US-Präsident Trump hat in Davos und auf der Rückreise von dort sich einmal mehr äusserst despektierlich über Europa ausgelassen. Auch das neue US-Strategiepapier übernimmt diese Tonlage. Fakten über die Nato bleiben dabei weitgehend auf der Strecke.
Das am Freitag (23. Januar) veröffentlichte Strategiepapier des Pentagons (offizielle Bezeichnung «Nationale Verteidigungsstrategie der USA für 2026») fügt sich inhaltlich nahtlos in die Tonlage von US-Präsident Donald Trump während des Forums in Davos ein: Abkehr von Europa. In diesem Dokument wird deklariert: «Da sich die US-Streitkräfte auf die Verteidigung ihres eigenen Gebiets und den indopazifischen Raum konzentrieren, werden unsere Verbündeten und Partner in anderen Regionen die Hauptverantwortung für ihre eigene Verteidigung übernehmen.»
Russland wird als «beherrschbare Bedrohung» dargestellt, die Hauptverantwortung für die Unterstützung der Ukraine liege nun bei den europäischen Nato-Partnern, die zusammen ja ohnehin stärker als Russland seien, sagt das Strategiepapier.
Fakten spielen keine Rolle
Das Dokument liest sich so, als hätten die USA bisher mehr geleistet für die Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Aggressor als Europa. Aber da ignorieren die USA die Fakten: Aus den europäischen Ländern flossen bisher 167,4 Milliarden Euro, aus den USA kamen 114,6. Ausserdem zugesagt sind an Hilfsmitteln aus Europa 257,4 Milliarden, aus den USA 119,0 Milliarden.
Fakten ignorierte Donald Trump auch bei seinen flapsigen Behauptungen in Davos und auf dem Rückflug in die USA, als er behauptete, die europäischen Nato-Mitgliedstaaten hätten sich in der Vergangenheit immer bequem zurückgelehnt und würden die Amerikaner in Zeiten der Not wahrscheinlich im Stich lassen. Das stimmt nicht, denn in entscheidenden Momenten war es um 180 Grad umgekehrt: Es waren die USA, die 2001, nach der al-Qaida-Attacke auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, die Nato-Partner in Europa in die Bündnispflicht nahmen.
Das Beispiel Afghanistan
Diese Pflicht besagt: Wenn eines der Nato-Mitglieder angegriffen wird, müssen die anderen Partner Beistand leisten. Das taten sie alle, die «bequemen» Europäer, indem sie ihre eigenen Truppen an der Seite der USA in den Krieg gegen al-Qaida in Afghanistan schickten, und das über zwanzig Jahre lang. Grossbritannien entsandte am meisten Soldaten, insgesamt mehr als 150’000.
405 Briten starben am Hindukusch, tausende wurden verletzt. Kanada hatte 158 Tote zu beklagen, Frankreich, Deutschland, Italien, Dänemark und Polen je zwischen 86 und 43. Und schliesslich war es US-Präsident Trump, der in seiner ersten Amtszeit den Taliban durch Verhandlungen die Rückkehr an die Macht in Afghanistan ermöglichte und dem zwischenzeitlichen Nachfolger im Präsidentenamt, Joe Biden, die Last eines demütigenden Abzugs der Truppen aus Kabul, einer Kapitulation, überliess. – Das alles scheint bei Donald Trump und seiner ihm ergebenen Entourage entweder in Vergessenheit geraten oder im Ozean des Unwissens untergegangen zu sein.
Falsche Zahlen zur Nato
Auch nüchterne Fakten zur Nato generell werden von der US-Administration unter den Tisch gewischt. Dazu zählen in erster Linie die Aufwendungen für das Militär. Trump behauptete in Davos, die USA würden hundert Prozent des Nato-Budgets bezahlen, alle anderen nichts. Fakt ist: die USA haben ein «Kriegs»-Budget (Trump und Verteidigungsminister Hegseth bestehen ja darauf, dass es jetzt nicht mehr ein «Verteidigungs»-, sondern ein «Kriegs-Departement» gibt) von jährlich ca. 905 Milliarden Dollar. Die europäischen Nato-Partner geben 559 Milliarden aus.
Das ist erstens einmal nicht Null – und zweitens kann man die militärischen Ausgaben der beiden Hemisphären nicht direkt miteinander vergleichen. Denn nur die USA haben Interessen in globalem Ausmass und unterhalten deswegen rund um den Globus mehr als 770 militärische Basen. Diese Stützpunkte mitsamt Besatzung und den durch die Ozeane kreuzenden Flugzeugträgern verschlingen einen Grossteil dieses Budgets von 905 Milliarden.
Und dank dieser globalen Infrastruktur, beispielsweise im Pazifik, können die USA weltweit eine Strategie verfolgen, die mehrheitlich nicht deckungsgleich ist mit den geografisch eher begrenzten Interessen der europäischen Nato-Mitglieder.
Fazit: für das Europa-Bashing der Trump-Administration gibt es keinen belastbaren Grund. Es entspringt, man kann es nicht anders darstellen, schlicht einer Laune des Herrschers im Weissen Haus in Washington.