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Iran

Warum kehrte der Krieg zurück?

20. Juli 2026
Ali Sadrzadeh
Iran
Eine durch einen US-Luftangriff zerstörte Brücke auf der Strasse zwischen Rudan und Bandar Abbas (Keystone/EPA/Amir Hossein Khorgooei)

Als vor zwei Monaten das sogenannte «Islamabad Memorandum of Understanding» von den Präsidenten Donald Trump und Massud Peseschkian unterzeichnet wurde, schien der interne Machtkampf im Iran vorerst entschieden: Die Pragmatiker hatten sich offenbar durchgesetzt. 

Doch seit zehn Tagen wird der Krieg mit unverminderter Härte fortgesetzt. Das vorläufige «Verständnis» erklärten beide Seiten für beendet, und die Kriegsrhetorik nimmt zunehmend martialische Züge an. Selbst Mohammed Bagher Ghalibaf und Abbas Araghchi, einst die Architekten der Verhandlungen, schlagen inzwischen deutlich schärfere Töne an.

«Ich bin grundsätzlich gegen diese Verständigung.» Dieser Satz war lediglich ein Nebensatz. Ihm folgten zahlreiche Einschränkungen, Relativierungen und Vorbehalte – leicht zu überhören oder zu überlesen. Er stand in einer Botschaft an das iranische Volk, die Mojtaba Khamenei am 18. Juni aus seinem Versteck über iranische Medien verbreiten liess.

Sehnsucht nach einer Atempause

Es war ein beinahe feierlicher Tag – nicht nur in Iran, sondern auch in Versailles, wo Donald Trump im Beisein des sichtlich zufriedenen Emmanuel Macron die lange erwartete Rahmenvereinbarung mit der Islamischen Republik unterzeichnete. Die Hoffnung auf ruhigere Zeiten war weltweit spürbar – besonders an den Tankstellen der Welt. In Iran präsentierten sich die Verhandler Ghalibaf und Araghchi vor den allabendlich nach Vergeltung rufenden Demonstranten als heldenhafte Soldaten an der «Front der Diplomatie». Die Mehrheit der iranischen Bevölkerung wiederum ignorierte Mojtaba Khameneis warnenden Nebensatz. Zu gross war die Sehnsucht nach einer Atempause.

Viele ausländische Beobachter werteten diesen folgenreichen Satz als das übliche Geplänkel zwischen Reformern und Hardlinern – ein Ritual, an das man sich in den vergangenen 47 Jahren dieser Republik gewöhnt hatte. Dabei spielte es letztlich keine Rolle, ob Mojtaba Khamenei den Satz tatsächlich selbst verfasst hatte oder nicht. Er war von Anfang an als Diktum gedacht – als das letzte Wort. Und genau so hätte er verstanden werden müssen.

Strategisches Pfand

In jener Botschaft wird auch die Strasse von Hormus ausdrücklich als iranisches Hoheitsgebiet definiert, das mit allen Mitteln zu verteidigen sei. In diesem Punkt herrscht Einigkeit: Reformer wie Hardliner teilen diese Auffassung. Denn diese Wasserstrasse ist das wichtigste strategische Pfand, mit dem die Islamische Republik ihre Macht gegenüber der Welt demonstrieren kann. Auf sie zu verzichten käme einer vollständigen Entwaffnung gleich. Morteza Rezaei, der erste Kommandeur der Revolutionsgarden, brachte diese Logik einst auf den Punkt: Hormus sei mehr wert als zehn Atombomben.

Als Aussenminister Abbas Araghchi vor zehn Tagen nach Oman reiste, um mit dem Sultanat, das auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge liegt, eine Vereinbarung über eine gemeinsame Kontrolle dieses maritimen Nadelöhrs zu erzielen, kehrte er mit leeren Händen zurück. Auch Oman vertritt die Auffassung, dass die Strasse von Hormus internationales Gewässer sei und kein Staat berechtigt sei, dort Gebühren zu erheben.

«Der harte Kern der Macht hat zwei Arme»

Noch bevor Araghchis Maschine wieder iranischen Boden erreicht hatte, begannen die Revolutionsgarden mit Raketenangriffen auf Kuwait, Bahrain und Oman. Es handelte sich um symbolische Angriffe. Gerade Oman unterhält traditionell gute Beziehungen zu Teheran und bemüht sich bis heute um eine Vermittlung zwischen Iran und den Vereinigten Staaten.

«Der harte Kern der Macht hat zwei Arme», sagt der Teheraner Journalist Hamid Assefi. «Der eine reicht in den Nationalen Sicherheitsrat, der andere bis zu jenem Büro, das im Namen Mojtaba Khameneis politische Botschaften formuliert.» Gegenwärtig, so Assefi, gebe es niemanden mehr, der genügend Autorität besitze, das diplomatische Spiel auch nur vorübergehend fortzusetzen.

«Ergebnis einer Sicherheitslücke»

Aussenminister Araghchi, der sich weiterhin als Pragmatiker gibt, versucht dennoch, die Diplomatie seiner Republik zu retten – notfalls auch um den Preis, hochsensible Staatsgeheimnisse öffentlich anzusprechen. Gestern trat er im Informationskanal «WAR Story» mit einer Aussage auf, die einer politischen Bombe gleichkam.

Im Verlauf des ausführlichen Gesprächs erklärte er, der Bombenanschlag auf die Residenz Ali Khameneis, der Versuch seiner Tötung sowie die Ermordung zahlreicher militärischer und politischer Spitzenfunktionäre seien das Ergebnis «einer Sicherheitslücke auf höchster Ebene» gewesen. Sämtliche Treffen am ersten Kriegstag seien dem Gegner bereits im Voraus bekannt gewesen.

«Die Sicherheitslücke besteht nach wie vor»

Diese Sicherheitslücke, die Informationen aus den höchsten Machtzirkeln an den Feind weitergegeben habe, bestehe nach wie vor und arbeite unverändert weiter. Araghchi schilderte minutiös seine eigene Anwesenheit ab sieben Uhr morgens in jenem weitläufigen Komplex mit mehreren Gebäuden, in dem an diesem Tag parallel Sitzungen der Geheimdienstchefs, der militärischen Führung und führender Diplomaten stattfanden.

Ali Khamenei befand sich gegen 8.30 Uhr gemeinsam mit seinen engsten Generälen und Beratern in einem der Gebäude, als das massive Bombardement begann. Auch das Gebäude, in dem Araghchi mit Diplomaten über den unmittelbar bevorstehenden Krieg beriet, wurde getroffen. Erst gegen Mittag gelang es ihm gemeinsam mit einer weiteren Person, sich aus den Trümmern zu befreien. Auf der Strasse wurde er von einem vorbeifahrenden Autofahrer erkannt und zum Aussenministerium gebracht.

Erfolglose Vermittlungsbemühungen

Der entscheidende Satz dieses Interviews lautete jedoch: «Die Sicherheitslücke auf höchster Ebene, die alles verraten hat, ist weiterhin aktiv. Sie bestimmt bis heute unsere Politik und die Atmosphäre im Land.»

Deshalb blieben sämtliche Vermittlungsbemühungen bislang erfolglos. Heute wies Mohammad Harandi, Berater des iranischen Verhandlungsteams, den Vorschlag Katars für eine zehntägige Waffenruhe entschieden zurück. «Denken Sie nicht einmal daran», erklärte er zu der Initiative, die auch von den Vereinigten Staaten unterstützt wird.

Zerstörte Strassen und Brücken

Seither greifen amerikanische Bomber Nacht für Nacht iranische Ziele an, vor allem entlang der Küsten des Persischen Golfs. Inzwischen richten sich die Angriffe nicht mehr ausschliesslich gegen militärische Einrichtungen, sondern zunehmend auch gegen lebenswichtige Infrastruktur.

Die Metropole Bandar Abbas mit ihren nahezu einer Million Einwohnern ist seit den schweren Bombardements vor drei Tagen auf dem Landweg praktisch abgeschnitten und nur noch aus der Luft erreichbar. Sämtliche Strassen, Brücken und Tunnel, die den grössten Handelshafen des Landes mit dem Binnenland verbinden, wurden zerstört.

Dramatische Versorgungslage

Bandar Abbas bildet das Herzstück des iranischen Aussenhandels und der Energieversorgung. Der Hafen ist inzwischen nur noch über den Persischen Golf zugänglich. Gleichzeitig hat die US-Marine die vollständige Blockade der iranischen Häfen erneut durchgesetzt. Mit der Zerstörung sämtlicher nördlicher, östlicher und westlicher Verkehrsachsen verschärft sich auch die Versorgungslage im Landesinneren dramatisch. Mehr als 70 Prozent des iranischen Warenumschlags laufen über den Containerhafen von Bandar Abbas, der zugleich bedeutende Industrien beherbergt – darunter Ölraffinerien, Kraftwerke, grosse Stahl- und Aluminiumwerke sowie Schiffbauanlagen.

Die Revolutionsgarden antworten ihrerseits regelmässig mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Bahrain, Kuwait und Jordanien. Die meisten dieser Angriffe werden von den Luftverteidigungssystemen der betroffenen Staaten abgefangen.

Keine Angriffe auf Saudi-Arabien

Bemerkenswert ist allerdings, wen die Revolutionsgarden nicht angreifen. Pakistan erklärte vor zwei Tagen erneut, jeder Angriff auf Saudi-Arabien überschreite eine rote Linie und werde umgehend beantwortet. Seit dem vergangenen September stehen die Saudis aufgrund eines Beistandsabkommens unter dem nuklearen Schutzschirm Pakistans. Auch Kuwait strebt ein entsprechendes Abkommen an; die Gespräche darüber laufen bereits.

Pakistan ist infolge dieses Krieges zu einer regionalen Macht ersten Ranges aufgestiegen. General Asim Munir gilt inzwischen als Donald Trumps bevorzugter Ansprechpartner in der Region. Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum verfügen mittlerweile über die neueste Generation des israelischen Iron-Dome-Abwehrsystems.

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