Manche Kommentatoren geben vor, es genau zu wissen. Doch der Krieg ist vorerst nur unterbrochen und könnte nach Ablauf des zweiwöchigen Waffenstillstands weitergehen. Selbst wenn es zu einer Einigung kommen sollte, kann niemand wissen, wie diese aussehen wird. Und ob dann glaubwürdig von Siegern und Verlierern die Rede sein kann.
Ende Februar haben zur allgemeinen Überraschung die USA und Israel mit der Bombardierung des Iran den neuen Krieg in der Nahostregion eingeleitet – anfänglich mit den erklärten Zielen, durch einen Volksaufstand einen Regime-Change in Teheran zu stimulieren und Irans Fähigkeiten zur Produktion von Nuklearwaffen definitiv zu beseitigen. Nach fünfeinhalb Wochen gegenseitigen Luftkrieges und der Blockierung des Hormuz-Seeweges durch Iran einigte sich die USA und Iran durch pakistanische Vermittlung am 8. April auf einen zweiwöchigen Waffenstilland und Verhandlungen. Inzwischen ist auf Druck von US-Präsident Trump endlich auch ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon vereinbart worden.
«Wir haben alle militärischen Ziele erreicht»
Schon vor Beginn des Waffenstillstandes ist in vielen Medien weltweit darüber spekuliert und prognostiziert worden, welche Seite diesen gefährlichen Krieg gewinnen könnte und wer zu den Verlierern zählen werde. Für den nie um grossmäulige Sprüche verlegenen US-Präsidenten war die Sache bereits eindeutig klar, als er die zweiwöchige Waffenpause ankündigte. Er sprach von einem totalen und vollständigen Sieg der USA. «Wir haben bereits alle militärischen Ziele erreicht und übertroffen», erklärte er wörtlich. Dass die Strasse von Hormuz durch Iran weiterhin gesperrt blieb und die iranischen Fähigkeiten, Israel und die Golfstaaten mit Raketen zu beschiessen, offenkundig noch intakt waren, hinderten ihn nicht in seiner triumphierenden Rhetorik. Aber auch im Iran gingen Menschen auf die Strasse und feierten – freiwillig oder gelenkt von oben – einen grossartigen Sieg ihres Landes.
Überraschend sind solche voreiligen Triumph-Parolen und Siegesbotschaften nicht. Regierungen, die Kriege anzetteln oder sich gegen Angreifer verteidigen, müssen, um die eigene Bevölkerung bei der Stange zu halten, dieser zwangsläufig und ständig einfeuern, dass ihr Land die Oberhand gewinnt und der Gegner die Schlacht praktisch verloren hat.
Im Brustton definitiver Gewissheit
Weniger selbstverständlich aber dennoch weitverbreitet ist die Praxis in vielen mehr oder weniger unabhängigen Medien, ihren Lesern oder Zuschauern und Zuhörern im Brustton definitiver Gewissheit vorauszusagen, welche Seite in einem militärischen Schlagabtausch zu den Siegern und zu den Verlierern zählen wird – obwohl das betreffende Kräftemessen noch gar nicht abgeschlossen ist, oder – im Falle eines Waffenstillstandes – dieses am Ende der Verhandlungen wieder mit voller Wucht fortgesetzt wird. Dass in den sogenannten sozialen Medien oder der Boulvevard-Presse kaum Hemmungen bestehen, solche absoluten Meinungen über den Ausgang eines laufenden Krieges oder eines bevorstehenden Wahlganges (Beispiel: Die eklatante Fehlprognose von Köppels «Weltwoche» zur jüngsten Parlamentswahl in Ungarn) zu verbreiten, versteht sich. Klappern gehört hier zum Handwerk.
Eher erstaunlich ist, dass im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg jetzt auch Kommentatoren sogenannter Qualitätsmedien sich dazu verleiten lassen, in Bezug auf den Iran-Krieg noch vor dessen erkennbarem Ende schon apodiktisch formulierte Urteile über Sieger und Verlierer zu publizieren. Das ist zumindest reputationsmässig ziemlich riskant, denn eigentlich weiss jedermann, dass zukünftige Entwicklungen niemals mit absoluter Verlässlichkeit vorausgesagt werden können.
Saudiarabien als Gewinner, Europa als Verlierer?
Dennoch hatte die «NZZ am Sonntag» schon am 1. März, einen Tag nach Beginn des Iran-Krieges auf der ersten Seite mit breitem Titel verkündet: «Ein Kriegsgewinner steht schon fest.» Nach dem Angriff der USA auf Iran werde Saudiarabien neu zur dominierenden Macht der Region, heisst es weiter im Text. Ob das tatsächlich so kommen wird, ist heute allerdings noch längst nicht klar. Bisher ist der Krieg ja noch nicht zu Ende und Iran noch keineswegs besiegt, die Meerenge von Hormuz bleibt trotz offiziellem Waffenstillstand blockiert. Ob und wann Saudiarabien und die Golfstaaten ihre für sie existenziellen Ölexporte wieder im gewohnten Umfang aufnehmen können, bliebt immer noch ein Fragezeichen.
Am vergangenen Wochenende hat auch die NZZ in ihrem samstäglichen Leitartikel eine reichlich gewagte Prognose in den Raum gestellt. Unter dem Titel «Ein Verlierer steht schon fest», argumentierte Chefredaktor Eric Gujer, die Europäer würden «ihren kapitalen Fehler», auf Trumps Ersuchen um Hilfeleistung im Krieg gegen Iran negativ zu reagieren, noch zu spüren bekommen. «Ein Verlierer des Waffengangs steht daher schon fest. Es ist Europa», heisst es forsch in diesem Text. Ob es trotz Trumps vorausgegangenen verächtlichen Äusserungen über die europäischen «Papiertieger» bündnistaktisch richtig war, Washingtons Unterstützungsbitte unverblümt abzulehnen, darüber kann man streiten.
Aber ob das tatsächlich auch langfristig negative Konsequenzen für «die Europäer» haben wird und der Alte Kontinent so eindeutig als ein Verlierer des Iran-Krieges dastehen wird, ist durchaus nicht so sicher in Stein gemeisselt, wie der Kommentator schreibt. Denn völlig ungewiss bleibt, wer in zweieinhalb Jahren als Nachfolger Trumps im Weissen Haus regieren wird und ob dieser mit den Nato-Partnern ebenso widersprüchlich und unwürdig umspringen wird wie der jetzige Machthaber.
«The War’s biggest Loser»
Jedenfalls kommt ein anderes Qualitätsblatt, der britische «Economist», zur Frage der Verlierer im Iran-Krieg zu einem ganz anderen Zwischenergebnis. «Donald Trump ist the War’s biggest loser», heisst die Überschrift zum Leitartikel vor einer Woche. Auch das ist in dieser absoluten Formulierung eine fragwürdige Behauptung. Die grundsätzlich sehr amerikafreundliche Publikation lässt in diesem Kommentar keine Zweifel darüber offen, dass sie Trumps Entscheidung zum Angriff auf Iran für verfehlt und abwegig hält.
Der Präsident habe dem jetzigen Waffenstillstand zugestimmt, weil er inzwischen hoffentlich begriffen habe, dass er diesen Krieg nie hätte beginnen sollen, schreibt der «Economist». Denn es sehe überhaupt nicht danach aus, dass er seine wichtigsten drei Ziele – mehr Sicherheit in der Nahostregion, den Sturz des jetzigen Regimes in Teheran und die endgültige Verhinderung einer zukünftigen iranischen Nuklearmacht – werde durchsetzen können. Dieser Krieg enthülle die Oberflächlichkeit seiner Vision, die amerikanische Macht auf neue Art einzusetzen.
Prognosen sind schwierig
Neben diesen prominenten, aber inhaltlich völlig entgegengesetzten Meinungen und Voraussagen zum Iran-Krieg werden im weiten Feld der als seriös geltende Medien noch allerlei andere Gewinner und Verlierer genannt. Die Liste der Kandidaten für beide Kategorien reicht neben den unmittelbaren Kriegsparteien von China über Russland und Israel bis zu den Golf-Emiraten, der Ukraine und anderen Ländern, die unter den Einschränkungen und Verteuerungen des Welthandels leiden oder profitieren dürften. Doch immerhin hüten sich diese Kaffeesatz-Leser in aller Regel davor, solche Prognosen im Stile unerschütterlicher Wahrheiten zu formulieren.
Wer es trotzdem tut, sollte sich vielleicht vorher ein oft zitiertes Sprichwort durch den Kopf gehen lassen, das gemeinhin dem dänischen Wissenschafter Niels Bohr, aber auch Churchill und dem legendären Baseballspieler Yogi Berrra zugeschrieben wird. In seiner englischen Version lautet es: «It is difficult to make predictions, especially about the future.»