Zweierbeziehungen können ganz schön kompliziert sein. Oder einfach nur ganz schön … Das gilt in besonderem Masse auch für die Beziehung zwischen zwei Menschen auf der Bühne. Zum Beispiel zwischen einem Pianisten und dem Sänger. Daniel Heide ist einer dieser Pianisten, die mit sicherem Gespür und grossem Einfühlungsvermögen Sänger auf ihrem Weg durch die Wunderwelt des Liedes begleiten.
Wir treffen uns an der Schubertiade in Schwarzenberg im Bregenzerwald, zwischen der Probe am Mittag und dem Konzert am Nachmittag. Daniel Heide wird dann zusammen mit Andrè Schuen Lieder von Franz Schubert interpretieren. Schuen gehört zu den Stars der jüngeren Generation der Baritone und bereits seit 17 Jahren treten die beiden miteinander auf.
Das Lied als Teil des grossen Ganzen
Wie aber ist Daniel Heide überhaupt zur Musik und zu den Liedern gekommen? »Also ich liebe das Musizieren und ich liebe das Spielen vor Publikum. Mit gefällt auch das Spiel mit den Energien der Leute, um daraus etwas entstehen zu lassen», sagt Heide. Klavierspielen hat er schon als kleiner Bub gelernt. Später hätte er sich vorstellen können, in einer Band zu spielen oder als Jazz-Pianist.
Das Spektrum war damals weit – und ist es immer noch. «Die Lieder sind ein Teil des grossen Ganzen», sagt er in Bezug auf das Klavierspiel. Inzwischen gehört Daniel Heide längst zu den besten klassischen Solisten und zu den renommiertesten Liedbegleitern. Diese Lieder beruhen auf Klassik-Texten, es sind Gedichte und Balladen von Goethe über Schiller bis zu Heinrich Heine. Das ist anspruchsvoll und gerade einer jüngeren Generation kaum mehr vertraut. Wie erreicht man da sein Publikum? Daniel Heide sieht das pragmatisch: «Es gibt in den Liedern die Text-Ebene, aber auch die reine Herz-Ebene. Wenn man den Text nicht komplett verstanden hat, ist es nicht so schlimm. Man kann es spüren. Der Säger sollte so singen und zusammen mit dem Pianisten so musizieren, dass in den Schwingungen der Töne, die sie erzeugen, all das schon drinsteckt, was der Text aussagt. Dass man also ahnen kann, hier geht es um Trost oder um Liebe oder Transformation.»
Partnersuche
Eine wesentliche Rolle spielt dabei natürlich auch der jeweilige Sänger. Und da hat sich Daniel Heide schon in jungen Jahren während des Studiums an grossen Namen orientiert. «Ich kannte die Liedaufnahmen von Jessye Norman oder Dietrich Fischer-Dieskau … Dieser Ausdruck! Diese Deutlichkeit im Intellekt und der Musikalität, die hielt ich für die Null-Linie … und sagte: Auf diesem Niveau steigen wir ein!» Die Realität sah dann etwas nüchterner aus. «Ein kleines Lied in der ‘Winterreise’ das kriegt man ungefähr so hin, wie es sein soll. Aber jeder Sänger klingt anders. Und der junge Sänger, den man irgendwo trifft, klingt halt, wie er ist und wie seine Möglichkeiten in diesem Moment sind. Da war ich wohl als junger Mann ein bisschen ungerecht, wenn ich in den ersten Liederproben dachte: Der klingt ja gar nicht wie Peter Schreier oder Herman Prey … und dann die Einsicht: Eigentlich gefällt er mir trotzdem ganz gut!» Lieder spielen wollen bedeute also für jemanden, der eine Vision oder einen Anspruch hat, vor allem einmal: Suchen. Auch das Suchen nach einem Gesangspartner. «Man studiert in einer Stadt, da gibt es schliesslich auch andere Studenten und wenn kein passender Partner da ist, sucht man in der Nachbarstadt oder im Ausland.» Das sei ein sehr langer Weg gewesen, sagt Heide. «Da gab es Jahre, in denen ich gar keine Lieder gespielt habe und dachte: Schade, das hast du dir anders vorgestellt …» Dann die Wende! «Durch einen reinen Zufall bin ich 2009 an der Sommerakademie in Salzburg Andrè Schuen begegnet und es durchzuckte mich: diese Stimme! Er sang in einem Abschlusskonzert und ich spielte in anderer Besetzung. Da erinnerte ich mich sofort daran, wie gern ich doch die Lieder habe und dass mir leider noch nicht das Glück zuteilwurde, einen Sänger oder eine Sängerin zu treffen, die mein Herz erfüllt, wenn ich die Stimme höre. Bei Schuen wusste ich: Sein Singen gefällt mir, also wird es auch anderen gefallen.» Liebe auf den ersten Ton, könnte man sagen …
«Inzwischen arbeiten wir schon seit 17 Jahren zusammen. Die Reise war lang und sie dauert noch an. Es begann mit Kontaktaufnahme, E-Mail-Schreiben, ein Treffen verabreden, und dann die Frage, ob wir es mal probieren wollen, zusammen zu spielen …? Es ist wie bei einem Date. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass man sich gegenseitig schätzt. Das muss man ausprobieren. Ausserdem stellte sich in Salzburg die Frage: Hat Schuen vielleicht schon einen Klavierpartner? Kann man da einfach dreinfahren? Und tatsächlich: Als einer der besten Sänger am Mozarteum hatte er damals noch keinen festen Klavierpartner! Unvorstellbar! Dann ging Andrè Schuen nach Graz ans Opernstudio und ich wohne in Weimar. Zuhause war er auch noch in Südtirol, das sind 1000 km oder mehr!» Also schwierig. Aber nicht unüberwindbar. «Wir trafen uns ab und zu, immer in der Hoffnung, dass man das Niveau erreicht, um hier zu landen.» «Hier», das ist die Schubertiade, seit nunmehr 50 Jahren sozusagen der Olymp des Liedes. Das alles ist nun schon 17 Jahre her. Andrè Schuen hat sich an der Schubertiade seither ebenso etabliert wie Daniel Heide. Gemeinsam oder mit anderen Lied-Partnern. Und nicht nur dort ...
Von einem Sänger zum anderen
Und wie ist es, wenn man Lieder oder ganze Programme mit einem bestimmten Sänger zusammen einstudiert und erfolgreich aufgeführt hat, und dann wechselt der Sänger. Wie gross ist da der Unterschied? «Das ist etwas sehr Lehrreiches», sagt Heide spontan. «Sänger und Pianist reagieren nicht in derselben Weise aufeinander. Mein Instrument ist ‘aussen’, ich kann mich durch Fingerspiel anpassen. Der Sänger hat seine Stimme und seine Atemmöglichkeiten und nutzt sie so, wie sie ihm nun mal gegeben sind. Genauso spielen wir’s dann. Es gibt Kollegen, die sagen, das musst du mit den Sängern ausdiskutieren und ihnen erklären, dass sie es so oder so machen müssen. Und ich sage: Pustekuchen! In so einem Fall besteht die Kunst eher darin, eine andere Klanglichkeit sofort zu seiner eigenen zu machen: dieses Lied etwas leiser, das andere stärker, aber auch das Narrativ zu bedienen, dass ein Lied in sehr verschiedenen Versionen funktionieren kann.»
Diese Einstellung hat sich Daniel Heide schon sehr früh zu eigen gemacht. «In meinem Elternhaus wurde viel musiziert. Meine Mutter war eine Chansonnette und da ging es beim Musizieren eher ums Emotionale als um stilistische Richtigkeit. Da wurde im besten Sinne musiziert, mit Geschmack und Gefühl. Also was Wiener Klassik angeht, die habe ich ausgiebig studiert und kenne alle Aspekte des Artikulierens. Und wenn man es mit einem Tenor mit schlanker Stimme und weniger Atem zu tun hat, dann spielt man didididirili … und wenn ein Bass-Bariton kommt, dann ist es halt dadadadida … das sind ganz natürliche Transformationen.»
Lust auf Fleiss
Und wie steht es um den Gesangsnachwuchs im Bereich Lieder? «Also man müsste ja glauben, dass hier an der Schubertiade junge exzellente Talente am Künstler-Eingang für ein Engagement Schlange stehen …, aber das ist nicht der Fall. Sänger wie Andrè Schuen gibt es sehr selten. Man denkt, heute ist die ganze Welt vernetzt und Talente könne man auch in Neuseeland oder sonstwo finden. Aber dem ist nicht so. Diejenigen, die das auf hohem Niveau schaffen, kann man an einer Hand ablesen. Und zur künstlerischen Eignung gehört vor allem auch Fleiss. Wenn man Andrè Schuen oder Konstantin Krimmel nimmt, auch Samuel Hasselhorn oder Julian Prégardien, dann ist das wie beim Radrennen: Das ist eine Spitzengruppe, die um Stunden vorausflitzt. Die werden überall engagiert und gut bezahlt. Das müssen die jungen Nachwuchssänger sehen und sagen: Da will ich dazugehören. Und neben der künstlerischen Eignung braucht es vor allem Fleiss. Dann werden auch die Talentsucher aufmerksam. Andrè Schuen ist ein Beispiel dafür, auch für die Lust auf Fleiss.»
Daniel Heide und Andrè Schuen haben inzwischen ein beachtliches Repertoire zusammengestellt. «Wir haben 16 oder 17 komplette Abendprogramme, die Schuen alle auswendig im Kopf hat. Wer sich sagt, man könne ja im Konzert auch Text und Noten vom Blatt ablesen, beschneidet sich selbst. Man darf das Publikum nicht aus den Augen verlieren, nur weil man blättert … »
Daniel Heide hat über die Jahre durchaus seine Erfahrungen mit den singenden Kollegen gemacht. Und ganz spurlos ist die Freude am Singen nicht an ihm als Pianist vorbeigegangen: Bei der Zugabe nach dem Schubert-Singspiel «Die Zwillingsbrüder» verlässt Daniel Heide seinen Flügel, reiht sich unter die Gesangs-Solisten ein und alle singen das Lied vom Lindenbaum. Ganz ohne Klavierbegleitung, und es klingt wunderschön: «Am Brunnen vor dem Tore … da steht ein Lindenbaum …» Und tatsächlich hat Daniel Heide sich bereits ein Repertoire zusammengestellt, unter anderem mit Beethoven- und Schubert-Sonaten, eingebettet in eine Conference, in der er locker über die Stücke redet. Das kommt gut an beim Publikum und ihm selbst macht’s Freude.
Daniel Heide
24. Juli Verbier Festival
24. August Schubertiade Schwarzenberg mit Andrè Schuen