Obwohl Manuela Schwesig die AfD in Mecklenburg-Vorpommern nicht hat schlagen können, geht die Ministerpräsidentin von der SPD gestärkt aus der Wahl hervor. Sie attackiert sogleich Bundeskanzler Merz. Aber auch die Granden ihrer eigenen Partei kommen dran.
Mit seinen sogenannten Rügen-Landschaften verzeichnete Caspar David Friedrich frühen Ruhm als Maler. Der 1774 im pommerschen Greifswald geborene bedeutende Künstler der Romantik erlangte eine hohe Meisterschaft beispielsweise mit seinem «Blick auf Arkona». Seit dem frühen 19. Jahrhundert erntete er bei Publikum und Rezensenten viel Beifall und hatte mit seinen zarten Tonabstufungen und feinen Farbübergängen erheblichen Anteil an der grossen Begeisterung für die Ostsee sowie den frühen Rügen-Tourismus.
Während das Publikum diese nuancierten Farbverläufe liebt und für Besucherrekorde sorgt, setzt das Wahlvolk in Friedrichs Heimat, dem heutigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, auf zwei Kontrastfarben: Blau und Rot. Mit dem Blick auf die Landtagswahl im Nordosten der Bundesrepublik vom Sonntag spitzte sich das Rennen in MV auf den Slogan «Die Frau gegen Blau» zu. Das amtliche Endergebnis dokumentiert zunächst den Sieg der Blauen, der AfD, über die Roten von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.
Die gleichermassen erfahrene wie beliebte SPD-Politikerin hat auf eine riskante Strategie gesetzt und sich zur Superheldin gegen die Rechtsextremisten im Land stilisieren lassen. Ihr Wahlkampf, der allein auf sie zugeschnitten war und den sie weitgehend entkoppelt von den im Bund mitregierenden Sozialdemokraten führte, wurde allerdings nicht mit der Stimmenmehrheit für die SPD belohnt. Die bemerkenswerte Aufholjagd – von 19 Prozent im Frühjahr auf 35,5 Prozent am Wahlabend – bringt Schwesig allerdings in die Vorhand, weil keine der Parteien im neuen Landtag mit der erstplatzierten AfD (38,2 Prozent) koalieren möchte. Mit den Grünen und der Linken könnte die SPD in einer Koalition der Verlierer regieren – aus Rot, Rot und Grün.
Am Montagmorgen im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der SPD in Berlin, sticht Schwesig aus der Riege der Geschlagenen und Gedemütigten heraus. Wie am Vorabend ganz in Rot gekleidet, geht die zweitplatzierte Frau von der Ostsee den ersten Mann in der Bundesregierung frontal an: «Dieser Bundeskanzler sollte sich selbstkritisch fragen, was er vielleicht bisher falsch gemacht hat.» Ein Grossteil der Menschen in Deutschland finde die angestrebten Reformen der Bundesregierung ungerecht, meint Schwesig. Offenbar wolle oder könne Merz das nicht erkennen.
In der Attacke schaut sie weit über den landespolitischen Tellerrand hinaus und attackiert die geplanten Reformen der schwarz-roten Koalition. Sie wolle hart bleiben, eine Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren werde es mit ihr nicht geben, sagt sie. Darüber kann sie in ihrem Bundesland zwar nicht entscheiden. Aber sie spürt nach ihrem gefühlten Wahlsieg in «Meck-Pomm» heftigen Rückenwind. Schwesigs Kampfansage richtet sich zugleich an Bundesfinanzminister Klingbeil und Arbeitsministerin Bas, die sich lediglich längere Übergangsfristen vorstellen kann. Die Frau gegen Blau sieht rot.