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Europawahl Portugal

Spanien im Zeichen der Wohnungsnot, Portugal im Bann von Ronaldo

5. Oktober 2026 , Lissabon
Thomas Fischer
Obrigado
Vor dem Spiel Portugal gegen Norwegen am Sonntag in Porto dankt ein Knabe CR7 (Christiano Ronaldo). (Keystone/(AP/Luis Vieira)

In Spanien strömen Menschen aus Protest gegen die Wohnungsnot zu Hunderttausenden auf die Strasse. In Portugal ist dieses Problem nicht weniger akut, in diesen Tagen verdrängte heftiger Wirbel um Fussballstar Ronaldo solche Themen aber aus dem Blickfeld. Sogar Regierungschef Montenegro schaltete sich ein.

Wer in diesen Tagen portugiesische Nachrichtensendungen sah, konnte glauben, dass die Wartelisten für Operationen in staatlichen Spitälern passé seien, dass alle Menschen im Land endlich in bezahlbaren Wohnungen lebten und von ihren Salären oder Pensionen gut über die Runden kamen. In den Medien drehte einige Tage lang sich alles Fussball-Superstar Cristiano Ronaldo (bekannt als «CR7»), weil er sich mit Nationaltrainer Jorge Jesus überworfen hatte. Und als ob das Land keine anderen Sorgen hätte, fand Regierungschef Montenegro die Zeit, um sich einzuschalten und mit dem 41jährigen Kicker, dem 72jährigen Jesus und dem Chef des nationalen Fussballbundes, Pedro Proença zu telefonieren.

Wirbel um Ronaldo als willkommene Ablenkung

Was er ihnen gesagt hat, ist nicht bekannt. Wenigstens vorerst blieb die Versöhnung der zwei Kontrahenten – beide mit ausgeprägten Egos – aus, und so ist unklar, ob die Era Ronaldo in der Nationalelf zu Ende ist. Mehr Erfolg hatte Montenegro am letzten Mittwoch im Parlament, wo seine bürgerliche Minderheitsregierung die nötige Mehrheit für eine Revision des Mietrechts fand. In Spanien bemühte sich die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez gerade um einen strengeren Schutz der Mieter, in Portugal – wo Räumungen bisher nicht so einfach waren wie im Nachbarland – steuert die Regierung in Gegenrichtung.

Vermieter sollen künftig die Mieten leichter erhöhen können, drei – anstatt wie bisher zwei – Mieten als Kaution verlangen und säumige Mieter schon nach zwei Monaten auf die Strasse setzen können. Als Stütze fand sich wieder einmal die rechtspopulistische Partei Chega, deren Abgeordnete sich ihrer Stimmen enthielten. Noch stehen die Detailberatungen an, aber Montenegro hat ein Zeichen gesetzt. Und der zeitgleiche Wirbel um Ronaldo kam ihm überaus gelegen.

Noch immer fit, aber nicht mehr in Bestform

Was ist mit Ronaldo, Kapitän der Nationalelf, passiert? Er befindet sich weiterhin zwar in ansehnlicher Form, aber seine beste Zeit ist offenbar vorbei. Und er tut sich schwer damit, dass die Nationalelf auch ohne ihn gewinnen kann. Ende September wechselte ihn der Trainer im Spiel der UEFA Nations League gegen Wales nach 67 Minuten aus. Einige Tage später, beim Spiel gegen Norwegen, begann er auf der Reservebank. In der zweiten Halbzeit durfte er sich warmlaufen, Jesus setzte ihn aber letztlich nicht ein – was der Superstar nicht verkraftete.

Am letzten Mittwoch, einen Tag vor einer Begegnung mit Dänemark in Kopenhagen, kam es zum Bruch zwischen Ronaldo und Jesus. «Nie wird ein Spieler meine Ideen als Trainer ändern», sagte Jesus, der nicht gerade für Fingerspitzengefühl bekannt ist. Ronaldo verliess das Trainingslager und orderte einen Privatjet für die Abreise herbei. Im Fernsehen konnte das Volk verfolgen, wo sich der Jet gerade befand. Für die Medien drehte sich eben alles um «CR7» - so lächerlich dies manchmal wirken mag. Ohne Kapitän Ronaldo gewann Portugal gegen Dänemark mit 4 zu 2 Toren. 

Ein Volk, das auf einsame Retter hofft

An Ronaldo – der mit Leonel Messi aus Argentinien um die Ehre, als bester Kicker der Welt zu gelten, rivalisiert - scheiden sich die Geister. Von einem kollektiven Geist wie des «yes we can», ein Slogan von Barack Obama, ist in Portugal meist nicht viel zu spüren. Man hofft auf Retter, und für diese Denkweise gibt es sogar einen Namen, «sebastianismo», als Erinnerung an König Sebastian, der 1578 voller Übermut ein gewaltiges Heer ins heutige Marokko entsandte und selbst in der Schlacht bei Alcácer Quibir (unweit von Larache) den Tod fand. Weil er keinen Nachfolger hinterliess, geriet Portugal 1580 für 60 Jahre unter spanische Herrschaft. Im Volk grassierte der Glaube, der König werde eines Morgens zurückkehren und Portugal zu verlorener Grösse zurückführen. Im Fussball gilt Ronaldo als derjenige, der auf dem Rasen alles richtet. Nicht selben berichteten Medien über Spiele fast so, als bestehe eine Elf aus CR7, einem Torhüter und neun Statisten.

Unbestritten ist, dass schon Kinder in vielen Ländern der Welt, wenn von Portugal die Rede ist, sofort an Ronaldo denken. In privaten Gesprächen scheiden sich an CR7 aber rasch die Geister – und die Gespräche werden schnell laut. Viele Landsleute sehen vor allem seine sportlichen Leistungen und blenden Allüren und Extraganzen gern aus. Wer da meint, Ronaldo solle an den Ruhestand denken oder den Kult um ihn kritisiert, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, undankbar oder neidisch zu sein.

Halbgott oder Halunke?

Schon seit Jahren geniesst er den Status eines Nationalhelden. Er hat für internationale Spitzenclubs gespielt – Manchester United, Real Madrid, Juventus Turin, nun kickt er in Saudi-Arabien bei Al-Nassr. Und er war bei allen sechs Weltmeisterschaften von 2006 bis 2026 dabei. Unbestritten ist, dass stets hart an sich gearbeitet hat – und dass ihm die Karriere nicht in die Wiege gelegt wurde. Er stammt von der Insel Madeira, wo er in armen Verhältnissen zur Welt kam. In einem Interview sagte seine Mutter vor Jahren, dass sie, bevor sie ihn 1985 zur Welt brachte, die Schwangerschaft am liebsten abgebrochen hätte.

Heute ist der Flughafen von Madeira nach Ronaldo benannt. Am Hafen der Inselmetropole Funchal erhebt sich eine Statue des Stars. Als sie aufgestellt wurde, tuschelte man über die Straffungen im Genitalbereich, ist Ronaldo doch auch für seine Affären bekannt. Hohe Wellen schlug noch vor einigen Jahren sein Rechtsstreit mit einer Frau aus Las Vegas in den USA, die ihm vorwarf, sie vergewaltigt zu haben. Ronaldo, der der Frau Jahre zuvor ein Schweigegeld von 375'000 Dollar bezahlt hatte, ging aus dem Verfahren letztlich als Sieger hervor. In Spanien zahlte er 2019 eine Geldbusse von 18,8 Millionen Euro, womit er die Einstellung eines gegen ihn anhängigen Verfahrens wegen Strafhinterziehung erwirkte. 

Seine Fans sehen über all das ebenso hinweg wie über Ronaldos erklärte Bewunderung für US-Präsident Trump, der ihn im letzten November zu einem Diner im Weissen Haus empfing. Viele Leute sehen in Ronaldo trotz allem den Halbgott, manche aber eben auch einen Halunken.

Am Wochenende, verlautete, dass Verbandschef Proença noch versuche, auf eine Verständigung hinzuwirken, was der Regierungschef womöglich als Ergebnis seines Anrufs verkaufen könnte. So bekämen die Leute im Land immer noch keine bezahlbaren Wohnungen, aber vielleicht hätte die Nationalelf ihren Kapitän zurück.

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