Einst galt er als «achtes Weltwunder», dann durfte ihn während Jahrzehnten niemand sehen, heute wiederum ist er ein touristischer Geheimtipp: der Schwarzenbergische Schwemmkanal im Böhmerwald, ein herausragendes Beispiel für frühindustrielle Ingenieurskunst.
Man muss genau hinschauen, um zu bemerken, dass man gerade eine Landesgrenze überquert. Die Aufmerksamkeit des Radfahrers ist auf die Holzbrücke gerichtet, die mitten in einer Wegbiegung über einen kleinen Wasserlauf führt; der weiss getünchte Stein am Wegrand wird deshalb leicht übersehen. Ein paar Meter weiter fällt hingegen auf, dass die Beschilderung des Radwegs nun anders aussieht als eben noch. Unversehens ist man von Tschechien nach Österreich gelangt.
Allerdings gab es eine Zeit – und sie ist noch nicht einmal so lange her –, in welcher ein Grenzübertritt hier verboten und für die, die ihn trotzdem wagten, lebensgefährlich war. Während der vier Jahrzehnte der Existenz der sozialistischen Tschechoslowakei verlief in diesem Gebiet der Eiserne Vorhang. Ein breiter Streifen entlang der Grenze war Sperrzone und damit der Öffentlichkeit unzugänglich. Unzugänglich war damit auch die Sehenswürdigkeit, die sich im Sperrstreifen befand: der Schwarzenbergische Schwemmkanal.
Dabei stellt das Bauwerk ein industriegeschichtliches Denkmal ersten Ranges dar. Heute nimmt sich zwar ein Kanal, einen Meter tief und an der Sohle zwei Meter breit, bei oberflächlicher Betrachtung nicht sonderlich beeindruckend aus. Um die hier erbrachte Leistung zu ermessen, braucht es einen Blick in die Vergangenheit.
Der Visionär Rosenauer
Im 18. Jahrhundert erlebte Wien, die Hauptstadt der habsburgischen Monarchie, einen rapiden Aufschwung. Dies wirkte sich neben anderem auch in einer sprunghaft anwachsenden Nachfrage nach Brennholz aus. Die ausgedehnten Forste des Böhmerwalds, auch heute noch das grösste zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas, schienen gut geeignet, diese Nachfrage zu befriedigen. Allerdings stellte sich dabei das Problem, dass die produktivsten Gebiete für den Holzschlag auf der nach Nordosten ausgerichteten böhmischen Seite dieses Mittelgebirges lagen. Die Moldau, die in diesem Gebiet entspringt, floss von hier nordwärts nach Prag. Eine Wasserverbindung nach Süden, nach Wien, gab es nicht.
Mit Pferdefuhrwerken waren die benötigten enormen Mengen Holz kaum auf wirtschaftliche Weise in die Kaiserstadt zu bringen. Das in der Böhmerwaldregion verankerte und am Kaiserhof einflussreiche Adelsgeschlecht der Schwarzenberger beauftragte deshalb den in seinen Diensten stehenden Landvermesser und Forstingenieur Josef Rosenauer mit der Suche nach einer anderen Lösung.
Rosenauer erblickte diese in einem Schwemmkanal, der zunächst mit sanftem Gefälle der Nordostflanke des Böhmerwalds entlangführen und dann an einem geeigneten Ort den Hauptkamm – die Wasserscheide zwischen Moldau und Donau und damit zwischen Nordsee und Schwarzem Meer – überqueren würde. Um dann weiter zur Grossen Mühl, einem Donauzufluss, zu gelangen. Nach einigem hin und her erhielt Rosenauer, der zunächst als Phantast verlacht worden war, den Zuschlag für sein Projekt. Im April 1789 wurde mit den Bauarbeiten begonnen.
Eine erstklassige Ingenieursleistung
Es war ein planerisches Meisterstück, in dem unübersichtlichen Waldgebiet einen Kanal so anzulegen, dass er über mehrere Dutzend Kilometer und mit einem Gefälle von zwei Promille genau auf den Punkt hinkam, wo der Böhmerwald-Hauptkamm am besten überquert werden konnte. Wer heute im immer noch fast undurchdringlichen Forst um sich schaut, zollt dieser Leistung kopfschüttelnd Tribut und wundert sich, wie sie ohne moderne Hilfsmittel überhaupt möglich war. Im Endausbau, der um 1823 und damit knapp 20 Jahre nach Rosenauers Tod erreicht war, war der Kanal über fünfzig Kilometer lang, zählte mehr als 80 Brücken und führte 400 Meter durch einen Tunnel. Er wurde auf natürliche Weise gespeist vom Plöckensteiner See sowie zwei Dutzend Bächen. Um dennoch einem möglichen Wassermangel zuvorzukommen, wurden zusätzlich Stauteiche angelegt. Im 19. Jahrhundert galt das Bauwerk in der Region als «achtes Weltwunder». Ökonomisch war es ausserordentlich erfolgreich: Schon nach vier Jahren hatten sich für die Schwarzenberger die beträchtlichen Investitionen amortisiert.
Für den Betrieb war ein extensives organisatorisches Räderwerk nötig. Siedlungen mussten angelegt werden, aus denen Holzfäller ausschwärmten, um Bäume zu schlagen. Dann musste das Holz auf Stücke von schwemmbarer Länge zugeschnitten und mit Schlitten zum Kanal gebracht werden. Im Frühling, wenn die Schneeschmelze den Kanal mit Wasser füllte, mussten die rund einen Meter langen Scheite bereit liegen zur Schwemme. Vom Moment an, da sie in den Kanal geworfen wurden, dauerte ihre Reise bis nach Wien rund acht Tage. Die Schwemmzeit dauerte jeweils bis in den Frühsommer. Auf der talseitigen Aufschüttung des Kanals hatten sogenannte Trifter mit langen Stöcken dazu zu schauen, dass sich keine Scheite verklemmten und den Kanal blockierten.
Bis ins frühe 20. Jahrhundert stand die Anlage auf diese Weise in Betrieb. Jedoch ging mit der Zeit die Intensität der Nutzung zurück, weil sowohl die Brennholz-Nachfrage abnahm, da sich immer mehr Kohle oder Gas als Heizmaterial durchsetzte, als auch die Eisenbahn neue Möglichkeiten des Transports eröffnete.
Ein zweites Leben als Touristenziel
Um 1930 hatte der Kanal seine besten Zeiten definitiv hinter sich, auch wenn gewisse Abschnitte noch bis in die frühen 1960er Jahre genutzt wurden. Seine trübste Epoche kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Eingliederung der Tschechoslowakei in den sowjetischen Orbit. Denn der Kanal lag auf der tschechoslowakischen Seite genau in der mehrere Kilometer breiten Zone zwischen der eigentlichen Staatsgrenze zu Österreich und den Absperrungen, mit denen das kommunistische Regime Fluchtversuche nach Westen zu unterbinden suchte. Das Bauwerk verfiel zusehends; teilweise wurde der Kanal sogar gezielt zugeschüttet.
Erst die «Samtene Revolution»» von 1989 läutete seine Renaissance ein. Zwischen 1991 und 2012 kam es auf staatlicher Ebene sowie durch Privatinitiativen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit tschechischer und österreichischer Organe zu umfassenden Restaurierungen.
Heute ist der Kanal in wesentlichen Teilen wiederhergestellt. Periodisch veranstaltetes Schauschwemmen mit Personal in historischen Kostümen lässt die Vergangenheit aufleben. Dass der Kanal mit einem Netz von Wander- und Radwegen leicht zugänglich ist und in einem Gebiet liegt, wo die Natur zuerst vierzig Jahre lang sich selbst überlassen war und dann glücklicherweise streng geschützt wurde, hat ihn zu einem beliebten lokalen Reise- und Urlaubsziel werden lassen – wenn er auch ausserhalb der Region wohl wenig bekannt geblieben ist.