In einer Ausstellung des Kulturmuseum St. Gallen über die Urgeschichte des Menschen hat der Archäogenetiker Johannes Krause über seine Wissenschaft informiert. So ist erwiesen, dass es keine Menschenrassen gibt und dass Migration zum Menschen gehört.
Johannes Krause hat massgeblich an der Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms mitgearbeitet, und sich in den letzten Jahren viele Gedanken auch über die Natur des Menschen gemacht. In St. Gallen hat der aus Leipzig mit dem Zug angereiste Archäogenetiker im Begleitprogramm einer Neandertaler-Ausstellung auch ein überraschendes Bild der vor 35 Jahren aufgefundenen, vor über 5300 Jahren verstorbenen Gletschermumie Ötzi gezeigt.
Bevor Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig vor einem vollen Saal beschreibt, was die Genetik an Aufregendem zur Geschichte des Menschen beizutragen hat, ist noch Gelegenheit, im Kulturmuseum St. Gallen «Stereotypes: Neanderthalerin» anzuschauen – eine eigenwillige, vom Neanderthal-Museum im deutschen Mettmann auf der Basis neuester Forschungen erarbeitete Ausstellung über die Frauen, Kinder und älteren Menschen in altsteinzeitlichen Gesellschaften.
Das harte Leben der frühen Menschen
Am Eingang nehme ich eine Karte, sie hat eine pinke Farbe. Bewaffnet mit einem Kopfhörer folge ich nun dieser Farbe durch die Themeninseln, und stöpsle den Kopfhörer ein, wo ich meine Farbe erblicke. Später wechsle ich auf gelb. Als pinke Person bin ich eine – nach damaligen Verhältnissen – alte Frau, eine Grossmutter, die ungefähr 50 Jahre alt ist, und vor etwa 122’000 Jahren in Mitteleuropa gelebt hat. Gelb, das ist ein Kind, neun Jahre alt, aus Südeuropa. Es hat vor 50’000 Jahren gelebt. Die alte Frau hat in einem warmen und trockenen Klima gelebt, das Kind in einem mediterranen, aber kühlen Klima.
Anschauungsmaterialien, Texte, vor allem aber die Audiospur verdeutlichen, wie das Leben für eine Neandertalerin und für ein Neandertaler-Kind in diesen Urzeiten menschlicher Entwicklung war: Wie schwierig und hart, erfüllt von überlebenswichtiger Arbeit, aber auch, wie sehr mit einfachen Freuden erfüllt.
Was die Genetik verrät
Für Johannes Krause bildet die St. Galler Ausstellung einen guten Ausgangspunkt für seine Ausführungen zur Frühgeschichte des Menschen. 2003 hat Krause im Team von Svante Pääbo angefangen, der für seine Arbeit 2022 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt worden ist, und war massgeblich an der Entschlüsselung der DNA des Neandertalers beteiligt. Und er hat das Erbgut einer neuen, im zentralasiatischen Altai-Gebirge lebenden und später ausgestorbenen Menschenart, des sogenannten Denisova-Menschen, entschlüsselt. Wie man aus kleinem, aus Knochenresten gewonnenem, über Jahrzehntausende erhalten gebliebenem Material Erkenntnisse gewinnen kann, das ist schon ein faszinierendes Kapitel moderner Wissenschaftsgeschichte, von dem Johannes Krause auch in zwei, zusammen mit dem Journalisten Thomas Trappe erarbeiteten populärwissenschaftlichen Büchern («Die Reise der Gene», und «Hybris – Die Reise der Menschheit», beide Propyläen-Verlag) erzählt.
Zwei Prozent vom Neandertaler
«Wir untersuchen Erbmaterial aus alten Knochen, um etwas zu lernen über die Verwandtschaft von Menschen aus der Vergangenheit mit heutigen Menschen – und natürlich auch die Verwandtschaft der Menschen aus der Vergangenheit untereinander», umreisst er im Gespräch sein Fachgebiet Archäogenetik. «Das kann uns etwas sagen über die Evolution, das heisst die langsame Veränderung des Menschen von den Urmenschen zum heutigen Menschen, und auch über die Migrationsgeschichte und über soziale Strukturen damaliger Gesellschaften.»
Der moderne Mensch, Homo sapiens, ist in Afrika entstanden, und hat sich vor etwa 50’000 Jahren im Rest der Welt ausgebreitet. Doch er war nicht allein. Da waren Urmenschen, die Neandertaler, mit denen sich die Wege des Homo sapiens vermutlich im Nahen Osten gekreuzt haben. Diese Menschen sind später verschwunden. Interessanterweise stammen etwa zwei Prozent unseres Genoms vom Neandertaler.
Das heisst, Neandertaler und Homo sapiens haben sich vor ungefähr 47’000 Jahren miteinander eingelassen und Nachkommen gezeugt. «Man könnte deshalb behaupten, dass der Neandertaler ja gar nicht verschwunden ist. Weil er sich mit dem Homo sapiens fortgepflanzt hat, könnte er auch einfach in dieser Population aufgegangen sein», sagt Johannes Krause. Der allerdings nicht dieser Ansicht ist. «Ich glaube, dass der Neandertaler tatsächlich ausgestorben ist. Denn andernfalls würden wir in heutigen Europäern mehr Neandertaler-DNA finden als zum Beispiel bei Asiaten. Der Anteil ist aber überall gleich.»
Krauses Erklärung für den Untergang der Neandertaler: Vor 39’000 Jahren bedeckt ein enormer Vulkanausbruch in den Phlegräischen Feldern bei Neapel weite Teile Europas mit einer fast einen Meter hohen Ascheschicht. Das hat dem Neandertaler den Garaus gemacht. «Auch die damals bereits ansässigen modernen Menschen in Europa sind damals verschwunden, denn die heutigen Europäer stammen von späteren Einwanderungen aus dem Nahen Osten ab.»
Viel mehr Mobilität als heute
Zwei Prozent des menschlichen Genoms stammen vom Neandertaler, der grosse Rest kommt aus Ostafrika, wo unsere Vorfahren vor Millionen Jahren entstanden sind, den aufrechten Gang erlernt und ihr Hochleistungsgehirn entwickelt haben. Nicht nur einmal, sondern immer wieder ist danach der Homo sapiens ausgeschwärmt, hat sich auf Wanderschaft begeben. «Viele glauben ja, dass in unserer Gegenwart die Migration eher zunimmt», sagt Johannes Krause. «Doch trifft das Gegenteil zu, denn wir sehen in der Vergangenheit mehr Mobilität als heute.» Die Europäer trügen deshalb «ein Potpourri von Genen in sich, die teils von den eiszeitlichen Einwanderern, teils von späteren Wanderungsbewegungen aus Anatolien und dem westlichen Asien stammen».
Dieses Potpourri nun entzieht jeder Rassentheorie den wissenschaftlichen Boden. «Aus genetischer Sicht gibt es gar keine Rassen, weil wir gar keine Unterarten des Menschen dingfest machen können», stellt Krause fest. «Vom Erbgut her sind wir Europäer näher verwandt mit den Ostafrikanern als die Ostafrikaner mit den Westafrikanern. Biologisch stammen alle übrigen Menschen – Europäer, Asiaten, Süd- und Nordamerikaner, Australier – von diesen Ostafrikanern ab. Da gibt es viele feine Schattierungen, aber keine klaren Grenzen. Vielleicht müsste man also sagen: Es gibt acht Milliarden Rassen.»
Wie Ötzi wirklich ausgesehen hat
Auch wenn man sich an der Hautfarbe orientiert, begibt man sich auf einen Holzweg. «Die Hautfarbe ist ein vergleichsweise junges Phänomen, denn erst vor etwa 5000 Jahren beginnt sich die helle Haut auszubreiten – selbst der Ötzi hatte noch dunkle Haut. Die Erklärung liegt im Vitamin D: Als Jäger und Sammler haben die Menschen viel Fleisch und Fisch gegessen, und so reichlich Vitamin D zu sich genommen. Mit dem Ackerbau änderte sich das, der Körper musste mehr Vitamin D selber produzieren, und da haben Menschen mit heller Haut einen Vorteil.» Nur so nämlich konnten die Menschen genügend Sonnenlicht absorbieren, um Vitamin D zu produzieren. Wo die Sonne im Übermass scheint, um den Äquator herum, blieben die Menschen schwarz.
Es sei denn auch falsch, die vor 35 Jahren aufgefundene, vor etwa 5300 Jahren zu Tode gekommene Gletschermumie Ötzi in einer Nachbildung im Südtiroler Archäologiemuseum aussehen zu lassen «wie Heidis Grossvater», merkt Krause noch an. «Ötzi hatte vielmehr dunkle Haut, und er hatte eine Anlage zur Glatzenbildung.»
Die Geschichte des Menschen ist ebenso überraschend wie beeindruckend. Geradezu im Sturm hat er die Erde erobert, immer nach der Devise «grösser, schneller, weiter». Hat Lebensräume besetzt und Tierarten ausgerottet. Jetzt aber werden seine expansiven Anlagen zur Gefahr, sagt Johannes Krause nachdenklich. «Wir stossen heute an globale Grenzen. Und müssten in gewissem Sinn unsere Biologie überwinden.»
Kulturmuseum St. Gallen
Stereotypes: Neanderthalerin
bis 25. April 2027