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Debatte zu dritt

War unser Russland-Bild falsch?

1. Oktober 2026
Tim Guldimann
Tim Guldimann
Debatte zu Dritt, Ru

Eingangs frage ich meine Gesprächspartner: «Wart Ihr 2022 von Putins Grossangriff auf die Ukraine überrascht?» – Sönke Neitzel antwortet: «Ich muss selbstkritisch sagen, dass ich in meinem eigenen Referenzrahmen gefangen war und mir sagte, das kann doch nicht passieren. 

Das ist die Kunst, die Welt zu sehen, sie eben nicht mit den eigenen Augen zu sehen, sondern mit den Augen des Gegenübers». – Katrin Eigendorf: «Ich war auch überrascht. (..) Ich hatte nicht die Bereitschaft, mein eigenes Bild und Konstrukt von dem, was ich für Putins Machtpolitik gehalten hatte bis dahin, in Frage zu stellen.(..) Übrigens, Selenski hat es ja auch nicht gesehen. Er hat sich bis zum Schluss den Amerikanern und all ihren Analysen entgegengestellt. (..) Nichtdestotrotz müssen wir uns bereit machen, auch das Unmögliche zu denken.».

 Eigendorf weiter: «Ich glaube, viele unserer Fehler im Umgang mit Russland, und das sehe ich auch für mich selber, lagen natürlich darin begründet, dass als Deutscher das Verhältnis zu Russland immer von Schuld geprägt war. (..) Und auf der anderen Seite, dass nach dem Fall der Mauer die Hoffnung zu einer Überzeugung geworden ist, dass damit eigentlich der Niedergang der autoritären Systeme zumindest in Osteuropa eingeleitet wird.» - Neitzel: «Wir hatten zu wenig Wissen und zu viel Hoffnung.»

 Eigendorf: «Galt Hitlers Feldzug eigentlich Russland oder galt er zu grossen Teilen der Ukraine. Stehen wir eigentlich nicht vielmehr in der Schuld der Ukrainer als in der Schuld der Russen. (..) Das alles, aus der heutigen Sicht betrachtet, stellt sich anders dar, als wir es damals gesehen haben. (..) Wir hätten ja auch mal hören können, was die Ukrainer zu sagen haben.»

 Gibt es da ein Verständnis unsererseits für das Anliegen Russlands für seine Sicherheit gegenüber dem Westen, gegen der behaupteten Bedrohung seitens der Nato, und daraus für das russische Anliegen, ein Einflussgebiet zu haben? 

 Eigendorf: «Ich bin da sehr skeptisch, denn ich glaube, es liegt eine grosse Gefahr darin, das Denken von autokratischen Herrschern, die versuchen, die Geschichte ihrer Völker zu instrumentalisieren, um damit Macht und Kontrolle zu gewinnen, zu ernst zu nehmen. (..) Wenn ich ganz aufmerksam hingehört habe, habe ich bei wenigen Russen die Bedrohung des Westens gespürt, sondern ganz im Gegenteil: die Überzeugung, das überlegene Volk zu sein.(..) Ich glaube nicht, dass Russlands Dilemma in der Frage liegt, können wir uns verteidigen, sondern Russlands Dilemma liegt darin, dass wir es mit einer Gesellschaft zu tun haben, in der gerade in den Putin-Jahren das Prinzip der Gewalt und der Verrohung so stark praktiziert wurde, dass es bis in die kleinsten Zelle dieses Landes reicht.» 

 Eigendorf weiter: «Den Gedanken, Russland ist Teil der europäischen Sicherheit, da sehe ich nicht, dass wir ihn wieder erreichen können. Sondern Russland wir dauerhaft als Bedrohung empfunden werden müssen, selbst wenn es in Russland einen Regimechange gibt, selbst wenn es einen Frieden mit der Ukraine geben sollte, (..) Es wird wahrscheinlich eine Art von erst mal eingefrorenem Konflikt sein. (..) Das Klügste, was wir dann machen können, ist (..) den inneren Wandel (Russlands), wenn es von uns gewünscht ist, positiv zu begleiten. Da können wir unsere eigene Geschichte sehen und die Fehler, die wir selber gemacht haben.» 

 Neitzel: «Als Historiker würde ich es mit dem Kalten Krieg vergleichen, da war man ja auch in einem militärischen Antagonismus, kam dann in eine Phase der Detente, der friedlichen Koexistenz. (..) Im Kalten Krieg war es der ökonomische Austausch, der dann eine Brücke gebaut hat. (..) Das ginge auch nur, wenn man weiss, dass bei einem weiteren ökonomischen Austausch dieses Geld nicht verwendet wird, die Ukraine anzugreifen oder andere Staaten. (..) Das ist aber noch ein langer weiter Weg.»

 Buchtip: Katrin Eigendorf: „Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege" - https://www.fischerverlage.de/buch/katrin-eigendorf-erzaehlen-was-ist-9783103976991

Guldimann
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Journal 21 publiziert diesen Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Podcast-Projekt «Debatte zu dritt» von Tim Guldimann.

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