Adrienne Monnier und Sylvia Beach bildeten mit ihren Buchhandlungen an der Rue de l’ Odéon die legendäre «Odéonie», seit den 1920er Jahren Zentrum der literarischen Avantgarde und unter der Naziherrschaft Anlaufstelle für verfolgte Schriftsteller.
Die Geschichten um die Französin Adrienne Monnier (1892–1955) und die Amerikanerin Sylvia Beach (1887–1962) sind verschiedentlich erzählt worden. Die Letztere erlangte literaturhistorischen Ruhm, indem sie 1922 den Roman «Ulysses» des noch unbekannten Iren James Joyce im Eigenverlag veröffentlichte. Joyce hatte im englischen Sprachraum keinen Verleger gefunden, da sein Buch als pornographisch galt. Die amerikanische Buchhändlerin in Paris hingegen erkannte den literarischen Rang des «Ulysses» und sprang in die Bresche, indem sie für dieses Buch – ganz gegen ihre Intention – zur Verlegerin wurde. Sylvia Beach blieb über Jahrzehnte mit Joyce verbunden, was wegen des oft schroffen Charakters des Iren die Freundschaft der beiden immer wieder arg belastete.
Shakespeare and Company
Welches literarische Niveau Sylvia Beach mit ihrer Tätigkeit anpeilte, verrät schon der – allerdings etwas augenzwinkernde – Name ihrer Buchhandlung: Shakespeare and Company. (Einen Buchladen gleichen Namens gibt es an anderer Adresse in Paris noch heute.) Shakespeare and Company war Anziehungs- und Treffpunkt der an englischsprachiger Literatur Interessierten.
Doch erst die zufällige Nachbarschaft mit Adrienne Monniers Buchladen an der Rue de l’ Odéon erzeugte jenen als «Odéonie» berühmt gewordenen Hotspot des Pariser literarischen Lebens. Adrienne Monnier machte aus ihrer Buchhandlung ein eigentliches Literaturhaus. Die dort veranstalteten Lesungen und Gespräche mit Schriftstellern bildeten alsbald ein Netz der literarischen Prominenz und Exzellenz. Die Inhaberin genoss den Ruf einer kulturellen Instanz und stand mit der Zeit so ziemlich mit allem, was in Literatur und Philosophie Rang und Namen hatte, in vertrauter Verbindung. Und da die benachbarten Buchhändlerinnen im Wesentlichen die gleichen Interessen verfolgten, wurden ihre Läden bald zum Doppelgestirn am literarischen Himmel von Paris.
La Maison des Amis des Livres
Adrienne merkte bald, dass viele ihrer Interessenten sich kaum Bücher leisten konnten. Die Wirtschaftskrise entzog ihrem Geschäft nach und nach die Grundlage. Also begann sie, Bücher nicht nur zu verkaufen, sondern auch auszuleihen. Wer Mitglied ihrer «Maison des amis des livres» wurde, konnte ihr Geschäft als Leihbibliothek benutzen. Damit begründete sie zugleich eine Community, die sich in ihrem Laden traf und dessen Veranstaltungen besuchte. Wer sich beteiligte, partizipierte an Adriennes Netzwerk und hatte die Chance des direkten Kontakts mit den wichtigsten Literaten und Intellektuellen. Die kulturelle Strahlkraft dieser Institution in den Krisenjahren der Zwischenkriegszeit war ausserordentlich.
1940 wurde Paris von der deutschen Wehrmacht besetzt. Juden und Oppositionelle waren zunehmend bedroht. Im Kriegsverlauf verschärften sich Unterdrückung und Verfolgung sowohl im besetzten Teil Frankreichs wie in dem von der kollaborierenden Vichy-Regierung unter Marschall Pétain verwalteten Teil des Landes. Adrienne und Sylvia setzten sich unermüdlich für die bedrohten und in immer grösserer Zahl internierten Literaten ein. Sie liessen ihre politischen Beziehungen spielen, um Aufenthaltsgenehmigungen oder Freilassungen zu erwirken, suchten für Untergetauchte nach sicheren Orten, halfen mit Geld, Lebensmitteln und Kleidern, bemühten sich um die Organisation von Fluchtwegen nach Südfrankreich und weiter durch Spanien nach Portugal oder in die Schweiz.
Hoher persönlicher Preis
Eindrucksvoll an Uwe Neumahrs Schilderung ist die schiere Zahl von Berühmtheiten, für deren Rettung sich Adrienne und Sylvia verdient machten oder um die sie sich bemühten. Neben Walter Benjamin, Jean-Paul Sartre, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und Arthur Koestler erzählt Neumahr von Dutzenden Weiteren, denen die beiden Frauen unter hohem persönlichem Risiko beistanden. In vielen Fällen erlitten die Verfolgten ein zermürbendes Auf und Ab von Befreiung und erneuter Internierung, von vager Hoffnung und abgründiger Verzweiflung.
In zahlreichen Fällen scheiterten die Bemühungen der Buchhändlerinnen. So wurde Sylvias Freundin und einstige Assistentin, Françoise Bernheim, die in einer Untergrund-Organisation zur Rettung jüdischer Kinder mitarbeitete, trotz aller Demarchen und Solidaritätsbekundungen 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet. Auch Sylvia Beach selbst bezahlte ihren Einsatz für Verfolgte und Exilanten mit einer monatelangen Internierung, zuerst unter menschenunwürdigen Bedingungen bei völliger Ungewissheit im Jardin d’ Acclimation, einem zum Gefangenenlager umfunktionierten Vergnügungspark in Paris, dann in einem zweckentfremdeten Hotel in Vittel. Adrienne und zahlreiche weitere Freunde setzten alle Hebel in Bewegung, um Sylvia frei zu bekommen, was im März 1943 schliesslich gelang.
Neumahr erzählt diesen riesigen Stoff in einem journalistischen Storytelling-Stil, gut lesbar, in kurze Kapitel gegliedert. Wer wissen will, welches die Quellen seiner oft fast einem Augenzeugenbericht nahekommenden Schilderungen sind, kann sich im angehängten Anmerkungsteil sowie anhand des umfangreichen Literaturverzeichnisses orientieren.
Der Verlag C. H. Beck macht sich seit Langem mit einem eindrucksvollen Sachbuchprogramm verdient. Es umfasst alle möglichen Themensparten und pflegt neben der strengen wissenschaftlichen Aufarbeitung zunehmend auch die eher journalistische, auf leichte Lesbarkeit ausgerichtete Darstellung. Für Letzteres ist das neue Buch von Uwe Neumahr ein gutes Beispiel.
Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand, C. H. Beck 2026, 320 S.