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HISTORISCHE SPUREN

Der Weinberg, der auf sein Kloster wartete

7. Juni 2026
Carl Bossard
Rebgut des Klosters Engelberg
Rebgut des Klosters Engelberg am Bielersee (Bild: Beat Christen)

Die Schweiz ist reich an überraschenden Verbindungen. Eine der erstaunlichsten führt vom Fuss des Titlis an den Bielersee – und durch beinahe acht Jahrhunderte Geschichte.

Wer in Engelberg vor dem imposanten Benediktinerkloster steht, denkt an Berge und Schnee, an Orgelklänge und Schulklassen. Kaum jemand denkt an Wein.

Und doch führt eine historische Spur von Engelberg hinunter an den Bielersee. Genauer gesagt nach Wingreis bei Twann. Dort tragen bis heute eine Rebparzelle, eine Schiffstation und ein Restaurant den Namen «Engelberg». Wer die Geschichte nicht kennt, hält das für eine geografische Kuriosität. In Wirklichkeit handelt es sich um ein jahrhundertealtes Erinnerungsstück.

Eine Spur führt ins Mittelalter

Die Verbindung begann bereits im frühen 13. Jahrhundert. Weniger als hundert Jahre nach der Gründung des Klosters Engelberg im Jahr 1120 gelangten die Benediktiner zu Rebbergen am Bielersee. Ein vermögender Geistlicher aus Buochs schenkte dem Kloster ein Weingut bei Twann. Weitere Rebflächen kamen hinzu. Bereits 1236 bestätigte Papst Gregor IX. den Besitz der Engelberger Weinberge ausdrücklich in einer Urkunde. Darin werden die Rebgüter von Twann und Wingreis namentlich erwähnt. (1)

Das war bemerkenswert: Ein Kloster in einem abgelegenen Alpental verfügte über Weinberge an einem der besten Sonnenhänge des Bielersees. Für mittelalterliche Klöster war das keineswegs ungewöhnlich. Wein wurde für die Liturgie benötigt, aber auch für den Alltag. Erstaunlich erscheint die Verbindung erst aus heutiger Sicht: Hier die Benediktiner im Hochtal von Engelberg, dort die Reben über dem Seeufer – verbunden durch Besitzrechte, Handelswege und eine gemeinsame Geschichte.

Als Entfernung noch ein Problem war

Heute beträgt die Fahrzeit von Engelberg an den Bielersee gut zwei Stunden. Im Mittelalter war die Strecke eine kleine Expedition.

Die Bewirtschaftung weit entfernter Güter war aufwendig und teuer. Irgendwann wurde die Distanz zur Belastung. 1433 verkaufte das Kloster seine Weinberge am Bielersee wieder. Die Gründe sind nicht dokumentiert, doch vieles spricht dafür, dass die Kontrolle eines so weit entfernten Besitzes immer schwieriger wurde.

Bemerkenswert ist jedoch etwas anderes: Das Kloster verschwand, sein Name am Bielersee blieb. Während Generationen wechselten Besitzer, politische Systeme und Verkehrswege. Doch die Bezeichnung «Engelberg» überdauerte alles. Sie blieb an den Rebhängen haften wie eine historische Signatur. Selbst alte Flurnamen wie «Klos», «Setzi» oder «Rogget» erinnern noch an die Zeit der Benediktiner.

Geschichte ist oft unsichtbar. Hier hat sie sich in die Landschaft eingeschrieben.

Eine päpstliche Urkunde und ein erstaunliches Gedächtnis

Vielleicht liegt darin das Besondere dieser Geschichte.

Gregor IX.
Papst Gregor IX. bestätigt 1236 die klösterlichen Weingüter: vineta in Crissiaco et Towanno et Windegrabs cum pertinentiis suis (Zeile 11)  (Bild: Beat Christen)

Normalerweise verschwinden Eigentumsverhältnisse nach Jahrhunderten aus dem kollektiven Gedächtnis. Wer weiss heute noch, wem ein Grundstück im Jahr 1433 gehörte?

Am Bielersee ist das anders. Der Name des ehemaligen Eigentümers blieb über fast sechs Jahrhunderte lebendig. Er wanderte von den Weinbergen auf Gebäude, Gaststätten und geografische Bezeichnungen. Er überstand politische Umwälzungen, die Reformation, Kriege und die Industrialisierung.

Als das Kloster Engelberg im Jahr 2017 einen Teil des historischen Rebguts zurückerwarb, schloss sich nicht einfach ein Immobiliengeschäft ab. Es schloss sich ein Kreis. Der Name des Klosters hatte den Ort nie verlassen. Nun gehörte ein Teil des Bodens wieder jenem Kloster, dessen Besitz Papst Gregor IX. bereits 1236 urkundlich bestätigt hatte.

Solche Kreise schliessen sich nur selten.

Bielersee
Der klösterliche Weinberg am Bielersee (Foto: Beat Christen)

Mehr als eine Wein-Geschichte

Man könnte diese Geschichte als Episode aus dem Weinbau erzählen. Doch eigentlich ist sie eine Geschichte über die erstaunliche Langlebigkeit von Institutionen. Das Kloster Engelberg wurde 1120 gegründet. Als seine Mönche bereits Rebberge am Bielersee bewirtschafteten, existierte die Eidgenossenschaft noch nicht.

Sie erzählt aber auch von einer besonderen Stärke unseres Landes. In vielen Staaten wäre die Verbindung zwischen einem Bergkloster und einem Rebhang am See längst vergessen. Hier blieb sie erhalten – nicht nur in Archiven, sondern in Ortsnamen, Landschaften und Erinnerungen.

Vielleicht liegt genau darin die Pointe dieser Geschichte: Auf kleinem Raum bewahrt die Schweiz ein erstaunlich langes Gedächtnis. Manchmal genügt ein Blick auf einen Rebberg am Bielersee, um es zu entdecken.

(1)  P. Patrick Ledergerber (2017), Wiedererwerb des Weinguts «Engelberg» am Bielersee, in: Titlisgrüsse 103, Heft 2, S. 11-17.

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