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USA

Endspurt

1. November 2026
Heiner Hug
Donald Trump
Trump in der Nacht zum Sonntag an der Halloween-Party in Mar-a-Lago, Florida (Keystone/AP/Jacquelyn Martin)

Noch einmal setzt Donald Trump alle Hebel in Bewegung. Er fürchtet nicht nur, dass ein Teil seiner Wählerschaft zu den Demokraten überlaufen könnte. Vielmehr treibt ihn die Sorge um, dass zahlreiche seiner eigenen Anhänger aus Enttäuschung über ihn gar nicht erst zur Wahl gehen. Und eine weitere Frage stellt sich: Wird Trump eine Niederlage anerkennen, sollte er die Zwischenwahlen verlieren? Wohl kaum. Eine Auslegeordnung.

Seine Umfragewerte sind miserabel. Doch die Erfahrung zeigt, dass Trump bei Wahlen häufig besser abschneidet, als es die Prognosen erwarten lassen. Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Republikaner investieren deutlich mehr Geld in die Wahlkämpfe als die Demokraten.

Der amerikanische Kongress besteht aus zwei Kammern: dem Repräsentantenhaus und dem Senat. In beiden verfügen derzeit die Republikaner über eine Mehrheit. Beobachter rechnen damit, dass sie das Repräsentantenhaus verlieren werden. Im Senat hingegen dürfte es für die Demokraten wesentlich schwieriger werden, die Mehrheit zu erringen.

Capitol Hill
Capitol Hill: Der amerikanische Kongress (Keystone/EPA/Samuel Corum)

Repräsentantenhaus: Die Republikaner unter Druck

Es ist beinahe schon Tradition: Bei den Zwischenwahlen muss die Partei des amtierenden Präsidenten Federn lassen. In diesem Fall sind es die Republikaner. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Seit 1934 verlor die Partei des Präsidenten bei Zwischenwahlen im Durchschnitt 27 Sitze im Repräsentantenhaus. Bei den vergangenen 23 Zwischenwahlen gelang es der Regierungspartei lediglich dreimal, Sitze dazuzugewinnen.

Das Repräsentantenhaus, meist schlicht «House» genannt, umfasst 435 Sitze. Sämtliche Mandate stehen diesmal zur Wahl. Die Abgeordneten werden alle zwei Jahre neu gewählt. Für eine Mehrheit sind mindestens 219 Sitze erforderlich.

Aktuell verfügen die Republikaner über 218 Abgeordnete sowie einen Unabhängigen. Die Demokraten stellen 214 Mitglieder. Zwei Sitze sind vakant.

Besonders hart umkämpft sind derzeit 18 Wahlkreise. Die Demokraten müssen mindestens fünf Sitze hinzugewinnen, um im «House» die Mehrheit zu übernehmen.

Senat: Für die Demokraten wird es deutlich schwieriger

Dass die Demokraten auch im Senat die Mehrheit erringen könnten, halten Beobachter zwar für möglich. Sicher ist das allerdings keineswegs.

Der Senat zählt 100 Mitglieder. Die Senatorinnen und Senatoren werden für sechs Jahre gewählt. Bei den diesjährigen Zwischenwahlen steht rund ein Drittel der Sitze zur Disposition, insgesamt 35.

Die Republikaner verfügen derzeit über 53 Sitze. Die Demokraten kommen auf 45. Hinzu kommen zwei unabhängige Senatoren, die gewöhnlich mit den Demokraten stimmen.

Von den 35 Sitzen, über die jetzt entschieden wird, gelten lediglich sieben als wirklich umkämpft. Um die Mehrheit zu erreichen, müssten die Demokraten vier dieser sieben Sitze gewinnen und gleichzeitig ihre bisherigen Mandate verteidigen. Ein leichtes Unterfangen ist das nicht.

Zunächst müssen sie ihre bestehenden Sitze sichern. Besonders wichtig ist dabei Michigan. Sollten sie diesen Bundesstaat verlieren, dürfte der Traum von einer demokratischen Mehrheit im Senat weitgehend ausgeträumt sein.

Michigan: Ein enges Rennen

Die Umfragen deuten auf einen spannenden Wahlkampf hin. Der Demokrat Abdul El-Sayed tritt gegen den Republikaner Mike Rogers an, einen Verbündeten Trumps.

El-Sayed
El-Sayed am Samstag in Sterling Heights, Michigan (Keystone/AP/Julia Demaree Nikhinson)

El-Sayed, von Beruf Epidemiologe, hat sich als linksgerichteter politischer Aussenseiter einen Namen gemacht. Trump verunglimpft ihn als «Jihadisten» und «Kommunisten». Dabei beschränkt sich der Präsident keineswegs auf El-Sayed: Praktisch alle seine politischen Gegner bezeichnet er regelmässig als «Sozialisten» oder «Kommunisten».

In der jüngsten CBS-Umfrage sprachen sich 51 Prozent der Befragten für El-Sayed aus, während Rogers auf 44 Prozent kam.

Georgia: Ossoff mit solidem Vorsprung

In Georgia verfügt der demokratische Senator Jon Ossoff, der bisweilen als neuer John F. Kennedy gehandelt wird, über einen soliden Vorsprung. Er liegt mehr als zehn Prozentpunkte vor dem Republikaner Mike Collins. 

Jon Ossoff
Jon Ossoff am Freitag in Decatur, Georgia. (Keystone/AP/Ryan Murphy)

Maine: Ein Kandidat mit Gegenwind

Im demokratisch geprägten Maine geriet der demokratische Kandidat Troy Jackson zunächst erheblich ins Hintertreffen. Das überrascht kaum: Sein Wahlkampf wirkt wenig dynamisch. Zudem verprellte er mit anti-jüdischen Äusserungen einen Teil der Wählerschaft. In den vergangenen Tagen konnte er allerdings wieder Boden gutmachen.

Um die Mehrheit im Senat zu erringen, müssen die Demokraten jedoch nicht nur ihre bisherigen Sitze in Michigan, Maine und Georgia verteidigen. Sie brauchen zusätzlich Siege in Bundesstaaten, in denen Trump bei der Präsidentschaftswahl 2024 mit einem zweistelligen Prozentvorsprung gewonnen hat.

Ein aussichtsloses Unterfangen? Vielleicht nicht.

Alaska: Gute Chancen für Mary Peltola

In Alaska gewann Trump 2024 mit gut 13 Prozentpunkten Vorsprung vor Kamala Harris. Trotzdem hat die Demokratin Mary Peltola inzwischen gute Chancen, einen Sitz im Senat zu erobern.

Mary Peltola
Mary Peltola am Freitag in Anchorage, Alaska (Keystone/AP/Lindsey Wasson)

Kansas: Historische Chance für die Demokraten

In Kansas könnte erstmals seit 94 Jahren wieder ein Demokrat in den Senat gewählt werden. Einer Umfrage des Emerson College zufolge liegt der Demokrat Adam Hamilton mit prognostizierten 49 Prozent vor dem amtierenden republikanischen Senator Roger Marshall, der auf 45 Prozent kommt.

Iowa: Kopf an Kopf

In Iowa liegen der Demokrat Josh Turek und die Republikanerin Ashley Hinson praktisch gleichauf. Beide kommen auf rund 46 Prozent. Die Demokraten setzen grosse Hoffnungen in dieses Rennen. Einfach wird es für sie allerdings nicht.

Ohio: Sherrod Brown auf Aufholkurs

Hoffnungen machen sich die Demokraten auch in Ohio. Dort versucht der republikanische Senator Jon Husted, seinen Sitz gegen den Demokraten Sherrod Brown zu verteidigen. In den meisten Umfragen liegt Brown derzeit zwischen zwei und sechs Prozentpunkten vorne.

Texas: Der wichtigste Kampf des Wahljahres?

Die wohl bedeutendsten Senatswahlen finden in Texas statt. Dort könnte der ehemalige Lehrer James Talarico als erster Demokrat seit 1988 einen Sitz im Senat gewinnen.

James Talarico
Jamea Talarico am Freitag in College Station, Texas. (Keystone/AP/Sam Craft)

Sein Gegner Ken Paxton ist derzeit Generalstaatsanwalt des Bundesstaates und ein enger Verbündeter Trumps. Laut der jüngsten CNN-Umfrage sprechen sich 49 Prozent der Befragten für Talarico aus, während Paxton auf 43 Prozent kommt.

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang ein Satz von Steve Bannon zitiert: «Wenn Texas fällt, fällt alles.»

Die Bedeutung dieses Wahlkampfs zeigt sich auch finanziell: Noch nie wurde in einem einzelnen Bundesstaat so viel Geld für politische Werbung ausgegeben wie derzeit in Texas.

Milliarden für den Wahlkampf

Insgesamt sind bereits fast zwölf Milliarden Dollar in den Midterm-Wahlkampf geflossen – ein absoluter Rekord. Zu den grössten Geldgebern gehören einige der reichsten Amerikaner. Darunter Elon Musk mit 445 Millionen Dollar sowie Michael Bloomberg, Richard Uihlein und Jeffrey Yass mit jeweils mehr als 100 Millionen Dollar. Zahlreiche Grossspenden lassen sich allerdings keiner bestimmten Person oder Organisation eindeutig zuordnen.

Damit könnten die Zwischenwahlen 2026 sogar teurer werden als die Präsidentschaftswahl 2024.

Ein beträchtlicher Teil des Geldes fliesst in Fernseh- und Digitalwerbung, politische Kampagnen sowie die gezielte Unterstützung einzelner Kandidatinnen und Kandidaten. Eine zentrale Rolle spielen dabei sogenannte Super-PACs. Sie ermöglichen es besonders wohlhabenden Einzelpersonen und Organisationen, enorme Summen unabhängig von den offiziellen Wahlkampagnen einzusetzen.

In sämtlichen umkämpften Bundesstaaten geben die Republikaner deutlich mehr Geld für Werbung aus – im Fernsehen, im Radio, in der Presse und in den sozialen Medien.

Dallas
Sie stimmt für die Republkaner: Die Texanerin Micki Larson-Olson in Dallas (Keystone/EPA/Jeff Mcworter)

Was geschieht, wenn Trump eine oder beide Kammern verliert?

Sollten die Republikaner eine oder gar beide Kammern des Kongresses verlieren, hätte das erhebliche politische Konsequenzen für Trump. Zwar würde er dadurch nicht automatisch zur «Lame Duck», also zu einem Präsidenten mit stark eingeschränkter politischer Handlungsfähigkeit. Sein Einfluss auf die amerikanische Politik würde jedoch deutlich schwinden.

Wenn Trump das Repräsentantenhaus verliert

Dass die Republikaner das Repräsentantenhaus verlieren, gilt als wahrscheinlichstes Szenario.

In diesem Fall könnten die Demokraten Gesetzesvorhaben Trumps blockieren und eigene Gesetzesentwürfe einbringen. Zudem hätten sie die Möglichkeit, Untersuchungen gegen den Präsidenten und seine Minister einzuleiten. Regierungsmitglieder könnten zu öffentlichen Anhörungen vorgeladen werden. Die Demokraten könnten ausserdem die Herausgabe von Dokumenten verlangen.

Sogar ein Impeachment, also ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, wäre denkbar. Allerdings müsste ein solches Verfahren im Senat mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen werden. Bereits zweimal ist ein entsprechender Vorstoss gegen Trump gescheitert.

Wenn Trump beide Kammern verliert

Sollten die Demokraten nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern auch den Senat erobern, wären die politischen Folgen noch weitreichender.

Sie könnten Trumps Haushalts- und Gesetzesvorhaben blockieren und Untersuchungen gegen den Präsidenten sowie einzelne Regierungsmitglieder vorantreiben.

Vor allem aber erhielten sie erheblichen Einfluss auf die Ernennung von Bundesrichtern und Richtern am Supreme Court. Auch bei der Besetzung von Regierungsämtern, Ministerposten und Botschafterstellen hätten sie ein entscheidendes Wort mitzureden. Dasselbe gilt für internationale Verträge.

Besonders brisant wäre die Kontrolle über die Staatsfinanzen. Der Präsident ist darauf angewiesen, dass der Kongress den Bundeshaushalt verabschiedet und Änderungen an der Schuldenobergrenze bewilligt. Hier könnten die Demokraten erheblichen Druck ausüben und Trump zu weitreichenden Zugeständnissen zwingen.

Zwei schwierige Jahre für die USA?

Dass Trump im Falle einer Niederlage mit den Demokraten kooperieren wird, bezweifeln die meisten Beobachter. Vielmehr dürfte er versuchen, seine Macht und seinen Einfluss mit allen Mitteln zu verteidigen und gegen alles anzukämpfen, was seine Handlungsmöglichkeiten einschränkt.

Den Kongress hat Trump schon wiederholt übergangen. Er regiert am liebsten per Dekret, also ohne die Zustimmung des Parlaments. Angesichts einer drohenden Niederlage könnte seine ohnehin ausgeprägte Gereiztheit weiter zunehmen. Trump wirkt dann zunehmend zornig, bisweilen geradezu jähzornig – und noch unberechenbarer.

Zwei schwierige Jahre könnten den USA bevorstehen.

Fairfax
Ein Wahllokal in Fairfax, Virginia (Keystone/EPA/Jim Lo Scalzo)

Wann die Ergebnisse vorliegen

Die ersten Wahllokale schliessen nach Schweizer Zeit um Mitternacht in der Nacht auf Mittwoch. Zwischen 1 und 2 Uhr morgens werden die Ergebnisse wichtiger Ostküstenstaaten erwartet. Gegen 3 Uhr sollten die Resultate aus Texas und Michigan vorliegen.

Die letzten Ergebnisse, jene aus Alaska und Hawaii, werden gegen 7 Uhr Schweizer Zeit erwartet.

Wird Trump eine Niederlage anerkennen?

Die entscheidende Frage lautet: Wird Donald Trump das Wahlergebnis akzeptieren, sollte seine Partei verlieren?

Eine vorbehaltlose Anerkennung erscheint kaum vorstellbar.

Am 27. Oktober 2026 wurde Trump gefragt, ob er das Ergebnis der Zwischenwahlen auch dann akzeptieren werde, wenn die Republikaner ihre Mehrheit im Kongress verlieren.

Seine Antwort fiel kurz und bezeichnend aus: «I will, if they're honest elections.» – «Ja, wenn es ehrliche Wahlen sind.»

Damit hält sich Trump ausdrücklich die Möglichkeit offen, im Falle einer Niederlage von Wahlbetrug zu sprechen und das Ergebnis nicht anzuerkennen.

Eine vorbehaltlose Anerkennung seiner Niederlage ist deshalb kaum zu erwarten.

Denn Wahlen sind für Trump nur dann «honest elections», wenn er gewinnt.

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