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Gesellschaft

Kühler Blick auf erregte Debatten

20. Januar 2026
Franz Derendinger
Kellyanne Conway
Kellyanne Conway, Trumps erste Pressesprecherin und Erfinderin des Begriffs «Alternative Fakten» (Keystone/EPA, Olivier Douliery)

Der Soziologe Nils C. Kumkar verzichtet bei den Aufreger-Themen alternative Fakten und Polarisierung auf die übliche moralische Aufladung. Indem er die Mechanismen solcher Debatten freilegt, will er auf neue Art politische Auseinandersetzungen ermöglichen.

In seinem Buch «Alternative Fakten» (Edition Suhrkamp 2811) hat der deutsche Soziologe Nils C. Kumkar (*1985) schon 2022 einen ganz eigenen Ansatz zum Umgang mit diesem beunruhigenden Phänomen entwickelt. In seiner Studie geht er auf Abstand zu den gängigen Debatten um den Verlust einer gemeinsamen Wissensbasis. Stattdessen öffnet er eine Perspektive, die den Streit um die Wahrheit zunächst ausklammert. Kumkar steht insofern quer zur Achse zwischen realistischen (Aussagen sind Abbilder des Wirklichen) und konstruktivistischen (Aussagen sind Konstrukte des Wirklichen) Positionen.

Es geht Kumkar also nicht darum, ob alternative Fakten schlichte Lügen sind, die halt von Dummköpfen geglaubt werden, oder ob raffinierte Ideologen perfid den postmodernen Relativismus ausnützen. Im Grunde klinkt er sich ganz aus der epistemischen, wissensbezogenen Ebene aus; für ihn ist primär die Funktion entscheidend, welche solch fragwürdigen Behauptungen im Rahmen der gesellschaftlichen Kommunikation zukommt. Diese systemische Sicht ist allein schon darum wohltuend, weil sie etwas Luft aus den moralisch aufgeladenen Debatten rund um die Krise von Wahrheit und Objektivität ablässt.

Jenseits von Lüge und Wahrheit

Kumkar unterzieht die Form der alternativen Fakten einer genauen Analyse, um zu zeigen, dass sie sich in einer Grauzone zwischen Lüge und Wahrheit bewegen. Und dazu untersucht er sie auf drei Feldern: einmal dort, wo der Begriff geprägt wurde, nämlich bei der ersten Inaugurationsfeier Trumps 2016, dann bezogen auf die Corona-Pandemie sowie den Klimawandel. Für diese Bereiche kann er nachweisen, dass die alternativen Fakten nicht eigentlich Tatsachenbehauptungen sind. Als solche könnten sie ja falsifiziert werden. Die opponierenden Erzählungen spielen viel eher die Rolle des unbestimmten Einspruchs, der sich gegen die Wirklichkeitskonstruktionen des Mainstreams richtet.

Trumps Pressesprecher/innen haben nie direkt behauptet, zur Einführungsfeier ihres Präsidenten seien wahnsinnig viele Menschen gekommen – mehr jedenfalls als bei Obama. Aber sie haben die augenfälligen Aussagen der vorliegenden Bilder in Frage gestellt, indem sie Mutmassungen über mögliche Wahrnehmungstäuschungen anstellten und zudem die Mainstreammedien bezichtigten, die Berichterstattung insgesamt zu Ungunsten Trumps manipuliert zu haben. 

Flood the zone with shit

Nach Kumkar besteht der Trick bei den alternativen Fakten darin, dass ihre Kernaussagen zwar seltsam unbestimmt bleiben, dass aber ganze Schrotladungen von Argumenten abgefeuert werden (Steve Bannon: «Flood the zone with shit»). Diese brauchen untereinander nicht konsistent zu sein und lassen sich nach Bedarf ausspielen oder zurückziehen. Zweck des Ganzen ist, das Offensichtliche oder jedenfalls mehrheitlich Anerkannte zu vernebeln, um Unsicherheit zu erzeugen und so allenfalls anstehende politische Entscheide zu erschweren.

Voraussetzung für den Erfolg ist dabei ein schon bestehender Konflikt. Bei der Inauguration Trumps geht es um die Beliebtheit des Präsidenten, bei Corona oder dem Klimawandel um wesentlich Wichtigeres, nämlich um staatliche Eingriffe, die wehtun könnten. Letztere werden in der Regel durch die aufgeregten Debatten über den Wahrheitsgehalt populistischer Behauptungen zumindest verzögert, wenn nicht gar verhindert. Denn die entsprechenden Diskussionen spalten das politische Publikum, und die generelle Verunsicherung über die Faktenlage gibt all jenen ein Alibi, deren Interessen durch Massnahmen tangiert würden oder die schlicht zu bequem sind, ihre Gewohnheiten zu ändern

Durch den Nebel sehen

Nach Kumkar wirken die Diskussionen rund um alternative Fakten primär als Sand im politischen Getriebe; das gilt sogar für die gutgemeinten Beiträge, die darauf aus sind, Werte der Aufklärung gegen gezielte Desinformation zu verteidigen. Auch sie ziehen nämlich politische Energien auf sich und lassen sie wirkungslos verpuffen, weil sie nicht weniger vom eigentlichen Thema ablenken als der «Bullshit» aus der reaktionären Ecke.

Wer sich um dessen Widerlegung bemüht, hat sowieso schon verloren, weil er den Vogelfängern auf den Leim gegangen ist: Der Einspruch reproduziert die inkriminierte Aussage und verstärkt damit deren Widerhall. So plädiert Kumkar dafür, nicht die mehr oder weniger wahren Behauptungen in den Fokus zu nehmen, sondern die tieferen Konflikte, deren Spielmarken sie darstellen. Wenn erst die Konturen jener Konflikte aus dem Nebel hervorträten, stünden wieder deutlicher die politischen Optionen im Raum.

Das Gute an der Polarisierung

Im vergangenen Jahr hat Kumkar nun mit dem Buch «Polarisierung» (Edition Suhrkamp 2814) nachgelegt, einer Studie, welche das Thema der gesellschaftlichen Spaltung ausleuchtet und dabei ebenfalls dem systemischen Ansatz folgt. Ausgangspunkt ist der Umstand, dass sich die oft beschworene tiefe Polarisierung durch soziologische Untersuchungen gar nicht erhärten lässt. In deren Spiegel zeigen sich die Gesellschaften weit homogener als allgemein befürchtet.

Daraus folgt die Frage, warum denn die Spaltung zu einem derart beherrschenden Narrativ werden konnte, welche Funktion diesem also im Rahmen der gesellschaftlichen Kommunikation zukommt. Und auch hier steht für Kumkar die Vernebelung im Fokus, letztlich die Ablenkung von Problemlagen, die sich politisch nur äusserst zäh – wenn überhaupt – angehen lassen.

Kumkar bricht sogar insofern eine Lanze für die Polarisierung, als er in ihr eine grundlegende Bedingung für demokratisches Handeln sieht. Die Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition beziehungsweise zwischen deren alternativen Programmen bietet der Bevölkerung ja überhaupt erst die Wahlmöglichkeit, die eine mündige politische Beteiligung erlaubt. Dabei wird die Komplexität der jeweiligen gesellschaftlichen Situation so verkürzt, dass sie auf wenige Optionen des Handelns reduziert ist. Nur so sind Entscheidungen politisch überhaupt zu bewältigen. Erst solche Vereinfachung erzeugt ein übersichtliches Feld, in dem sich wenige, dafür aber klar konturierte Wahlmöglichkeiten gegenüberstehen.

Implosion der Polaritäten

Kumkar bestreitet keineswegs, dass die gesellschaftliche Spaltung in ihrer aktuellen Form ein Problem darstellt. Um dieses zu präzisieren, grenzt er sie denn auch klar ab gegen die Art von Konfrontation, die in einer demokratischen Gesellschaft notwendig dazugehört. Das Kennzeichen der aktuellen Spaltung besteht darin, dass sie eben gar keine konturierten und weiterführenden Alternativen bereitstellt. Die Etablierten verteidigen den bestehenden liberalen Werterahmen, aber auch die Populisten wollen gar nicht über den Status quo hinaus. Und so führt denn ihre Pseudo-Rebellion zu einer «Polarisierung im Leerlauf».

Systemische Voraussetzung dafür ist die Implosion jener grossen Polaritäten, die über das ganze Industriezeitalter hinweg politische Orientierung ermöglicht haben. Kumkar erwähnt ausdrücklich das Ende der UdSSR und den damit verbundenen Bankrott der sozialistischen Utopie. Ebenso gut hätte er das Aufgehen der Arbeiterschaft in der Mittelschicht anführen können, das den Gegensatz zwischen Links und Rechts einebnete. Was als Werterahmen übrigblieb, ist ein Brei unterschiedlich akzentuierter Liberalismen, die alle eine wirklich weiterführende Vision schuldig bleiben.

Die Stunde der Nebelgranaten

Das eben ist die Stunde des Rechtspopulismus. Der füllt die bestehende Lücke und bedient das Abgrenzungsbedürfnis der Menschen, indem er den «liberalen Mainstream» auf die Anklagebank setzt und für praktisch alles verantwortlich macht, was schiefläuft. Die Strategie besteht darin, eine revolutionäre Haltung einzunehmen, ohne konkrete Alternativen zu bieten. Dies läuft auf eine inhaltlich leere Fundamentalopposition hinaus, die letztlich Stillstand bewirkt. 

Die «Alternative für Deutschland» etwa ist keine wirkliche Alternative, weil sie drängende Problemlagen ausblendet und bei dem bleiben möchte, was war. In dieser bloss scheinhaften Abgrenzung, welche an die Stelle eines substantiellen Einspruchs tritt, verortet Kumkar den Kern des Problems. Folgerichtig fordert er die Rückgewinnung einer Alternative, die über das Bestehende hinausführen könnte. 

Ausblicke auf echte Alternativen

Nun ist Kumkar als Sozialwissenschaftler natürlich auf die Position des neutralen, objektiven Beobachters verpflichtet, und die entsprechende politische Beisshemmung hindert ihn daran, eine solche Gegenvision auch nur zu umreissen. Aber möglich wäre das schon: Der liberalen Ideologie ist es seit den Achtzigern gelungen, die Aversionen gegen das «System» ausschliesslich auf politische und juridische Instanzen zu kanalisieren; entsprechend sah sich die Wirtschaft bezüglich Kritik in den toten Winkel gerückt.

Dabei werden gerade dort die entscheidenden Fäden gezogen und schmerzhafte Zwänge erzeugt – erst noch fernab von jeder demokratischen Mitbestimmung. Es ist zudem das Wirtschaftssystem, das mit seinem Wachstumsimperativ die Belastbarkeit der Erde herausfordert. Warum nicht hier ansetzen? Mit einer ganz neuen Vision von Gesellschaft, die sich nicht vorweg als altbackener Sozialismus abtun liesse.

Kumkars Bücher sind nicht leicht zu lesen. Er neigt zu Schlangensätzen, die sogar eine trainierte Aufmerksamkeit herausfordern. Diese Hürde müsste nicht sein, denn auch verschlungene Paradoxien liessen sich anders als in endlosen Satzperioden darstellen.

Dennoch wirkt der ironische Abstand erfrischend, mit dem der Soziologe die oft aufgeschäumten Debatten über den Verlust einer gemeinsamen Wissens- und Wertebasis untersucht. Jenseits von moralischem Eifer und pädagogischem Furor vermag seine systemische Sicht Durchblicke in einer Zone zu schaffen, die gerade von solchen erregten Auseinandersetzungen verdunkelt ist.

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