken stattfinden wird, da einzelstaatliches Vorgehen im AP/IP (Asia Pacific oder Indo Pacific, wie der Grossraum Asien-Pazifik je nach politischer Lesart genannt wird) mit seinen globalen Schwergewichten China, USA und Indien keine wirtschaftliche und noch weniger politische Zukunft hat.

Als dessen Mittelpunkt haben das die ASEAN-Staaten längst verinnerlicht und so wird die Organisation innere Zerreissproben wohl weiterhin überstehen.

Zunehmende Aggressivität Chinas? Warum schreibt niemand über die seit Jahrzehnten real existierende Aggressivität der USA?

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