Während drei Viertel der iranischen Bevölkerung in politischer und wirtschaftlicher Lähmung verharren, floriert eine Parallelwirtschaft, die von den Sanktionen profitiert und selbst Starlink-Satelliten für Protestierende ins Land schmuggelt. Die Islamische Republik kollabiert – aber nur zur Hälfte.
Die Zahlen zeichnen das Bild einer tief gespaltenen Nation: 13,5 Millionen Iraner stimmten bei der Präsidentschaftswahl 2024 noch für den rechtsextremen Khamenei-Vertrauten Said Jalili. 150’000 hauptamtliche Basij-Milizionäre stehen bereit, fast eine Million sind als Reservisten registriert. Der «kämpfende Klerus» verfügt über zahlreiche Bildungsstätten und kontrolliert weite Bereiche der Medien. Fast 20 Prozent der Bevölkerung, 18 bis 19 Millionen Menschen, leben mittlerweile im Grossraum Teheran, wo eine von Generation Z geprägte urbane Kultur auf eine überalterte Elite trifft. Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich mehr als nur ein autoritäres Regime, das sich an die Macht klammert. Es ist eine Gesellschaft, in der sich tektonische Verschiebungen ankündigen – und in der die herrschenden Eliten selbst zum Schauplatz eines fundamentalen Machtkampfes geworden sind.
Ein besonderes Merkmal der iranischen Machtordnung ist das ausgeprägte Elitenbewusstsein ihrer hegemonialen Teile. Diese Eliten, hauptsächlich bestehend aus älteren Klerikern, Militärs und Angehörigen der Islamischen Revolutionsgarden und verbundenen Unternehmern, haben sich weitgehend von der Gesellschaft abgekoppelt. Im Gesellschaftsaufbau klafft zunehmend eine soziale Lücke, insofern die Mittelschicht stark an Reichweite, Einfluss und Integrationsfähigkeit verloren hat. Analog existiert eine Alterslücke: Die Eliten sind im Verhältnis zur Gesellschaft stark überaltert, während die neuen urbanen Kulturen von einer sehr jungen Generation geprägt werden. Korruption und soziale Blockade erschweren zunehmend den sozialen Aufstieg und verunmöglichen damit Zukunftsplanungen selbst derjenigen, die noch in der Mittelschicht beheimatet waren oder noch sind.
Die Architektur privilegierter Macht
Die Architektur der Macht in Iran ruht auf einem Dreieck aus Klerus, Revolutionsgarden und privilegiertem Unternehmertum. Gemeinsam kontrollieren sie geschätzte 40 Prozent der Wirtschaft durch ein System von massiv privilegierten ökonomischen Zonen, die gegenüber der breiten Wirtschaft – einschliesslich der der traditionellen Bazaris – bevorzugt behandelt werden. Zu diesen Privilegienzonen gehören vor allem die subventionierten, steuerbefreiten und mit Vorzugsverträgen ausgestatteten Bonyad-Unternehmen sowie die Wirtschaftskonglomerate, die den Revolutionsgarden unterstehen und wie die Bonyads die Schlüsselressourcen kontrollieren, einschliesslich der Erdöl- und Erdgaswirtschaft.
Ein Corpsgeist, geschmiedet in gemeinsamen militärischen Erfahrungen in den Revolutionsgarden und der Armee, hält diese Elite zusammen. Die Triangulierung von Teilen des Klerus, des Unternehmertums und der Sicherheitsorgane hat ein Netz von Beziehungen und Funktionen geschaffen, das die Eliten weitgehend von der Gesellschaft abschottet. Es sind Netzwerke, die Loyalität, Kontrolle und Ressourcen bündeln und eine autoritäre Machtordnung stabilisieren.
Doch während in den vergangenen Monaten die Versorgungskrise sich verschärfte, Grundnahrungsmittel wie Zwiebeln und Tomaten von den Märkten verschwanden und nach Russland exportiert wurden, während die radikale Geldentwertung grosse Teile der Bevölkerung, die über keine Devisen verfügen, faktisch geldlos machte, profitiert ausgerechnet diese Parallelwirtschaft von den internationalen Sanktionen. Sie kontrolliert die Umgehungsgeschäfte und bedient einen für sie enorm lukrativen Schwarzmarkt – eine bittere Ironie der Weltpolitik. Angesichts dieser unverhohlenen Privilegierung der Parallelwirtschaft werden Armut, Inflation und Ressourcenknappheit zunehmend als Ausdruck einer wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft erlebt. Der wirtschaftliche Kollaps wird von vielen als Kollaps der individuellen Lebensordnung empfunden. Die Kommunikationsblockade im Land hat dazu geführt, dass die Bevölkerung sich nicht einmal mehr an Geldautomaten mit Bargeld versorgen kann.
Das Land kollabiert allerdings nur zur Hälfte. Die Parallelwirtschaft und die Elitengesellschaft, die noch immer über eine breite Klientele unter der Bevölkerung verfügt, bestehen weiter, während drei Viertel der Bevölkerung in einem Zustand politischer, wirtschaftlicher und sozialer Lähmung leben.
Risse im System
Doch das vermeintlich monolithische Elitenkonstrukt zeigt Risse. Die Mittelschicht hat nicht nur an ökonomischer Substanz verloren, sie hat auch ihre traditionelle Funktion als Bindeglied zwischen Elite und breiter Bevölkerung eingebüsst. Nicht nur die Bazaris, die einst die Schaltstellen des Aussen- und Binnenhandels besetzt hielten, sondern auch nichtprivilegierte Teile der Wirtschaft gehen auf Distanz zu diesem Netzwerk der Korruption und Machtkonzentration. Die Bruchlinie verläuft mittlerweile quer durch alle drei sozialen Felder des Machtdreiecks.
Besonders bemerkenswert ist die wachsende Zahl iranischer Kleriker, die sich nicht nur von der khomeinistischen religiösen Ideologie distanzieren, sondern auch von dem Milieu der Systemkleriker, für die Khamenei der unbestrittene Erbe der «Islamischen Revolution» ist. Die Kleriker, die etwa 27 Prozent der Staatsfunktionen einnehmen, verlieren deutlich an Einfluss in der Regierung. Waren anfangs 50 Prozent der Parlamentarier Kleriker, so sind es heute nur noch knapp 10 Prozent. Es gibt somit einen Prozess schleichender Laizisierung, der mit der säkularistischen Haltung vieler Protestierender korrespondiert.
Diese innere Erosion zeigt sich auch in einem subtilen Detail, das die Absurdität der Lage unterstreicht: Man munkelt, dass kürzlich fast 20’000 Empfänger für Elon Musks Starlink-Satelliten, deren sich die Protestierenden bedienen, um überhaupt noch nach aussen zu kommunizieren, durch Institutionen der Schattenwirtschaft ins Land geschmuggelt wurden. Das Regime untergräbt sich selbst, indem es seinen Gegnern die technischen Mittel des Widerstands verschafft.
Messianismus gegen Pragmatismus
Besonders aufschlussreich ist die Spaltung innerhalb der Revolutionsgarden selbst. Die Systemkonformität weiter Teile der Eliten spiegelt sich zwar in einer einhelligen Zustimmung zur religiös-ideologischen Programmatik des Regimes. Doch auch hier muss differenziert werden. Es sind vor allem gewichtige Fraktionen innerhalb der Revolutionsgarden, die den messianischen Aspekt der Neudeutung der schiitischen Tradition durch Khomeini herausstellen und mit einer eigenen Militanz organisieren. Die al-Quds-Brigaden bildeten hierfür einen wesentlichen Baustein.
Für diese Fraktionen gibt es eine unauflösbare Beziehung zwischen der imperialen Wiedergeburt Irans und der aktiven Vorbereitung der Welt für die erwartete und erhoffte Wiederkehr des zwölften Imams aus der Verborgenheit. In ihren Augen hat Iran eine religiöse Heilsfunktion, die nur durch aktive Militanz erfüllt werden könne. Diese ultranationalistische Deutung der Schia verbindet messianische Eschatologie mit iranischer imperialer Identität zu einer gefährlichen ideologischen Mixtur.
Von dieser Deutung distanzieren sich allerdings andere Teile des Establishments der Revolutionsgarden, wohl wissend, dass dieser Ultranationalismus den Fortbestand der Ordnung der Islamischen Republik gefährden kann. Diese Kritiker sehen sich als Sachwalter des innergesellschaftlichen Anliegens der islamischen Revolution, und diese Haltung drückt sich in einer rechtsnationalistischen, autoritären Gesinnung aus, in der der schiitische Islam zum Träger einer iranischen Nationalkultur wird – nicht zum Instrument weltrevolutionärer Militanz. Es ist der Unterschied zwischen einem heilsgeschichtlichen Auftrag und einem nationalen Projekt, zwischen Apokalypse und Staatsräson.
Die Eliten in Iran bilden also keine hermetisch geschlossene Ordnung. Die internen Brüche können für die Zukunft der Protestbewegung wie der Ordnung der Islamischen Republik massgeblich sein.
Die Gorbatschow-Option
In dieser Gemengelage eröffnet sich ein bemerkenswerter Handlungsspielraum. Dass hieraus auch bei den Eliten neue Strategien auftauchen, deutet sich in der anlaufenden Diskussion um mögliche präventive Verhandlungen des Regimes mit den USA bezüglich des Atomprogramms an. Präsident Mas'ud Pezeshkian sucht in solchen Verhandlungen neue Legitimität für die Regierung – explizit nicht für das System der «Islamischen Revolution».
Es gibt zwischen dem System der «Islamischen Revolution» – bestehend aus Revolutionsgarden, Basij und «kämpfendem Klerus» – und dem System der Regierung, repräsentiert durch Staatsverwaltung und Regierungsorgane, in Iran zwar eine ideologische Konformität, doch zugleich eine sich polarisierende Divergenz. Pezeshkian sieht die Chance, durch Verhandlungen der den Staat repräsentierenden Regierung neue Legitimität zuzuführen, indem die Regierung als Verhandlungspartei in der Atomfrage durch die USA und europäische Länder Anerkennung findet. Das Revolutionssystem hingegen stellt die ideologische Ordnung über die Interessen der Regierung und distanziert sich von Verhandlungsplänen, was dem Krieg eine neue Rechtfertigung verleihen könnte.
Solche Verhandlungen sind daher auch eine Parteinahme im internen Machtkampf in Iran. Sie würden mehr bedeuten als Diplomatie – sie wären der Versuch, das System der Staatsverwaltung vom System der Revolutionsgarden zu emanzipieren, die ideologische Konformität durch pragmatische Divergenz zu ersetzen. Eine politische Aufwertung der «Regierung» aber macht nur Sinn, wenn sich dadurch neue Koalitionen mit der Protestbewegung bilden könnten.
Die entscheidende Frage lautet: Kann aus dieser Spaltung der Elite eine Koalition mit der Protestbewegung entstehen? Eine Spaltung der Ordnung der Islamischen Republik käme einem Putsch gleich. Dann stünde die reguläre Armee vor der historischen Entscheidung, ob sie zugunsten der «Regierung» eingreift – und ob sie es Pezeshkian oder einem anderen Politiker in ihrem Schutz ermöglichen würde, als ein iranischer Gorbatschow eine Perestroika der Islamischen Republik einzuleiten.
Die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet jene 20’000 Starlink-Empfänger, die Protestierende nutzen, um die Kommunikationsblockade zu umgehen, mutmasslich von Institutionen der Schattenwirtschaft ins Land geschmuggelt wurden. Das Regime untergräbt sich selbst, während es sich zu verteidigen glaubt. In einem Land, das nur zur Hälfte kollabiert, könnte die andere Hälfte unversehens zum Katalysator des Wandels werden – nicht trotz, sondern wegen ihrer Verstrickung in das System, das sie eigentlich stützen soll. Die Frage ist nicht mehr, ob das System der Islamischen Republik zerfällt, sondern wann und in welcher Form – und ob aus diesem Zerfall eine Transformation oder ein neuer Autoritarismus erwächst.