Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Buch

Turbo-Boomer wird Altersratgeber

14. Januar 2026
Reinhard Meier
Reinhard Meier
Roger Schawinski im Bundeshaus
Schawinski am 9. Dezember 2025 im Bundeshaus, als der Ständerat für die Wiedereinführung des UKW-Betriebes beim SRG-Radio votierte. Er hatte sich entscheidend für dieses Anliegen engagiert. (Foto: Keystone/Anthony Anex)

Der rührige Medienunternehmer Roger Schawinski ist mittlerweile 80 Jahre alt geworden. Statt sich aufs Altenteil zurückzuziehen, hat er ein neues Buch mit Erfahrungen und Ratschlägen für ein vitales Alter geschrieben. Seine Hauptthese: Ob das gelingt, hängt vor allem von uns selber ab.  Das wirft Fragen auf. 

«Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonusjahre», so lautet der Titel von Schawinskis neuem Werk. Boomer ist eine Abkürzung für den Begriff Babyboomer, der zuerst in den USA die Kohorte der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Er hat sich auch in Europa durchgesetzt. Später hat der Begriff einen ironischen Unterton bekommen, als im australischen Parlament eine junge Vertreterin den Redefluss eines betagteren Kollegen mit dem Zuruf «Ok, Boomer!» unterbrach und damit ausdrückte, seine Zeit sei nun abgelaufen. Jetzt sei die jüngere Generation am Zug.

Glückliche Bonus-Jahre erarbeiten

Schawinski rechnet sich mit Stolz und Überzeugung zur Boomer-Generation. Als erfolgreicher Medienpionier und journalistischer Aktivist, dessen Name in der Schweiz weitherum ein Begriff ist, darf man ihn als eine Art Boomer-Turbo bezeichnen. 1945 geboren, ist er im vergangenen Jahr 80-ährig geworden. Diese Generation, die laut Schawinski lange Zeit als «die glücklichste der Menschheitsgeschichte» eingeschätzt wurde, erreiche nun die Schwelle, die bisher als Eintritt ins furchterregende Greisenalter galt. Doch für die Boomer treffe das nicht zu. «Nun kommen unsere so kostbaren Bonus-Jahre!» Vieles spreche dafür, dass die Boomer – ebenso wie ihre bisherige Lebenszeit – das Alter anders gestalten würden als frühere Generationen.

Tatsächlich ist die Lebenserwartung in der jüngeren Gegenwart erstaunlich angestiegen. 1990 lag sie statistisch bei 77 Jahren. Bis 2023 ist sie bei Männern auf 82,2 und bei Frauen auf 85,8 Jahre angestiegen, also um 6,7 Jahre in nur einem Dritteljahrhundert. Vieles spricht dafür, dass die Lebenserwartung in unseren Breitengraden weiter ansteigt. Allerdings nimmt damit auch die Zahl der Pflegefälle im höheren Alter ständig zu, was die Gesundheitskosten und soziale Institutionen zunehmend belastet. «Wir müssen deshalb alles tun, um uns möglichst viele glückliche Bonus-Jahre zu erarbeiten», schreibt Schawinski. 

Tipps für psychische und körperliche Gesundheit 

Wie soll das gelingen? Der Autor breitet in zahlreichen Kapiteln eine Fülle von Vorschlägen und Erkenntnissen aus, die er zum Teil selber praktiziert und über die er sich mit aktuellen Büchern und (erklärtermassen auch mit Hilfe von ChatGPT) im weitläufigen Internet informiert und eine Meinung gebildet hat. Diese lassen sich grundsätzlich in zwei grosse Kategorien einteilen: Ratschläge für körperliche und für geistig-psychische Gesundheit. Dass die beiden Bereiche sich häufig und auf komplexe Weise gegenseitig beeinflussen, versteht sich. 

Zum Erhalt körperlicher Tüchtigkeit gehört das weite Feld der Ernährung. Wir erfahren, dass gerade bei älteren Menschen weniger das Übergewicht als vielmehr ein Untergewicht gefährlich sein könne. Denn dieses Untergewicht führe zu einer höheren Infektionsabhängigkeit und zu vermehrten Stürzen und Knochenbrüchen. Schawinski teilt uns mit, dass er in der Regel nur noch einmal pro Monat «rotes Fleisch» verspeist, weil dieses viele Blutfettwerte und Cholesterin enthalte, was wiederum das Risiko von Bluthochdruck und Herzinfarkt erhöhe. 

Dafür schwärmt er für frische Blaubeeren im Morgenmüsli, denen man «aussergewöhnlich positive gesundheitliche Wirkungen» zuschreibe. Dass es durchaus angebracht ist, den uferlosen und oft euphorisch propagierten Ernährungsempfehlungen in den Medien eine gesunde Portion Skepsis entgegenzubringen, räumt der Autor selber ein. Er sagt, dass allein bei Amazon nicht weniger als 60’000 Bücher sich mit dem Diäten-Thema befassen.

«Aufgeben ist keine Option» 

Nicht überraschend wird in diesem Ratgeberbuch die zentrale Bedeutung körperlichen Trainings wie Gleichgewichtsübungen, richtige Schrittlänge beim Marschieren, aufrechte Körperhaltung und, besonders wichtig, regelmässiges Krafttraining betont. Letzteres führe «zu besserem Schlaf, zu dichterer Knochenstruktur und zu einer besseren Psyche». 

Ein Kapitel ist dem Thema Ehrgeiz im Alter gewidmet. Schawinski unterscheidet zwischen dem Ehrgeiz nach Anerkennung, Macht und Status, die auch ihn während langer Zeit umgetrieben habe – «eigentlich bis heute», fügt er freimütig hinzu. Wesentlich bleibe aber, einen «gesunden Ehrgeiz» auf Ziele zu richten, die uns bei abnehmenden Kräften nicht überfordern, sondern bereichern und beglücken. Wer sich weiterhin intensiv informiere, sagt der engagierte Medienmann, werde leichter solche angemessenen Interessen und Betätigungsfelder finden. Aufgeben, passiv werden, nur noch die Hände in den Schoss legen sollte jedenfalls, so betont der Autor eindringlich, auch im Alterszustand «keine Option sein».

Schicksal, Gnade, Freud?

Doch können wir immer selber entscheiden, was unsere Optionen sind?  Schawinski vertritt sehr dezidiert diese Meinung. «Es kommt eben allein auf uns und unser Verhalten darauf an», ob man ein glückliches, erfülltes und gesundes Alter erlebe, deklariert er schon früh in seinem Buch. Das berühmte Diktum von Sigmund Freud, «Wir sind nicht Herr im eigenen Haus», kommt bei ihm nicht vor. Ebenso wenig das von Thomas Mann im Alter häufiger verwendete Wort «Gnade». Den Begriff «Schicksal» liest man, soviel ich sehe, nur ein einziges Mal, und zwar im Zusammenhang mit den Ausführungen über das bedrohliche Demenz- und Alzheimer-Risiko. Der Autor räumt ein, dass Demenz auch durch genetische Anlagen bedingt ist, die man kaum beeinflussen kann. Doch ein zweiter Hauptgrund sei der generelle Alterungsprozess, und den könne man durch «richtiges Verhalten» steuern. 

Offenkundig propagiert Schawinski auch deshalb so optimistische Perspektiven, weil er selbst im höheren Alter noch von so viel Lebenslust und Tatendrang beseelt ist. Dass Geld als Sicherheitsressource gerade in alten Tagen von wesentlicher Bedeutung ist und dass er als geschickter Unternehmer genug davon hat, kommt auch zur Sprache. So liefert sich Schawinski gewissermassen selbst den Beweis, dass seine Rezepte funktionieren. Gegenbeispiele werden immerhin am Rande erwähnt. Der Autor berichtet anrührend von seinem Vater, der an Altersdepressionen litt – vielleicht weil er eben nicht der privilegierten Boomer-Generation angehörte. 

Streben nach Altersweisheit 

Der Tod, der unausweichlich zu jedem Leben gehört, wird nicht verdrängt. Sterbehilfe werde in Zukunft kein «tabuisiertes Randphänomen» mehr sein. Doch Schawinski hütet sich, für sich selber oder für andere Menschen eine Empfehlung für das richtige Sterben zu nennen. Das begleitete Sterben nennt er eine «äusserst komplexe Thematik», die in ihrer Vielschichtigkeit rational kaum zu fassen sei. 

Bei allem Enthusiasmus und aller Zuversicht über die Möglichkeiten und Errungenschaften der alt gewordenen Baby-Boomer setzt sich Schawinski im hinteren Teil seines flüssig und verständlich geschriebenen (altersfreundlich in grösserer Schrift gedruckten) Buches auch mit der Vergänglichkeit des Lebens und anderen philosophischen Herausforderungen auseinander. Eindringlich plädiert er für das Streben nach Altersweisheit, die er als «Balance zwischen Mitgefühl, Wissen, Gelassenheit und Sinn» definiert. Wer ihn kennt, weiss, dass er daran arbeitet. Dieses publizistische Alterswerk ist ein Beleg dafür. 

Roger Schawinski: Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre. Verlag Radio 1, Zürich 2025

Letzte Artikel

Auf den Spuren des Krieges in der Ukraine

Stephan Wehowsky 14. Januar 2026

Irans Eliten zwischen Messianismus und Machterhalt

Reinhard Schulze 13. Januar 2026

Die Präsidentenwahl, spannend wie noch nie

Thomas Fischer 12. Januar 2026

Hochhäuser sind keine Lösung

Gastkommentar 12. Januar 2026

Mullahs in Nöten

12. Januar 2026

Khamenei über die Proteste: «Terroristen, Trumps Vasallen»

Ali Sadrzadeh 11. Januar 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.