Bei der Uno in New York herrschte am gestrigen Dienstag (22.9.) grosse Aufregung: Würden dieses Jahr, im Gegensatz zu 2025, die Rolltreppen für Donald Trump und die First Lady funktionieren? Würde der Teleprompter nicht noch einmal den Dienst versagen? Diese zwei technischen Details hatten ja letztes Mal den US-Präsidenten derart in Rage versetzt, dass er der Weltorganisation pauschal die Daseinsberechtigung absprach.
Doch, dieses Mal verlief alles pannenfrei. Also konnte Donald Trump bei der knapp 40-minütigen Rede vor 120 aus aller Welt herangereisten Staats- und Regierungschefs dem Text des Teleprompter folgend all seine rhetorischen Register ziehen.
Angeblich acht Kriege beendet
Er erklärte zunächst, dass die USA dank ihm aus einem dunklen in ein goldenes Zeitalter gelangt seien – eine boomende Wirtschaft, die Inflation unter Kontrolle, die Macht Amerikas umfassender denn jemals zuvor, und weltweit mehr Friede als eh und je. Schliesslich habe er, als Präsident des grossartigsten Landes, ja schon acht Kriege beendet.
So ging es eine Zeitlang weiter, bis er auf Iran zu sprechen kam. Er überlege sich, ob er die Islamische Republik, die nun schon jahrzehntelang die Welt mit Terror überzogen habe, vernichten wolle – oder ob er den Herrschenden in Teheran, trotz allem, noch eine Chance für einen «Deal» geben werde. Zwischendurch lobte er seine Ehefrau Melanie, die er respektvoll als First Lady titulierte, für ihr Engagement zugunsten von Kindern weltweit. Und als er den Gaza-Konflikt erwähnte, rühmte er die angeblich so grossartige Rolle, die der von ihm geschaffene Friedensrat spiele.
Teil-Auszug der Iraner
Faktencheck: In den USA boomen zwar die Börsen, aber die Wirtschaft steckt in der Krise. Steigende Inflation, rekordhohe Preise für Benzin und Diesel. Trumps Zustimmungswerte auf rekordtiefem Stand (32 Prozent). Von den erwähnten acht beendeten Kriegen weltweit bleibt nur einer im grünen Bereich (Indien-Pakistan), alle anderen waren entweder bei Trumps Vermittlung keine Kriege (sondern schlimmstenfalls, wie beispielsweise zwischen Äthiopien und Ägypten, Probleme, an deren Lösung die direkt Beteiligten selbst arbeiteten), oder die Konflikte blieben danach so ungelöst wie eh und je (etwa jener zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda).
Und was Gaza betrifft: Der so genannte Friedensrat hat bis heute null und nichts für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von 2,2 Millionen Palästinensern geleistet, fast täglich attackiert Israel (mit US-amerikanischen Waffen und Munition) den Küstenstreifen.
Die meisten UNO-Delegationen (mit Ausnahme der israelischen) im Saal hörten sich die Rede mit beherrschter Miene an. Die kubanische verliess den Raum, als Trump den baldigen Untergang des Regimes in Havanna voraussagte. Die iranische vollzog dagegen nur einen Teil-Auszug – ein Delegierter musste an seinem Platz bleiben. So konnte er immerhin noch erfahren, dass der US-Präsident nach der Vernichtungs-Drohung wieder einen Hoffnungsschimmer aufkommen liess: Möglicherweise, sagte er, gebe es nach den Zwischenwahlen in den USA (das wäre dann im November) doch noch eine Möglichkeit für einen Deal.
Gegenseitige Deblockierung von Hormuz?
Kaum war die Rede vorbei, stellte sich heraus, dass die Drohung der totalen Vernichtung Irans nur grosses Welttheater war: Zur gleichen Zeit, da Trump seine Rede hielt, hatte eine US-Delegation unter Leitung des Immobilien-Händlers Steve Witkoff mit einer iranischen Abordnung verhandelt. Und nun machte Donald Trump eine Kehrtwende. Kein Wort mehr von einem destruktiven Regime. Seine Leute hätten mit den Iranern sehr konstruktiv verhandeln können.
Ein Mitglied der iranischen Delegation kommentierte das Treffen so: Iran habe die Öffnung der Meerenge von Hormuz für die internationale Schifffahrt innerhalb von einer Woche in Aussicht gestellt, sofern die USA ihrerseits die Hormuz-Blockade (sie würgt die Passage von iranischen Schiffen ab und verunmöglicht es so dem Iran, Erdöl und Erdgas zu exportieren) beenden und keine Kriegsdrohungen mehr ausstossen.
Amerikanische und iranische Schwachstellen
Derzeit sieht es nicht schlecht aus für eine Rückkehr zur beidseitigen Diplomatie. Dies wohl in erster Linie, weil die US-Generäle (im Gegensatz zu Donald Trump) um die Schwachstellen des US-Militärs wissen.
Die amerikanischen Munitionsvorräte in der nahöstlichen Region sind durch den fast siebenmonatigen Krieg gegen einen unerwartet starken Iran geschwächt. Das Congressional Budget Office erwähnt in einem Bericht einen «shortfall of missile defense interceptors», also einen Mangel bei den Luftabwehrsystemen auf den meisten Stützpunkten in der Region. Und weist darauf hin, dass zahlreiche Gebäude auf fast allen Stützpunkten durch iranische Raketen- und Drohnenangriffe schwer beschädigt worden sind. Kurz: die US-Streitkräfte scheinen derzeit kaum in der Lage, eine weitere Angriffswelle gegen Iran zu fliegen. Und würden sie sich trotz allem dazu entscheiden, müssten sie mit weiteren harten Gegenschlägen durch die Iraner rechnen.
In Anbetracht dieser Problematik verfolgt die Trump-Administration nun wieder eine andere Strategie: Sie will den geplanten Verhandlungsprozess durch zusätzlichen wirtschaftlichen Druck beschleunigen. Berichte aus Teheran zeigen, dass die Sanktionen bereits zu schwerwiegenden Engpässen bei der Versorgung mit Lebensmitteln, vor allem aber bei Medikamenten, geführt haben. Die Inflation steigt rasant (nach Schätzungen von Fachleuten erreicht sie über 70 Prozent – gemäss Trump wäre sie allerdings schon bei 300 Prozent angelangt).
Noch mehr wirtschaftlicher Druck?
Und US-Finanzminister Bessent will den Druck jetzt nochmals erhöhen: Er kündigte an, dass weltweit all jene Unternehmen mit Strafen belegt werden, die iranische Flugzeuge betanken oder die für diese Maschinen Servicearbeiten ausführen. So will er den internationalen Flugverkehr von und nach Iran blockieren.
Eine von vielen Massnahmen, die wohl viel weniger dem Herrschaftsapparat der Revolutionswächter schaden, als vielmehr der Bevölkerung – jener Bevölkerung, der Donald Trump angeblich Prosperität und Freiheit bringen will.