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ZUM SCHULSTART

Warum Freiheit Halt braucht

9. August 2026
Carl Bossard
Schulstart
Ein Kind wird von seiner Mutter am ersten Schultag im Kanton Waadt zum Kindergarten begleitet. (Forto: Keytone/Laurent Gilliéron)

Zum Schulstart richtet sich der Blick auf neue Kompetenzen, digitale Möglichkeiten und die Anforderungen der veränderten Welt. Doch bevor Kinder selbstständig denken, urteilen und Verantwortung übernehmen können, brauchen sie etwas Grundlegenderes: Halt. Freiheit wächst aus Erfahrung, Begleitung und Vertrauen.

In diesen Tagen stehen wieder Tausende Kinder vor einem Schulhaus. Manche greifen noch nach der Hand ihrer Mutter oder ihres Vaters, andere eilen schon mutig voraus. Alle tragen einen Schulsack – und viele Erwartungen. Für sie beginnt ein Weg, dessen Ziel niemand genau kennt. Das ist auch nicht nötig. Entscheidend ist vielmehr: Was muss Schule Kindern ermöglichen, damit sie einmal ihren eigenen Lern- und Lebensweg gehen können?

Wir verlangen viel – aber fragen selten nach dem Fundament

Wir führen heute Debatten über Bildungsziele. Über Kompetenzen, Digitalisierung, Selbstständigkeit oder künstliche Intelligenz. Das alles ist wichtig. Doch wir sprechen erstaunlich selten über die Voraussetzungen, aus denen diese Ziele überhaupt wachsen. Nicht: Was sollen Kinder einmal können? Sondern: Woraus wächst, was wir später mit Recht von ihnen erwarten dürfen? Genau dort beginnt die eigentliche Bildungsfrage.

Wir wünschen uns selbstständige junge Menschen, die Verantwortung übernehmen, kritisch denken und sich in einer Welt im rasanten Wandel dereinst zurechtfinden. Das sind berechtigte Ziele. Doch Ziele sind noch keine Voraussetzungen. Wir verlangen Selbstständigkeit, bevor sie wachsen konnte. Wir erwarten Urteilskraft, bevor Denken eingeübt wurde. Wir fordern Flexibilität, bevor Kinder jenen Halt gefunden haben, der sie überhaupt erst beweglich macht. Ohne Halt trägt Freiheit nicht. Vielleicht liegt gerade darin eine Schwäche unserer Bildungsdebatte: Unser Blick richtet sich ständig auf Ziele. Kaum auf den Boden, auf dem sie entstehen.

Der kleine Hinweis, der Selbstständigkeit ermöglicht

Diese Frage entscheidet sich nicht in bildungspolitischen Programmen. Sie entscheidet sich Tag für Tag im Unterricht. Der Schulalltag erzählt eine andere Geschichte. Kurz vor den Sommerferien besuchte ich eine Unterrichtsstunde. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten selbstständig an einer anspruchsvollen Aufgabe. Jeder für sich. Dabei beobachtete ich einen Schüler. Er begann, stockte und wusste nicht weiter. Die Lehrerin setzte sich zu ihm. Sie löste die Aufgabe nicht. Sie stellte zwei Fragen, gab einen kleinen Hinweis – und ging wieder. Wenige Minuten später arbeitete der Junge konzentriert weiter. Nicht, weil die Aufgabe einfacher geworden wäre. Sondern weil jemand ihm genau jene Unterstützung gegeben hatte, die ihm den nächsten Schritt ermöglichte.

Ein Kind wird nicht selbstständig, indem man es allein lässt. Es wird selbstständig, weil jemand ihm etwas zeigt, mit ihm übt, ihm etwas zutraut, es korrigiert, ermutigt und Schritt für Schritt loslässt. Selbstständigkeit ist die Frucht guter Führung – nicht ihr Ersatz.

Warum Freiheit ohne Halt nicht frei macht

Wer einmal erlebt hat, dass eigenes Denken trägt, gewinnt Vertrauen in sich selbst. So erfahren Kinder: Denken kann wachsen – Schritt für Schritt. Selbstständigkeit entsteht selten allein. Denn Freiheit ist kein Anfang, sondern ein Ergebnis. Sie wächst dort, wo Unterstützung den nächsten eigenen Schritt ermöglicht.

Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung künstlicher Intelligenz. Sie verändert den Bildungsauftrag nicht; sie macht ihn anspruchsvoller. Maschinen liefern Antworten. Menschen müssen lernen, sie zu beurteilen. Das eigene Denken können Maschinen nicht ersetzen. Gefährlich wird es erst, wenn wir selbst die Übung des Denkens aufgeben. Deshalb wird Urteilskraft zur Schlüsselkompetenz der Zukunft. Doch sie entsteht nicht auf Knopfdruck. Sie will immer wieder neu geübt werden.

Lesen ist mehr als eine Kulturtechnik. Wer Texte versteht, erschliesst sich die Welt – und gewinnt damit ein Stück Selbstständigkeit.

Die Zukunft braucht denkende Menschen

Deshalb führt auch der Gegensatz zwischen Digitalisierung und bewährter Bildung in die Irre. Digitale Werkzeuge eröffnen neue Möglichkeiten. Aber sie ersetzen weder das sorgfältige Lesen noch das geduldige Ringen um Sprache oder den gemeinsamen Austausch im Klassenzimmer. Die eigentliche Alternative lautet nicht digital oder analog. Sie lautet: oberflächliche Information oder vertieftes Denken.

Bildung ist mehr als Vorbereitung auf Prüfungen

Zum Beginn des neuen Schuljahres lohnt sich eine einfache Erinnerung. Schule bereitet Kinder nicht zuerst auf Prüfungen oder Berufe vor. Sie schafft die Voraussetzungen, aus denen Bildungsziele wachsen: damit junge Menschen denken, urteilen und Verantwortung lernen. Erst daraus wächst, was wir später mit Recht von ihnen erwarten dürfen.

Der Mut zum eigenen Weg beginnt in der Schule

Schule weist Kindern nicht ihren Lern- und Lebensweg. Aber sie kann ihnen den Mut geben, ihn selbst zu gehen. Wenn in diesen Tagen Kinder wieder ihre Schultaschen schultern, beginnt mehr als ein neues Schuljahr. Es beginnt ein neuer Abschnitt ihres Lebens. Wohin ihr Weg sie einmal führen wird, weiss wohl niemand. Vielleicht beginnt Bildung genau dort, wo ein Kind erlebt: Jemand traut mir den nächsten Schritt zu.

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