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Klima und Umwelt

Globale Nachhaltigkeit ist möglich

7. April 2026
Jürg Hofstetter
Jörg Hofstetter
Schule Kenia
Eine positive Entwicklung, die unter anderem auch der globalen Nachhaltigkeit förderlich ist: Das Bildungswesen macht Fortschritte. Im Bild: Englischunterricht in einer Einrichtung für Schüler mit Legasthenie in Kenia. (Keystone/AP Photo, Andrew Kasuku)

Hoffnungslosigkeit angesichts von Klima- und Umweltkatastrophen rühren von einseitigen Zustands- und Trendbeschreibungen her. Es gibt bereits viele positive Entwicklungen. Nachhaltigkeit ist bei zielgerichtetem staatlichem und individuellem Handeln möglich.

«Wir haben die Chance, die erste Generation zu sein, die die Umwelt in einem besseren Zustand zurücklässt, als wir sie vorgefunden haben; die erste Generation der Menschheitsgeschichte, die echte Nachhaltigkeit erreichen kann.» Diese Behauptung stellt die Umweltwissenschaftlerin Hannah Ritchie in ihrem Buch «Hoffnung für Verzweifelte» in den Raum. (1) 

Im Kern geht es um die Frage, ob sich der Zielkonflikt zwischen wachsendem globalem Wohlstand und ökologischer Belastung auflösen lässt. Fakt ist: Höherer Lebensstandard führte bislang zwangsläufig zu einem grösseren Fussabdruck durch Ernährung, Mobilität und Produktion, was die Belastungsgrenzen unseres Planeten und des Klimas immer weiter strapaziert.

Laut Hannah Ritchie herrscht der Irrglaube, mangelnde Nachhaltigkeit sei ein rein neuzeitliches Phänomen der industrialisierten Welt; die Vorfahren hätten viel nachhaltiger gelebt. Diese Sichtweise führt sie zurück auf verbreitete Darstellungen von Exponentialkurven, etwa zum rasanten CO2-Anstieg, Erdölverbrauch oder Fleischkonsum. Während diese Diagramme die Dringlichkeit ökologischen Umdenkens unterstreichen, verstellen sie laut Ritchie gleichzeitig den Blick auf mögliche Auswege. «Es sind diese Diagramme, die dazu führen, dass Menschen – vor allem junge Menschen – oft fatalistisch in die Zukunft blicken. Ich gehörte sicherlich dazu.»

Differenziertes Bild von Lage und Trends

Hannah Ritchie, selbst tief im Umweltbereich verwurzelt, vertritt heute eine differenzierte Sichtweise. Um diese besser verstehen zu können, hilft ein Blick auf den Begriff der Nachhaltigkeit. Die Uno hat mit der Agenda 2030 eine umfassende Definition des Nachhaltigkeitsbegriffs veröffentlicht. Aber bereits 1987 hat die Brundtland-Kommission der Uno die Definition von Nachhaltigkeit knapp und verständlich geprägt: «Heute ein gutes Leben für alle, ohne die Chancen zukünftiger Generationen zu gefährden.» (4) Diese Definition ist noch heute Bestandteil aller danach vereinbarten internationalen Umweltabkommen. 

Nachhaltigkeit besteht damit aus zwei wesentlichen Aspekten: Es geht darum, das Wohlergehen für die gegenwärtige Weltbevölkerung zu verbessern und gleichzeitig die Chancen für zukünftige Generationen (Menschen und auch andere Spezies) zu erhalten.

Neben dem Umweltschutz rückt damit ein weiterer Aspekt in den Fokus: das menschliche Wohlergehen. Hannah Ritchie zeigt in «Hoffnung für Verzweifelte» und einem öffentlichen Essay (2), wie sich in den heutigen Industrieländern die Kindersterblichkeit seit Ende des 19. Jahrhunderts und weltweit etwa seit 1950 massiv verkleinert hat. In vielen Kulturen der Welt lag diese lange bei 50 Prozent. Erst in modernen Zeiten konnte diese global auf 4 Prozent reduziert werden. Dieser Rückgang ist eine der grössten Erfolgsgeschichten der modernen Menschheit. Es gibt weitere Erfolgsgeschichten: So konnte weltweit die extremste Armut verringert werden, viele Kinder werden gegen die schlimmsten Krankheiten geimpft, und auch die Schulbildung konnte ausgebaut werden.

Oft werden diese Erfolge in der Nachhaltigkeitsdiskussion übersehen; es wird stark auf Umweltprobleme fokussiert. Der Soziologe François Höpflinger formuliert dies anschaulich so (3): «Die See ist stürmisch geworden, aber unterhalb der Wellen – von den Massenmedien weitgehend unbeachtet – ergeben sich grundlegende und oft positive Gegenentwicklungen.» Mit positiven Gegenentwicklungen meint er ebenfalls den weltweiten Rückgang der Kindersterblichkeit, die Entwicklung der Lebenserwartung und die Bildungsexpansion.

Kritischer Blick auf herrschende Rahmenbedingungen

Trotz positiver Gegenentwicklungen bleibt das fundamentale Dilemma bestehen: Der Widerspruch zwischen wachsendem Wohlstand und dem Schutz unseres Klimas. Genau an diesem Punkt setzt die Datenanalystin Hannah Ritchie an. In ihren Analysen belegt sie eindrucksvoll, dass wir heute erstmals in der Menschheitsgeschichte die Chance haben, diesen Zielkonflikt auf theoretischer Ebene aufzulösen. Dies gibt Hoffnung auf eine nachhaltige Transformation, verlangt aber eine kritische Auseinandersetzung mit der Realisierbarkeit und den notwendigen Rahmenbedingungen einer globalen Umsetzung.

Zumindest darüber ist man sich in der faktenbasierten Nachhaltigkeitsdiskussion einig: Unsere Abhängigkeit von fossilen Ressourcen für Energie und Chemieprodukte (wie Dünger, Plastik oder Pharmazeutika) ist die Wurzel umfassender ökologischer Krisen. Mit dem Klimawandel erreicht diese Problematik eine neue Qualität, weil herkömmliche technische Schutzmassnahmen am Ende der Wertschöpfungskette nicht mehr ausreichen.

Die Bereitstellung von Energie für Wärme, Mobilität und Haushalte gilt seit jeher als Motor der modernen Zivilisation. Nachdem fossile Brennstoffe das System lange Zeit dominierten und erst allmählich durch Wasser- und Kernkraft ergänzt wurden, markiert der Durchbruch günstiger Wind- und Solarenergie sowie moderner Speicher die eigentliche Wende. Dieser technologische Fortschritt erlaubt heute selbst in einkommensschwächeren Regionen ein Wirtschaftswachstum, das Hand in Hand mit sinkenden Emissionen und einer deutlich besseren Luftqualität geht.

Obwohl die Dekarbonisierung unumgänglich ist, greift sie als alleinige Lösung für eine globale, langfristige Nachhaltigkeit zu kurz. Hannah Ritchie erweitert den Blick daher auf kritische Felder wie Entwaldung, Biodiversität und Überfischung. Ein Kernaspekt ihrer Analyse ist die Welternährung: Ritchie legt dar, dass wir bereits heute genug Nahrung für die doppelte Weltbevölkerung produzieren könnten. Das eigentliche Hindernis liege in der ineffizienten Verteilung und dem hohen Fleischkonsum der Industrienationen. Sie ist überzeugt, dass eine gesunde Versorgung ohne massiven Einsatz tierischer Produkte bereits heute realisierbar ist – zumal sich das Bevölkerungswachstum mit steigendem Wohlstand voraussichtlich stabilisieren wird.

Notwendige Politik- und Verhaltensänderung

Indem Hannah Ritchie das Potenzial dieser Entwicklungen aufzeigt, wird sie oft mit dem Vorwurf des Techno-Optimismus konfrontiert. Dabei ist sich Hannah Ritchie durchaus bewusst, dass technologische Lösungen letztendlich nur Werkzeuge sind, die von der Gesellschaft umgesetzt werden müssen, und dass es für eine erfolgreiche Umsetzung zwingend sowohl politische Massnahmen von Staaten als auch individuelle Verhaltensanpassungen braucht. Sie argumentiert, dass individuelles Verhalten allein für eine umfassende Transformation nicht ausreicht; vielmehr sei ein systemischer Umbau der Energie-, Landwirtschafts- und Verkehrssektoren vonnöten. (5)

Ritchie sieht den Staat in der Pflicht, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass jeweils die nachhaltige Option zur einfachsten und günstigsten Wahl wird. Anstatt auf blosse Verbote zu setzen, sollten Gesetze primär Innovationen fördern. Dennoch misst sie dem Individuum eine Schlüsselrolle bei: einerseits durch politische Partizipation für nachhaltige Agenden, andererseits durch die Marktmacht des Konsums. Jede Kaufentscheidung – ob für Elektrofahrzeuge, Solarstrom oder pflanzliche Alternativen – fungiert als Marktsignal, das Innovationen gezielt vorantreibt.

Hannah Ritchie macht Hoffnung, dass eine Transformation machbar ist. Aber wir erleben aktuell auch, wie geopolitische Spannungen und divergierende nationale Strategien diesen Prozess massiv ausbremsen können. Oder wie Ritchie es treffend formuliert: «Die Welt ist immer noch schrecklich, aber die Daten zeigen, dass es viel besser sein könnte.»

Es bleibt unser aller Aufgabe, auch in stürmischen Zeiten Hoffnung zu bewahren und am weltweiten Ziel der Nachhaltigkeit festzuhalten.

(1) Hannah Ritchie, «Hoffnung für Verzweifelte», Piper, 2025 Hannah Ritchie ist Leiterin der Wissenschaftskommunikation bei https://ourworldindata.org/team

(2) Hannah Ritchie, «Can we break the human development-environment trade-off?», Öffentlicher Essay, 2025 https://open.substack.com/pub/hannahritchie/p/sustainable-generation?utm_campaign=post-expanded-share&utm_medium=web

(3) UN Brundtland-Bericht 1987 https://de.wikipedia.org/wiki/Brundtland-Bericht

Uno-Agenda 2030 https://de.wikipedia.org/wiki/Ziele_für_nachhaltige_Entwicklung

(4) Francois Höpflinger, «Hin zu Solidarität zwischen den Generationen», Zenit 2026

(5) Hannah Ritchie, Hoffnung für Verzweifelte, Piper, 2025 Kapitel: Fazit / Drei Gedanken zum Mitnehmen / Es braucht einen Systemwandel

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