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ChatGPT etc.

Schreiben oder schreiben lassen – das ist nicht die Frage

14. Juni 2026
Eduard Kaeser
KI-generiert
Das Bild ist KI-generiert

Dass ihr Geschäft einst durch Automaten übernommen werden könnte, haben die Schriftsteller schon lange geahnt. Zum Beispiel Italo Calvino. 

Er hielt 1967 einen Vortrag mit dem Titel «Kybernetik und Gespenster».[i] Er sah im Computer ein wegweisendes theoretisches Modell für unsere mentalen Prozesse. Forscher beginnen, so Calvino, zu verstehen, wie man Sprache – Kunst überhaupt – als reines kombinatorisches Spiel interpretieren kann – und wie man dieses Spiel in Maschinen implementiert. Auf diese Weise würden Maschinen bald fähig sein, Gedichte und Romane zu entwerfen und zu verfassen. Der Mensch solle sich nur ja nichts einbilden auf sein Genie, denn Literatur sei einfach das Bemühen, ein Wort hinter das andere zu setzen. Wenn es gut läuft, arbeite ein Autor optimal wie eine Schreibmaschine. 

Vom Schreiben zum Prompten

Prophetische Worte, fürwahr. Was Calvino vor fast 60 Jahren spekulativ durchspielte, ist heute Realität. Binnen kurzem hat die Sprachmaschine (Large Language Model) unseren Schreiballtag erobert, und sie tut genau das, was Calvino über das Schreiben sagte: Sie setzt ein Textelement – Token – hinter das andere.  

Es kommt heute – so scheint es – nicht mehr auf den Autor an, sondern auf den Algorithmus, den er benutzt. Autor und Algorithmus bilden ein enges Gespann, bei der es immer schwieriger wird, zu unterscheiden, was von wem stammt. Bisher war ChatGPT eine Voraussagemaschine von Wörtersequenzen. Nun lernt der Textgenerator, eigenständig und «verständig» auf bestimmte Anfragen oder Instruktionen – auf Prompts – zu reagieren. Er kann dabei auf das fast gesamte Reservoir des Geschriebenen zurückgreifen. Und er ist verdammt gut im stochastischen Zusammenschusseln von Textelementen. Wer nicht schreiben kann, promptet, wer nichts zu sagen hat, überlässt dem Textgenerator das Sagen – Studierende, Leitartikler, Schriftsteller, Politiker.

Modell-Kollaps

Gefährden die Sprachmaschinen das Schreiben? Erst einmal kontaminieren sie unseren Umgang mit der Schrift. Das zeigt sich darin, dass sich in meine Lektüre von Texten schon jetzt ein Misstrauensreflex mischt, der sich nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Das ist sogar gut, im Sinn einer Selbstprüfung. Denn ich spüre beim Verfassen eines Textes die Verlockung, dem Sprachmodell bestimmte Aufträge zu erteilen: Fehler zu korrigieren, eine passende Metapher zu finden, einen unausgegorenen Gedanken zu vollenden. Ich rutsche fast unmerklich in eine Ko-Autorschaft mit dem künstliche Schreibagenten und stelle dann fest, dass er auf diese Weise mein Autor-Ich tendenziell aus dieser ganzen Textfabrik herauswäscht.

Die Tendenz lässt sich heute als ein kollektives kulturelles Phänomen beobachten, bekannt unter der Bezeichnung «Modell-Kollaps». Trainiert man Sprachmodelle mit ihrem selbstgenerierten Textmaterial, haben sie ein «Bias zur Mitte», neigen sie zur systematischen Verstärkung des Gewohnten: Sie glätten den Stil, sortieren das statistisch Unwahrscheinliche aus, tilgen seltene, extravagante, originelle Ausdrücke, gewagte Metaphorik, unübliche Gedankenassoziationen – so dass am Ende ein unpersönlicher sprachlicher Einheitsbrei – «AI-Slop» – zum dominanten Stil wird.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem

Wir haben also ein Glaubwürdigkeitsproblem. KI-Unternehmen bemühen sich fiebrig, Überprüfungssoftware zu entwickeln, sie kämpfen um Alleinansprüche auf menschengeneriertes Textmaterial, Verlage fordern den Autoren feierliche Erklärungen ab, keine KI-Tools zu verwenden – ob dadurch die «reine» Autorschaft gerettet werden kann, ist höchst fragwürdig. Eher läuten die Sprachmodelle eine neue Zeitrechnung des Schreibens ein: vor-GPT und nach-GPT. 2022 liess OpenAI GPT auf die Nutzer los. Alles, was vor diesem Datum geschrieben wurde, erhält das Siegel «vollständig menschlich», alles danach nicht mehr. Auf den Buchdeckeln könnte schon bald nicht mehr «Spiegel-Bestseller» kleben, sondern «verifiziert menschengeneriert». 

Positiv gesehen: Wir werden aufmerksamer auf den KI-Stil, auf bestimmte Tricks, verräterische Wortkombinationen, schiefe Vergleiche, charakteristische Phrasierungen im Satzbau. So wurde vor Kurzem die Siegererzählung eines britischen Literaturwettbewerbs für die Karibikregion als KI-Werk «entlarvt».[ii] Oder jüngst musste ein deutscher Journalist seinen Job als Editor-at-Large aussetzen, weil er von einem künstlichen Schreibagenten einen Meinungstext verfassen liess und ihn publizierte.[iii]

Andere Fragen stellen

Das sind erst Vorboten einer schönen neuen Schreibwelt. Wohin die Entwicklung führt, weiss niemand. Aber vielleicht lohnt es sich, den Blick einmal von der Technik zu lösen und auf den Menschen zu richten – also andere Fragen zu stellen wie: Was lernen wir eigentlich mit dem Schreiben – nur Texte generieren? Nicht etwa auch, den Blick für all die Nuancen in der Welt schärfen? Erfahren, wie Begriffe und Ideen entstehen – miteinander glückliche und gefährliche Liebschaften eingehen? Diskursiv das Wahre vom Falschen trennen? Und: Ist beim Schreiben der Weg nicht oft wichtiger als das Ziel? 

Das Handwerksethos des Schreibens

Solche Fragen rücken eine Banalität in den Fokus, die wir vor lauter technologischer Versprechen und Visionen zu vergessen scheinen: Schreiben ist Handwerk. Und zwar nicht im trivialen Sinn des Handgebrauchs beim Schreiben, sondern in einem – ich möchte sagen – schreibanthropologischen Sinn. Handwerk ist ein Ethos, eine geistige Einstellung zum Geschriebenen. 

Mit einem Ethos verbinden wir bestimmte Vermögen und Tugenden. Zum Beispiel Routine. Schreiben braucht Routine, den ständigen Umgang mit Wörtern – und zwar auch im Lesen. Lesen versorgt mich mit den notwendigen Wort-Vitaminen. Routiniert geworden entwickle ich Sprachempfinden, stilistisches Taktgefühl, Wortkundigkeit. Daraus erwachsen Kennerschaft und auch Kreativität. Nur wer routiniert ist, kann aus gewohnten Schleifen ausbrechen, originell sein. 

Scheitern können

Oder eine andere Tugend: scheitern können. Handwerker haben ein Gespür für die Eigenheiten, Widerspenstigkeiten, Unvorhersehbarkeiten, Un­voll­kommenheiten des Materials, mit und an dem sie arbeiten. Auch der Schriftsteller muss ein solches Gespür für das Wortmaterial entwickeln. Die Mühe am Text und die Reibung an den Wörtern machen ihn schreibkompetent und schreiberfahren. 

Über James Joyce wird die Anekdote erzählt, ein Freund habe ihn verzweifelt in seinem Arbeitszimmer getroffen. Was los sei, fragte der Freund. Er käme mit der Arbeit nicht voran, antwortete Joyce. Wie viel er denn geschrieben habe, fragte der Freund. «Sieben Wörter», sagte Joyce. «Aber James», meinte der Freund, «da kannst du doch zufrieden sein … gemessen an deinem Arbeitstempo.» «Ja, schon», erwiderte Joyce, «aber ich weiss nicht, in welcher Reihenfolge ich sie schreiben soll.» Wenn nicht wahr, so gut erfunden – die Anekdote bringt sehr schön das handwerkliche Bewusstsein seiner Arbeit – des Schreibwerks – auf den Punkt.

Der Geist ist aus der Flasche

Damit kein Missverständnis entstehe: Ich beschwöre hier nicht nostalgisch eine «antiquierte» Praktik, sondern weise darauf hin, dass eine neue Technologie immer auch eine retroaktive Wirkung auf das Alte ausübt, das heisst, das Alte nicht abschafft, sondern ihm eine neue Bedeutung und Funktion verleiht. 

Der Geist ist aus der Flasche – die Sprachmodelle sind unter uns. Wir werden wahrscheinlich unsere Schreibgewohnheiten ihnen anpassen. Aber gleichzeitig erinnern sie uns daran, dass wir Menschen ganz besondere leibhafte Textgeneratoren sind. Wir haben schreibend nicht bloss ein Wortverhältnis, wir haben ein Weltverhältnis. Wir beziehen uns auf «Aussertextliches» – auf Menschen und Dinge. 

Der Brunnen des Ungeschriebenen

Darauf macht Calvino in einem anderen klugen Essay aufmerksam («Geschriebene und ungeschriebene Welt», 1983).[iv] Er, der als Autor berufsmässig sein Leben die meiste Zeit in einer Welt von Wörtern verbringt, erklärt paradoxerweise, dass die Quelle seines Schreibens im Ungeschriebenen liege. Auf die Frage, warum er sich am Ungeschriebenen orientiere, antwortet Calvino: «Weil ich Schriftsteller bin. Was man von mir erwartet, ist, dass ich mich umschaue und rasche Bilder von dem, was geschieht, einfange, um mich dann an meinen Schreibtisch zu setzen und an die Arbeit zu machen. Um meine Wörterfabrik wieder in Gang zu setzen, muss ich neuen Stoff aus dem Brunnen des Ungeschriebenen schöpfen.»

Eine wunderschöne Metapher. Sie bringt genau die Aufgabe des Schreibwerks im Zeitalter seiner algorithmischen Produzierbarkeit auf den Punkt. 

Postskriptum: Rilke und ChatGPT

Ich bat ChatGPT, einen berühmten Rilke-Vers auf seine Weise zu formulieren. Hier das Resultat.

Rilke:

O das Neue, Freunde, ist nicht dies, 
dass Maschinen uns die Hand verdrängen.
Lasst euch nicht beirrn von Übergängen,
bald wird schweigen, wer das «Neue» pries.

ChatGPT:

O das Neue, Freunde, ist nicht dort,
wo die Algorithmen Verse weben.
Denn noch sucht das ungeschriebne Leben
seinen Widerhall im Menschenwort.

Gar nicht so schlecht, oder?

[i] Jetzt neu im eben erschienen Essayband: Geschriebene und ungeschriebene Welt; München, 2026. 

[ii] https://www.nzz.ch/feuilleton/eine-preisgekroente-kurzgeschichte-soll-von-einem-sprachmodell-verfasst-worden-sein-die-grenzen-zwischen-ki-und-menschlicher-literatur-verschwimmen-ld.10007802 

[iii] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/ex-tagesspiegel-chef-casdorff-wegen-ki-einsatz-in-pause-200925156.html 

[iv] Im erwähnten Essayband. 

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