Mit der Premiere von Giuseppe Verdis Oper «La traviata» starten die Bregenzer Festspiele in den Sommer. Im Zentrum steht bis zum 23. August die Seebühne, aber es gibt auch viele andere interessante Schauplätze. Und: Das 80-Jahr-Jubiläum der Festspiele bietet Gelegenheit zur Rückschau auf eine bemerkenswerte Festivalgeschichte.
Eine Erinnerung vorab an zumindest wettermässig andere Zeiten. Es ist ein Sommerabend im Jahr 2014. Früh hat es zu nieseln begonnen. Wir stehen hinter der Bühne, schauen von dort aus dem Geschehen in Mozarts «Zauberflöte» zu und schicken immer wieder hoffnungsvolle Blicke gen Himmel. Doch der lässt sich nicht erweichen. Der Regen wird eher noch stärker, während es langsam dunkel wird und das grosse, von Puppenspielern dirigierte Fabeltier an uns vorbeizieht.
In Bregenz ist man geübt darin, solche Abende ohne Pannen zu überstehen, es wird gesungen und getanzt, als ob nichts wäre. Und auch das Publikum hat den Regenponcho dabei. Ein sanftes Rascheln, und es ist geschützt. In der Dunkelheit steigen wir die kuppelförmige Bühne hoch, spähen hinüber zu den 7000 Zuschauern. Kurz kommt Sarastro vorbei zu einem Schwatz, er wartet auf seinen nächsten Auftritt. «Da, schauen Sie», sagt er, und zeigt zur Seite, wo im Licht der Scheinwerfer von Myriaden von Wassertröpfchen umschwebte Nachtfalter ihre Runden ziehen. Für ein paar Sekunden sind wir tief verzaubert.
«La traviata» vor riesigem Spiegel
Es sind solche Naturerlebnisse, die die Bregenzer Festspiele einzigartig machen. Und die sie jedes Jahr auch zum kommerziellen Erfolg werden lassen. So sind denn die für diesen Sommer aufgelegten 188’000 Tickets für die 28 Aufführungen der «Traviata» in der Inszenierung von Damiano Michielotto schon seit Ostern ausverkauft. Jeder Abend ist anders, aber an jedem Abend ist der See mit seinen Stimmungen der allerwichtigste Mitspieler – neben Solisten, Tänzern und Statisten. Neben dem Bühnenbild, einem riesigen, in 86 Einzelteile zerbrochenen, von Paolo Fantin entworfenen Spiegel. Und neben all jenen, die man nicht sieht. Also den vielen Technikern, der Kostümabteilung, der Maske und den im Festspielhaus platzierten Musikerinnen und Musikern der Wiener Symphoniker.
Das Spiel auf der Seebühne, das an diesem 22. Juli startet, dominiert die Bregenzer Festspiele, die aber weit vielfältiger sind. Schon am Tag nach der See-Premiere folgt im Festspielhaus Leoš Janáčeks Oper «Die Ausflüge des Herrn Brouček». Es folgen noch drei Sinfoniekonzerte. Dann die Uraufführung des Oratoriums «Passion of the Common Man» von Daniel Bjarnason und Royce Vavrek über das Bedürfnis nach Empathie in einer futuristisch-kalten Welt auf der Werkstattbühne. Weiter geht es mit «YUM» von Wen Liu und Sarah Théry, ein experimentelles Musiktheater «zwischen Genuss und Abgrund», wie es im Programmbuch heisst. Viele Puzzlestücke fügen sich aneinander: Das Experimentelle, Kühne schliesst nahtlos an das Populäre, Klassische an.
Bescheidener Start zwischen zwei Kieskähnen
Bregenz hat lange gebraucht, bis es diese unverwechselbare Mischung entwickelt hat. 1946, im Jahr nach Kriegsende, hat das Unternehmen im Hafen mit zwei Kieskähnen und einer dazwischen gespannten provisorischen Bühne begonnen, auf der zwei Mal Mozarts Singspiel «Bastien und Bastienne» gespielt wurde. Teile der Stadt waren zerstört, und unumstritten war diese erste «Bregenzer Festwoche» auch nicht.
Doch der zuständige Stadtrat wollte den Tourismus ankurbeln, dem Landeskulturreferenten ging es um eine Ablenkung der gebeutelten Bevölkerung von ihren Sorgen, und der Leiter der Vorarlberger Landesbühne suchte nach Arbeit für die vielen Künstler und Kulturschaffenden. Und vergessen wollte man auch, was gewesen war: den Krieg, die NS-Diktatur, und nicht zuletzt die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus. Politisch Belastete suchten über ihr Engagement für die Festspiele den Wiedereintritt in die Gesellschaft.
Das ging lange gut, die Bregenzer Festspiele führten gerne unbeschwerte Operetten auf. Mit durchzogenem Erfolg. Mehrfach wurde über einen Abbruch diskutiert, mehrfach mussten die Banken Überbrückungskredite gewähren. Bis sich zu Beginn der Siebzigerjahre eine junge Generation zu Wort meldete und eine Gruppe von Vorarlberger Kulturproduzenten den erstarrten Festspielen erfolgreich ein zeitgenössisches Programm entgegenstellten.
Sinkende Besucherzahlen auf der neuen Seetribüne veranlassten 1981 die Vorarlberger Landesregierung, vom Rechnungshof das Finanzgebaren der Festspiele untersuchen zu lassen. Sein Bericht fiel verheerend aus und führte zu einer durchgreifenden Professionalisierung des Unternehmens. Einen wichtigen Meilenstein setzte 1985 wieder Mozarts «Zauberflöte», die erstmals 100’000 Besucher anlockte und die aus Kostengründen im Folgejahr wiederholt wurde. Es war der Beginn jenes Zwei-Jahres-Rhythmus, der seither die Festspiele prägt und der es auch ermöglicht, opulente Bühnenbauten in den See zu stellen.
Vier Ausstellungen …
Eine Vorstellung davon bekommt man in einer Ausstellung an der Bregenzer Seepromenade. Sie ist eine von vier Ausstellungen zu den Festspielen. Im Martinsturm erzählen in einem Film die allererste Bühnenbildnerin Maria Wanda Milliore, wie es damals war, und Es Devlin, wie sie 2018 das Bühnenbild für Bizets «Carmen» entwickelt hat – sie wird 2028 mit Richard Wagners «Der fliegende Holländer» nach Bregenz zurückkehren. Im Vorarlberg Museum sind Stimmen zu den Festspielen zu hören. Und im Showroom des Festspielhauses zeigt der Fotograf Jan van Holleben abenteuerlich verfremdete Festspielbühnen.
… und Stimmen zu den Festspielen
Am interessantesten sind zweifellos die Festspielstimmen im Vorarlberg Museum. Die Erinnerungen von Sängern, Technikern und Musikern führen wieder mitten hinein in das Erlebnis Bregenz. Sie liebe diese «Mischung aus Glamour und Camping», sagt die Sängerin Hanna Herfurtner. Oper sei ja oft eine elitäre und als exklusiv angesehene Kunstform, «hier aber bekommt sie Bodenhaftung durch die Massen und die Elemente wie Wind, Regen, Mücken».
Da ist er wieder, der Regen. Er mache das Spiel intensiver, sagt ihre Kollegin Katharina Ruckgaber. Wenn es denn nicht zu viel wird. Rolando Villazón, der in den Saisons 2001 und 2002 den Rodolfo in Puccinis «La Bohème» spielte, erinnert sich an einen Auftritt bei heftig strömendem Regen. «Wir haben immer weiter gesungen, und das Publikum ist geblieben. Das war das erste und einzige Mal, da ich unter einer grossen Dusche gesungen habe. Es war fantastisch.»
Was würden sie den Zuschauern gerne einmal zeigen? «Die Hinterbühne bei einer Premiere», sagt der Bühnenmeister Manfred Achberger. «Da läuft jeder herum, und man bekommt den Eindruck, keiner hat einen Plan.» «Die Symbiose, die zwischen den Beteiligten entsteht», sagt Diana Ferri, Supervisorin der Garderobe. «Und den Spass, den wir hinter der Bühne miteinander haben.»
Und welches waren die unvergesslichsten Seebühnen-Momente? «Oh, da gibt es viele», antwortet Rolando Villazón, und greift einen naheliegenden heraus: «Nach einer Probe im Bodensee zu schwimmen.»