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Janet Mueller im Museum Bickel

«Ich kann nicht nicht gestalten»

5. April 2026
Urs Meier
Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht (Foto © Nicole Rampa)

Janet Mueller bekommt in Walenstadt ihre erste museale Einzelausstellung. Zu entdecken ist ein Œuvre von seltener Intensität und Eindringlichkeit, in welchem die Künstlerin in radikaler Weise sich selbst erforscht und nach Wahrheit sucht.

Überschrieben ist die Werkschau Janet Muellers mit «Unter die Haut», und ohne Zweifel ist Muellers eigene Haut gemeint. Tatsächlich ist das unruhige Innere der Künstlerin im Grunde der einzige Gegenstand ihrer Malereien. Das meiste, was sich in der zum Museum umgestalteten Industriehalle in Walenstadt präsentiert, ist aus einem impulsiven und sehr körperlichen Schaffensprozess hervorgegangen. Man sieht es den Bildern an, dass sich die Malerin bis zur Erschöpfung verausgabt hat. Von sich selbst sagt sie: «Ich kann nicht nicht gestalten.» Sie setzt ihre physischen Kräfte und geistigen Energien aus sich heraus, verdichtet sie zum Objekt, das sie als objektiviertes, gegenüber gestelltes Selbst wiederum zu einer künstlerischen Antwort herausfordert. 

Janet Mueller
Foto © Nicole Rampa

Aus diesem Selbstgespräch entstehen Serien wie «Gefühlsdschungel», grossformatige gestische Malereien, deren Farben oft von Hand aufgetragen sind. Eine 2022 bis 2024 entstandene kleinformatige Reihe heisst «Das Tier in mir». Und auch die häufig vorkommenden Clownsujets verweisen auf die Künstlerin selbst. «Es sind alles Selbstporträts», sagt sie über ihre Figurenbilder. 

Entblössungen

Janet Mueller exponiert sich. Mit den grotesken Pinocchio-Nasen, mit denen sie ihre Selbstbilder immer wieder versieht, zeiht sie sich quasi selbst der Lügenhaftigkeit. Die Malerin stellt sich so dem Umstand, auf den alle um Wahrhaftigkeit ringende Selbstdarstellung, sei es in Literatur oder bildender Kunst, zwangsläufig stösst: Niemand kennt sich so restlos, dass ihm die ganze Wahrheit über sich selbst zugänglich wäre – und die meisten wollen sie auch nicht kennen oder zumindest nicht zu erkennen geben. Das Pinocchio-Syndrom lauert hinter jeder Selbstdarstellung.

In den nackten Frauenfiguren zeigt sich vordergründig eine offensive Inszenierung der eigenen Sexualität. Im Hintergrund, so ist aus den «verunsicherten» Darstellungen zu lesen, geht es aber auch hier um ein Ringen mit der Wahrheit über sich selbst. Die Gleichzeitigkeit von Zeigen und Verdecken, von Begehren und Verletzlichkeit steht für eine Suche nach sich selbst, die weder Harmonisierung noch Beruhigung duldet.

Janet Mueller
Foto © Nicole Rampa

Immer wieder sind Muellers menschliche Gestalten in sich selbst gekrümmt. Bei den als vergrösserte Zeichnungen direkt auf die Wände aufgebrachten Figuren am Eingang der Ausstellung (Bild ganz oben) ist das Kauern auf die Beengung zurückzuführen, die von der Wandhöhe gegeben ist. Bei kleineren Bildformaten scheint es sich bei den gekrümmten Posen eher um eine Schutzhaltung zu handeln. Die Menschengestalten schirmen sich gegen ein «Aussen» ab, in dem sie nicht zuhause sind, das sie vielleicht sogar als feindlich empfinden. In mehreren Stücken von Muellers Œuvre erscheint in einzelnen Schlieren oder Pinselhieben eine schreiend neonrote Signalfarbe; sie deutet auf unbestimmte und deshalb umso bedrohlichere Gefahren hin. 

Suche nach dem verlorenen Du

Ist die Aufmerksamkeit ganz von dem, was unter der Haut ist, in Anspruch genommen, so wundert es kaum, dass ein «Aussen», die Welt ausserhalb des Selbst in dieser Kunst anscheinend keinen Ort hat. Einzig der kryptische Bild- und Objekttitel «Ich und Du» deutet auf ein Gegenüber hin, das nicht Spiegelung des Selbst ist. Janet Mueller deutet nur knapp an, dieses Du sei ihr verstorbener Bruder. Er ist in der Ausstellung als der grosse Abwesende heimlich präsent. Sein Name Nico erscheint an verborgener Stelle, nämlich eingeritzt ins gelbe Sitzbrett einer der beiden Schaukeln, die im grössten Raum von den Besucherinnen und Besuchern «auf eigene Gefahr», wie es vorsichtshalber heisst, benützt werden dürfen.

Die zwei Schaukeln hängen einander gegenüber und laden so zum getrennt-gemeinsamen Fliegen ein. Jeder macht seine Schaukelerfahrung für sich selbst und hat vor Augen den Andern, der das gleiche tut, wobei er nur ahnen kann, wie der Andere das Schaukeln erlebt – ein Setting der sinnlichen Erkundung dieses «Ich und Du». 

Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht (Foto © Nicole Rampa)

Wer da schaukelt, bewegt sich parallel zur Rückwand des Ausstellungsraums. Über die ganze Breite der Fabrikhalle hat Janet Mueller eine Bildtapete aufgebracht, die sie aufgrund von eigenen abstrakten Bildern am Computer erzeugt hat. Mit Montage und Überlagerung entsteht ein zwischen Klarheit und Irritation changierendes Bildelement von ungefähr zwei mal zwei Metern, das Janet Mueller in der Folge vielfach spiegelt, invertiert und wiederholt. Aus diesem Verfahren geht ein raumbreites, wandhohes Bilderband hervor. An den Seiten ist es durch die die gegebene Wandbreite gekappt – man hat den sichtbaren Abschnitt eines als unendlich vorzustellenden Bandes vor Augen.

Die Suggestion, vor diesem Wandbild zu schaukeln, möchte die Besucher in Bewegung setzen, sie aus der museumstypischen Erstarrung vor den Bildern herausholen und mit dem rhythmischen Pendeln ihren Blick auf die Kunst mobil machen. Im Grunde verlangt die ganze Ausstellung diese Art der Wahrnehmung. Da schon die Künstlerin mit hohem Einsatz aus dem Körper heraus gearbeitet hat, kann auch die Betrachtung ihrer Werke eigentlich nur physisch bewegt erfolgen. Es gibt keinen vorgegebenen Parcours in der einstigen Fabrikhalle, man wendet sich hier- und dorthin, kehrt wieder zurück und vergleicht, betrachtet schon Gesehenes nochmals neu. Und dadurch wird die mobile Betrachterin zur bewegten Mit-Schöpferin.

 

Janet Mueller
1975 in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen, zog Janet Mueller 1999 in die Schweiz, wo sie seit einem Jahrzehnt als Künstlerin tätig ist. Ihren Weg zur Kunst fand sie als Autodidaktin und aus einem inneren Drang heraus, der ihre Praxis bis heute prägt. Trotz Ausstellungsbeteiligungen an bekannten Institutionen wie dem Helmhaus Zürich oder dem Kunst(Zeug)Haus Rapperswil fehlte bislang eine umfassende museale Einzelausstellung. Nun zeigt das Museum Bickel erstmals die innere Kohärenz ihres Œuvres. In der Ausstellung «Unter die Haut» werden neben neuen auch ältere Arbeiten gezeigt, ergänzt durch Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen.

 

Janet Mueller: Unter die Haut
Museum Bickel Walenstadt
bis 9. Mai 2026
Kuratorin: Nicole Rampa
Finissage mit Performance der Künstlerin (sie häutet das Wandbild ab, dessen Teile die Besuchenden dann mitnehmen können): 
Samstag, 9. Mai 2026, ab 16 Uhr

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