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Religion und Politik

JD Vance und seine politische Theologie

22. Januar 2026
Erwin Koller
Kirche in Davos
Die Kirche der Freien Evangelischen Gemeinde in Davos wurde der US-Regierung für ihren Auftritt am WEF zur Verfügung gestellt. Die Amerikaner überklebten sie für ihre Zwecke mit einschlägigen Bildern und Botschaften – bis zur Unkenntlichkeit. So wurde die Kirche zu einem Symbol für die Frage, die der nachfolgende Beitrag aufwirft. (AP Photo/Markus Schreiber)

Mit der gegenwärtigen US-Administration ist ein religiöses Selbstverständnis verkoppelt, dessen Wurzeln tief ins Persönliche reichen. Der Sohn einer drogensüchtigen Mutter wird von der Grossmutter erzogen. Seinen Vater kennt er kaum und wächst in desolaten Verhältnissen der abgehängten Arbeiterklasse des mittleren Westens auf.  Die Rede ist von James David Vance, der in drei Jahren Präsident der USA werden will.

Mit der gegenwärtigen US-Administration ist ein religiöses Selbstverständnis verkoppelt, dessen Wurzeln sehr tief reichen. Der Sohn einer drogensüchtigen Mutter wird von der Grossmutter erzogen. Seinen Vater kennt er kaum und wächst in desolaten Verhältnissen der abgehängten Arbeiterklasse des mittleren Westens auf. 

Er verpflichtet sich zu vier Jahren Militärdienst in Bush’s Irakkrieg – obwohl er bis heute nicht glaubt, dass die Armee einem Land Demokratie bringen kann. Doch damit erwirbt er sich den Zugang zu Bildung und zum Studium der Rechtswissenschaften an der Elite-Universität von Yale. Er absolviert es mit Fleiss, Erfolg und einem frühen Instinkt für Politik. 2016 verfasst er das berühmte Klagelied über die Entfremdung der Menschen vom alten liberalen System und landet mit dieser jungen Autobiographie einen Weltbestseller. Die Klage erscheint schon ein Jahr später auf deutsch: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise (Berlin 2017).

Warum der Liberalismus gescheitert ist

Das Klagelied ist gerade nicht die Tellerwäscher-Legende vom gesellschaftlichen Aufstieg, der in US-Amerika angeblich jedem offen steht. Vielmehr lokalisiert Vance den Parasiten, den Hitler im Judentum verortete, im Liberalismus und folgt damit dem einflussreichen Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel, der den liberalen Westen als gescheitertes Projekt betrachtet und im Namen des «Postliberalismus» einen Zirkel reaktionärer Denker um sich schart. Dort werden auch alte Europäer wie Ernst Jünger und Carl Schmitt analysiert und adaptiert – gegen den Geist der Universitäten, der Medien und anderer «Konformitätsmaschinen». 

Folgerichtig führt die Suche des vaterlosen Jungen nach Vorbildern schon bald in eine neu-alte religiöse Welt. JD Vance konvertiert zur katholischen Kirche: «Ich hatte die Tugend gegen den Erfolg eingetauscht – und letzteren als unzureichend empfunden», bekennt er zerknirscht. Patrick Deneen, Theologieprofessor an der katholischen University of Notre Dame, baut mit seinem Buch «Warum der Liberalismus gescheitert ist» die Brücke zu Vance’ politischem Bewusstsein: Der Liberalismus zerstört die sozialen Bindungen, die Familie, die Gemeinschaft. Darum misstrauen viele Bürgerinnen und Bürger dem liberalen Staat und seinen Institutionen.

Die Rangordnung der Liebe und die Hassordnung der Politik

Gegenüber einer unbegrenzten Verpflichtung zu christlicher Solidarität – säkular ausgedrückt: gegen den liberalen Grundsatz der gleichen Menschenrechte für alle und dem daraus folgenden Respekt vor der Menschenwürde – führt Vance den Kirchenvater Augustinus ins Feld. Dieser weise in seiner «Ordo amoris» (Rangordnung der Liebe) auf die begrenzten Kräfte unsere Sympathie hin: Sie gelte primär unseren Nächsten, dann unseren Freunden und Bekannten, nicht in gleicher Weise jedoch den Fernen und Fernsten. Neu ist diese psychologisch nachvollziehbare Auslegung nicht, neu ist, dass Vance daraus eine Hasspredigt ableitet: Er erklärt Empathie zur Sünde und verweist auf Augustinus, wenn Flüchtlinge rücksichtslos ausgeschafft werden und ein ICE-Beamter eine wehrlose Bürgerin brutal niederschiesst. Derselbe Vance hatte Trump nach dem ersten Wahlsieg noch eine «moralische Katastrophe» genannt. Nun hat er sich selbst dort eingereiht, was für eine Wetterfahne! Das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter und die Lehre des Paulus, dass die Agape, das Liebesgebot, für alle Menschen ohne Unterschied gelte, sind klare Zeugnisse gegen eine solche Kultur der Verachtung und bestätigen die Maxime, die schon die Bibel der Hebräer festhält: «Liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst» (3˚Mos˚19,18).

Viele mögen sich an ein Bild aus den letzten Tagen von Papst Franziskus erinnern. Es zeigt, wie JD Vance neben dem Sterbebett von Franziskus sitzt, fast schüchtern, wie ein Oberministrant. Was das Bild nicht zeigen konnte und was auch die Fernsehkommentare kaum erwähnten, ist die Entschiedenheit, mit der Franziskus gegen die Ordo-amoris-Interpretation von Vance Stellung bezogen und den US-amerikanischen Bischöfen den Auftrag gegeben hatte, dies der amerikanischen Öffentlichkeit laut und deutlich zu verkünden. Der amerikanische Papst Leo XIV. hat seinerseits bald nach dem Amtsantritt unzweifelhaft beigepflichtet, dass es hier um den Kern des Christlichen geht.

Der Tec-Apokalyptiker Peter Thiel

Geradezu gespenstisch erscheinen vor diesem Hintergrund die theologischen Theorien des Taktgebers Peter Thiel. Er bezieht sich auf das Auftreten des Antichristen, wie es in 2˚Thess˚2,3-8 geschildert wird. In dieser schwer zu deutenden Abhandlung geht es um einen «Katechon», um eine geheime Macht, welche die Wiederkunft Christi niederhält und verzögert. Er hält also die endgültige Offenbarung auf, welche die frühen Christen als Erlösung erhofften, die jedoch im Mittelalter zur drohenden Apokalypse uminterpretiert wurde. So ist denn auch diese verzögernde Macht von den Apokalyptikern aller Zeiten je unterschiedlich interpretiert worden. 

Einigermassen wagemutig deutet Peter Thiel den «Katechon» um zum produktiven Antrieb der Geschichte. An die Stelle der ursprünglich christlichen Lesart setzt er eine identitäre Pseudotheologie. Der «Katechon» ist das, was Gesellschaften wehrhaft macht, Innovationen vorantreibt und technischen Fortschritt bewirkt. Für Thiel sind darum die Tech-Nerds die Aufhalter der drohenden Apokalypse, die Gegner des Antichristen. Das trifft sich im Übrigen gut mit der ultranationalistischen Philosophie der russischen Rechten: Auch Alexander Dugin, ein einflussreicher Vordenker des dortigen Nationalismus, sieht das orthodoxe Christentum als Aufhalter des Antichristen. (Zu dieser christlich gefärbten Verbrämung des politischen Kulturkampfs vgl. Florian Baab: Peter Thiel und die Apokalypse. Oder: Ideologiekritik als Aufgabe der Theologie. www.feinschwarz.net, 2.˚Januar 2026.)

Fromme Milliardäre im Oval Office lösen das Bündnis von Thron und Altar ab

Vance ist mit seinem Postliberalismus ein intellektueller Kopf der US-Administration. Sie macht sich die Religion zu eigen und instrumentalisiert sie im Kampf gegen ihre Feinde, also gegen alle, die ihre Meinung nicht teilen. Und Thiel, Musk und andere Milliardäre entwickeln damit ihr Geschäftsmodell weiter – bis sie auf einem Stück Grönlandeis ihr erträumtes Steuerparadies errichten können. Nur: Religion und Macht hatten sich schon in früheren Imperien die Hand gereicht. Trügerisch war freilich die Meinung, die Aufklärung hätte uns weitergebracht.

Man kann wohl Thomas M. Schmidt zustimmen, wenn er schreibt: «Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Rolle von Religion in der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratie darf nicht ideologisch motivierten Autodidakten überlassen werden, die das Christentum als Fundgrube für ihre zusammengebastelte Modernitätskritik benutzen. Der Streit über die Zukunft des Liberalismus braucht die genuine Expertise professioneller Theologie.» (Thomas M. Schmidt: Postliberalismus und Religion. Zur politischen Theologie US-amerikanischer Kritiker der liberalen Demokratie, feinschwarz, 23. Oktober 2025. – Die Internetzeitschrift «feinschwarz» hat das Verdienst, sich seit längerer Zeit intensiv mit den traditionalistischen bis reaktionären Auswüchsen der Politischen Theologie, welche die US-Kirche stark beeinflussen, auseinanderzusetzen; vgl. auch Kerstin Kohlenberg: Wie gefährlich ist JD Vance. Die Zeit 15. Jan. 26.)

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