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Theater Basel

Liebe als Versuchsanordnung

18. Januar 2026
Laura Weidacher
Wahlverwandtschaften
© Ingo Hohn

Auch J. W. Goethe nahm sich des ewigen Themas Liebe an und setzte es in einem der faszinierendsten Romane der Weltliteratur um. «Die Wahlverwandtschaften» erleben nun am Theater Basel ein etwas bemühtes Comeback in einer Theaterbearbeitung durch die deutsche Regisseurin Leonie Böhm.

Man nehme zwei bekannte Stoffe, setze sie der Einwirkung zweier unbekannter Elemente aus und beobachte im Labor des Lebens das Resultat dieser Zusammenführung: ein Thema mit Variationen. Doch menschliche Beziehungen lassen sich in keinem Labor der Welt berechnen.

Wagestücke

Oder, um mit Goethe zu sprechen: «Alle solche Unternehmungen sind Wagestücke. Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus.» Diese Einsicht formuliert Charlotte, die Frau Eduards, eines «reichen Barons im besten Mannesalter». Mit kluger Voraussicht versucht sie, ihr ruhiges Liebesglück gegen äussere Einflüsse zu schützen. Bedrohlich erscheinen ihr die Aufnahme eines Freundes des Hausherrn sowie die Ankunft ihrer Pflegetochter Ottilie. Zu Recht, wie sich bald zeigt: Die chemische Reaktion der unterschiedlichen Charaktere setzt ein und versetzt den zuvor harmonischen Hausstand in Unruhe, die tragische Züge annimmt und schliesslich in Melancholie mündet.

Tintenfleck des Bewusstseins

Der Roman erschien 1809, am Übergang von Sturm und Drang zur Klassik. Goethe bezeichnete darin das Ahnungsvolle und Symbolhafte als «ärgerlichen Tintenfleck» des Bewusstseins, der umso grösser werde, je mehr man versuche, ihn wegzuwischen. Ein solcher Tintenfleck scheint sich heute in der Regiearbeit von Leonie Böhm zu zeigen. Ihre Adaption bemüht sich, aus einer einst mit grossem Ernst durchdachten, bis in feinste Verästelungen kontrollierten Versuchsanordnung ein beiläufiges Freundschaftsspiel zu machen – vergleichbar mit den heute beliebten Mimik- oder Gesellschaftsspielchen.

Je mehr auf der völlig kahlen Bühne gelacht, gerannt, gehüpft, gesungen und getanzt wird, desto deutlicher tritt der Regieansatz hervor: Seht her, so aufgesetzt, neckisch und gedankenlos seid ihr heute alle, ihr dort unten im Publikum – alles wird verdrängt, Hauptsache, man lacht. Es ist eine anbiedernde Form der Publikumsbeschimpfung mit umgekehrtem Vorzeichen.

Leonie Böhm gilt als aufgehender Stern am deutschsprachigen Theaterhimmel und wurde jüngst mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet. Mit «Die Wahlverwandtschaften» legt sie nun ihre erste Arbeit am Theater Basel vor.

Vielseitiges Ensemble

Diese Inszenierung jedoch, die ernsthafte Sinnsuche und Nachdenken zeigefingerhaft in entlarvende Oberflächlichkeit und Lachen überführen will, hat es schwer. Gelächter gilt zwar heute als das A und O jeder Unterhaltung. Doch auch der fliessende Geschlechterwechsel der Figuren vermag daran wenig zu ändern. Stattdessen entsteht eine anhaltende Verwirrung im Publikum – gern als Qualitätsmerkmal ausgegeben. Der Abend endet in einer entnervenden Klamauk-Szene einer Kindsgeburt: ein Ausschnitt aus einem misslungenen Variété-Programm, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Vielseitigkeit noch einmal demonstrieren dürfen.

Diese Vielseitigkeit stellen die vier Protagonisten – Maja Beckmann, Vera Flück, Dominic Hartmann und Kay Kysela – tatsächlich eindrucksvoll unter Beweis. Besonders hervorzuheben ist Maja Beckmann: wendig, stimmgewaltig, ein wahres Feuerwerk in zartem Körper.

Die Nähe zum Variété wird auch durch den Einsatz von Live-Musik unterstrichen. Am Keyboard begleitet Fritzi Ernst das Geschehen und wertet es mit einzelnen Songs im Stil deutscher Pop-Romantik auf (Komposition und Live-Musik: Fritzi Ernst).

Das Publikum lächelte freundlich und applaudierte. Vielleicht erinnerte es sich dabei an die zentrale Erkenntnis von Roman und Theater:

«Man muss nur ein Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die übrigen alle liebenswürdig vor.»

Die Wahlverwandtschaften, Schauspielhaus Basel
Nächste Vorstellungen: 19.01.; 1., 2., 11., 16.02.2026

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