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Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel

Malereien eines glücklichen Menschen

18. April 2026
Urs Meier
Helen Frankenthaler: Riverhead
Helen Frankenthaler: Riverhead, 1963, Acryl auf Leinwand, 208,9 x 363,2 cm; Kunstmuseum Basel

Über fünfzig oft sehr grossformatige Gemälde Helen Frankenthalers sind im Neubau des Kunstmuseums Basel zu einer repräsentativen Werkschau vereint. Die in Europa noch zu wenig bekannte Amerikanerin begeistert mit kühnen Malweisen und Farbkompositionen.

War sie tatsächlich ein glücklicher Mensch? Helen Frankenthalers oft riesige Bilder zaubern im Neubau des Kunstmuseums Basel in kraftvoller Gestik ein kühnes Spiel der Farben an die weissen Wände. Wer so malt, scheint mit sich selbst im Klaren zu sein und legt jedenfalls mit einer unbändigen Lust zum Experiment eine dynamische Offenheit an den Tag. Eine solche Verbindung von innerer Festigkeit und stetem Antrieb zur neugierigen Aufnahme von schöpferischen Impulsen ist gewiss eine gute Voraussetzung für fesselnde Kunst und wahrscheinlich auch keine schlechte Disposition zum Glücklichsein.

Helen Frankenthalers persönlicher Weg zur Kunst scheint von Anfang an vorgezeichnet. Das Talent der 1928 in New York als Tochter gebildeter und wohlhabender Juden Geborenen wird in jungen Jahren erkannt und gefördert. Durch den frühen Tod ihres Vaters kommt sie zu einer Erbschaft, die sie finanziell unabhängig macht. Mit einundzwanzig mietet sie mit einer Freundin ihr erstes Atelier in der East 21st Street in New York und findet Eingang in die vibrierende Kunstszene der 1950er-Jahre. Es ist die Zeit, in der sich der abstrakte Expressionismus durch Künstler wie Jackson Pollock und Willem de Kooning durchzusetzen beginnt. New York verdrängt Paris von der Position als Welthauptstadt der Kunst.

Helen Frankenthaler: The Sightseers
Helen Frankenthaler: The Sightseers, 1951, Emaille und Wachskreide auf Papier, auf Hartfaserplatte montiert, 155,6 x 171,1 cm; Helen Frankenthaler Foundation, New York

Frankenthalers frühe Arbeiten zeigen ein Suchen nach der eigenen Bildsprache. Deutlich erkennbar sind die Einflüsse des Kubismus. Ein weiterer wichtiger Impulsgeber war Joan Miró. Doch erst die Begegnung mit Jackson Pollock im November 1950 wird für Helen Frankenthaler zur entscheidenden künstlerischen Erweckung. Pollock malte nicht mehr auf der Staffelei oder auf an der Wand befestigte Bildträger, sondern legte die Leinwand flach auf den Boden. 

Action Painting

Dieser Dreh verändert den Malprozess radikal: Der Künstler produziert nicht mehr direkt das an die Wand zu hängende Objekt, sondern gewissermassen ein Vorprodukt, das zu einem solchen werden kann. Der Bezug zur bearbeiteten Leinwand wird auf neue Weise experimentell, vital und physisch. Indem Pollock die verdünnte Farbe aus einer Dose, in deren Boden er ein Loch gebohrt hat, auf die Leinwand tröpfeln lässt, wird der Malvorgang zum Ineinander von Gestaltung und Zufall. Schon Janet Sobel hatte diese Dripping-Technik als Zusatz bei im Übrigen «konventionell» gemalten Bildern angewandt. Pollock jedoch macht sie ab 1946 zur Grundlage seines Action Painting. Frankenthaler lässt sich von Pollock zur Entwicklung ihrer neuen und völlig eigenständigen Form von Action Painting inspirieren. 

Es ist der 26. Oktober 1952. Helen Frankenthaler kauft eine grosse Stoffbahn aus unbehandelter Leinwand, die sie im Atelier ausrollt. Die mit Terpentin verdünnte Ölfarbe schüttet sie direkt aus Eimern auf die Leinwand, reibt die Farbe mit Bürsten und Schabern ein, bis der Bildträger völlig durchtränkt ist. Erst nachträglich bestimmt sie das Format, das sie ausschneidet und auf einem Spannrahmen befestigt. Damit ist etwas in der Kunstgeschichte ganz Neues entstanden. Frankenthaler nennt es die «Soak-Stain-Technik» (etwa: Einweich-Färbung).

Wie es zuging bei dieser Maltechnik zeigt der in der Ausstellung zu sehende Film mit eindrucksvollen dokumentarischen Aufnahmen. Das erste so entstandene Werk «Mountains and Sea» (in der Ausstellung nicht gezeigt) bleibt in der Bildwirkung noch halbwegs konventionell, setzt aber mit dem Format von 2,2 auf 3 Meter bereits die Dimensionen, in denen Frankenthaler nun bevorzugt arbeiten wird. Das grösste in Basel präsentierte Bild ist über sechs Meter breit und etliche Bildhöhen liegen bei drei Metern.

Auseinandersetzung mit alten Meistern

Im Alter von 25 Jahren unternimmt Frankenthaler ihre erste Reise nach Europa, das sie in der Folge oft besuchen wird. Sie studiert in den massgeblichen Museen die klassischen Meister von Tizian bis Monet. Einen tiefen Eindruck machen ihr die Höhlenmalereien von Altamira. Mehrfach reagiert sie mit eigenen Bildern auf die Begegnungen mit Meisterwerken, indem sie solche Seherlebnisse in eigene Bildfindungen umwandelt. Deren Verbindungen mit den Vorbildern sind stark verschlüsselt und eher an visuellen Stimmungen, an Farbwelten und nur ausnahmsweise an Bildmotiven zu erkennen. 

Tizian: Der Raub der Europa
Tizian: Der Raub der Europa, ca. 1560/62, Öl auf Leinwand, 178 x 206 cm; Isabella Stewart Gardner Museum, Boston

Tizians «Raub der Europa» ist eines der in der Ausstellung gezeigten Beispiele solcher von Frankenthaler neu interpretierter Werke. Die Gegenüberstellung gibt Einblick in den assoziativen Umgang Frankenthalers mit Sujets. Der eigenständige malerische Prozess hat jeweils den unbedingten Vorrang vor jeglicher Anlehnung an die Ästhetik der «Imitatio», die ja für die Vorbilder ein leitendes Prinzip war. Einfacher gesagt: Man erkennt in Frankenthalers Neuschöpfungen die Vorlagen nur in Spuren wieder.

Helen Frankenthaler: Europa
Helen Frankenthaler: Europa, 1957, Öl auf Leinwand, 177,8 x 138,4 cm; Helen Frankenthaler Foundation, New York

Mit dem Werk «Claude’s Message» bewegt sich Frankenthaler von der direkten Beschäftigung mit einem einzelnen Werk des von ihr verehrten Claude Monet noch einen Schritt weiter weg zur Verarbeitung der visuellen Essenz von dessen Seerosenbildern. Sie antwortet so auf eine künstlerische «Botschaft», die sie in diesen Ikonen des Impressionismus erkannt hat, nämlich die kontextlose Feier von Licht und Farbe. 

Frankenthaler hat in den frühen sechziger Jahren von der Ölfarbe zum wasserbasierten Acryl gewechselt, das sich für den dünnflüssigen und mehrschichtigen Auftrag noch besser eignet. So ist in ihrer Soak-Stain-Malerei die Durchdringung des Bildträgers mit der Farbe noch intensiver geworden. Das Bild trägt nicht eine Farbschicht, es ist durch und durch Farbe.

Helen Frankenthaler: Claude’s Message
Helen Frankenthaler: Claude’s Message, 1976, Acryl auf Leinwand, 149,9 x 289,6 cm; Helen Frankenthaler Foundation, New York

Das fast drei Meter breite Bild ist geteilt in zwei Farbzonen: rechts ein schlammiges Grün, das links von blassem Violett überlagert ist. Ein horizontaler Malduktus im unteren Bereich mit einer hellen Zone rechts erinnert an Wasser mit Reflexen des Himmels. Dieses Beinahe-Nichts an Bildinhalt genügt der Malerin, um die Summe der Impressionen zu spiegeln, die Monet ihr vermittelt hat.

Das dreizehn Jahre früher entstandene «Riverhead» (Bild ganz oben) erscheint im Vergleich geradezu mitteilsam. Diese «Flussquelle», so der Titel auf Deutsch, schickt ihr Wasser als bewegtes Element auf die Reise. Eine farbliche Dramatik erzählt vom Kampf des strömenden Blaus mit dem statischen Braun, Grün, Pink und Ocker. 

Das Bild kam 2024 ins Kunstmuseum Basel. Vorausgegangen war ein Besuch der damals noch vor ihren Amtsantritt stehenden Museumsdirektorin Elena Filipovic bei der Helen Frankenthaler Foundation in New York. Diese wollte das frühe Engagement Basels für die moderne amerikanische Kunst würdigen und machte dem Museum «Riverhead» zum Geschenk. Der Besitz dieses Werks gab den Anstoss, die bislang grösste Frankenthaler-Ausstellung Europas und die erste museale Einzelausstellung in der Schweiz auszurichten. 

Wegbereiterin der Farbfeldmalerei

«Riverhead» steht nicht nur episodisch, sondern auch qualitativ für das, was die Basler Ausstellung ausmacht. Es repräsentiert Frankenthaler at her best. Unter den über fünfzig gezeigten Werken sind auch einige aus dem Spätwerk, in denen die Künstlerin andere Malweisen und Bildsprachen ausprobiert hat mit deckenden Farbschichten und deutlicher definierten Bildelementen. Doch das blieben begrenzte Ausflüge in «fremde» Reviere. Nicht zufällig ist das jüngste gezeigte Werk, «Cloud Burst» von 2002, wieder «typisch Frankenthaler», sprich: ein Soak-Stain-Bild.

Mit ihrem zu Unrecht manchmal als «Frauenkunst» verharmlosten Gesamtwerk hat Frankenthaler zusammen mit anderen, die wie sie aus dem Abstrakten Expressionismus hervorgegangen sind, einen neuartigen Umgang mit Farbe in die Kunst eingeführt. Sie gilt neben Barnett Newman, Mark Rothko und anderen als Pionierin der Farbfeldmalerei (Color Field Painting), die wiederum viele Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst beeinflusst hat.

Hat die Befreiung der Farbe sie glücklich gemacht? Oder war es umgekehrt? Brauchte es diese vitale, energiegeladene, optimistische Persönlichkeit, um solchem Mut zur Farbe in der Kunst zum Durchbruch zu verhelfen? Die Bilder Helen Frankenthalers im Kunstmuseum Basel werden zweifellos vielen Gesichtern ein glückliches Lächeln entlocken.

Kunstmuseum Basel, Neubau: Helen Frankenthaler
bis 23. August 2026
Kuratorin: Anita Haldemann
Katalog mit Beiträgen von Anita Haldemann, Karen Wilkin, Amanda Kopp-Kempinski

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