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Kulturgeschichte

Eine Stadt – aus dem Dornröschenschlaf erwacht

30. August 2026
Carl Bossard
Fürstenau
(Foto: Viamala Tourismus)

Fürstenau im Domleschg nennt sich «die kleinste Stadt der Welt». Ein Rundgang durch das mittelalterliche Miniaturstädtchen – und ein Blick auf die grosse Schweizer Stadtgründungswelle, die vor den Alpen verebbte. Fürstenau ist eine der wenigen Städte, die im Alpenraum entstanden.

Wie gerne bin ich als kleiner Knabe durch die mittelalterliche Altstadt von Zug gestreift. Wir gingen auf Entdeckungsjagd: Augenfälliges und Unscheinbares, Vordergründiges und Hintergründiges, Alltägliches und Aussergewöhnliches wollten entdeckt werden.

Vielleicht hat mich diese kindliche Lust am Entdecken nie ganz verlassen. Kleine Städtchen haben es mir immer wieder angetan. Erkunden und verweilen, staunen und träumen. «Es ist ein gross Ergetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen», heisst es bei Goethe.

So blieb ich immer wieder hängen in Kaiserstuhl oder Waldenburg, in St-Ursanne am Doubs, in Erlach oder Regensberg, im Freiburger Städtchen Rue oder in Werdenberg, das mit seinen rund 90 Einwohnern den Anspruch nicht aufgibt, eine Stadt zu sein. Was mich an diesen Orten fasziniert, ist ihre Überschaubarkeit. Ein Tor, eine Mauer, ein Brunnen, ein altes Haus – und plötzlich öffnet sich eine vergangene Welt.

Eine Stadt im Taschenformat

Eine solche Miniaturstadt liegt im Domleschg, inmitten einer Landschaft, die überreich an Burgen und Schlössern ist: Fürstenau. Der Ort nennt sich selbst die «kleinste Stadt der Welt». Ganz wörtlich sollte man das nicht nehmen. Aber man kann ihm die Behauptung gut verzeihen.

Rund 350 Menschen leben heute in der Gemeinde; nur eine Handvoll wohnt im eigentlichen Städtchen. Man geht ein paar Schritte – und schon ist man mitten drin: ein schmales Gässchen, ein kleiner Platz, Mauern, Gärten, Stallungen, sogar ein Weinberg. Darüber die beiden Schlösser. Alles liegt dicht beieinander.

Fürstenau
Fürstenauer Gässchen  (Bild: Carl Bossard)

Doch Fürstenau war keine hübsche Laune der Geschichte, sondern ein macht- und verkehrspolitisches Projekt.

Als die Schweiz voller Städte wurde

Im 13. Jahrhundert geriet die heutige Schweiz in einen regelrechten Städteboom. Um 1150 gab es noch weniger als zehn Städte; rund 150 Jahre später waren es gegen 200. (1) Adelsgeschlechter wie die Zähringer und Kyburger sowie Bischöfe wetteiferten um Einfluss, Handelswege und Herrschaft. Städte waren Machtinstrumente: Sie zogen Handwerker und Händler an, sicherten Verkehrswege und festigten Territorien.

Und dann gab es jene andere Schweiz.

Je weiter die Stadtgründungswelle aus dem Mittelland in die Voralpen und Alpen vordrang, desto mehr verlor sie an Kraft. Altdorf, Schwyz, Stans, Sarnen, Glarus, Herisau und Appenzell blieben Marktflecken. Sie wurden wichtige Orte, Hauptorte sogar – aber keine Städte im mittelalterlichen Sinn.

Vielleicht liegt gerade darin ein Schlüssel: Die Berge brauchten ihre eigenen Zentren. Nicht jeder bedeutende Ort musste Stadt werden. Fürstenau aber ist eine bemerkenswerte Ausnahme: Hier tief im Alpenraum entstand tatsächlich eine Stadt – klein zwar, aber mit Markt, Gericht und Mauern.

Der Bischof baut sich eine Stadt

Fürstenau lag an strategisch wichtiger Stelle im Domleschg: nahe dem Rheinübergang und an den alten Wegen, die über die Alpenpässe Julier und Septimer, Splügen und San Bernardino in den Süden führten. Hier auf dem Felssporn liess der Churer Bischof Heinrich von Montfort im 13. Jahrhundert einen befestigten Herrschaftssitz errichten. Aus Burg und Vorburg entwickelte sich allmählich eine kleine Stadt. Sie war Etappenort auf der bischöflich verordneten Säumerroute über den Septimerpass.

Der entscheidende Schritt erfolgte 1354: König Karl IV. verlieh Fürstenau das Recht auf zwei Jahrmärkte und auf die Gerichtsbarkeit mit Kerker, Stock und Galgen. Solche Rechte gehörten im Mittelalter zu den Kennzeichen städtischer und herrschaftlicher Selbstständigkeit.

Fürstenau war klein – aber keineswegs bedeutungslos. Es wurde Verwaltungszentrum der bischöflichen Herrschaft im Domleschg und am Heinzenberg. Der Bischof residierte hier, stellte Urkunden aus und liess Abgaben eintreiben.

Man kann die Stadt noch lesen

Heute ist davon auf den ersten Blick wenig Spektakuläres übrig. Und gerade das macht den Spaziergang so reizvoll. Man geht durch das Gässchen, die Häuser rücken eng zusammen, Blumen quellen aus den Fenstern, dahinter steigen die Berge empor. Alles ist nah, beinahe vertraulich.

Und dann taucht sie auf: die alte Mauer.

Fürstenau
Die alte Stadtmauer – vom Grün beinahe verschluckt. (Bild: Carl Bossard)

Von Efeu überwachsen, vom Grün beinahe verschluckt, liegt sie da wie die Erinnerung an eine längst vergangene Welt. Steine und Pflanzen gehen ineinander über. Fast scheint es, als hätte die Natur beschlossen, die mittelalterliche Stadt wieder in Besitz zu nehmen. Gerade im dichten Grün wird Geschichte sichtbar. Man entdeckt die Steine, die alte Befestigung, die Spuren einer Stadt, die sich einst gegen ihre Umgebung abgrenzte.

Fürstenau zeigt seine Geschichte nicht auf einer grossen Bühne. Sie steckt in Mauern, in Gebäuden und Gassen, Gärten und Hinterhöfen.

Zwei Schlösser für ein kleines Städtchen

Und dann sind da die beiden Schlösser. Oben auf dem Felssporn stehen das Bischöfliche Schloss – heute aufwendig renoviert – und das Schloss Schauenstein. Sie wirken, als wären sie für einen wesentlich grösseren Ort bestimmt.

Schauenstein, das Obere Schloss, wurde im 17. Jahrhundert ausgebaut. Heute befindet sich darin das renommierte «Hotel Schloss Schauenstein» von Andreas Caminada. So begegnen sich in Fürstenau zwei Welten: mittelalterliche Herrschaft und moderne Haute Cuisine.

Fürstenau
Aufgang zum Schloss Schauenstein  (Bild: Carl Bossard)

Und unterhalb der Schlösser geht das Leben beinahe beiläufig weiter. Ein Bauernhaus. Ein Stall. Ein Garten.

Als die grosse Zeit vorüber war

Doch Fürstenau konnte seine günstige Lage nicht auf Dauer halten. Im 15. Jahrhundert verschoben sich die Verkehrsströme. Die Viamala wurde besser passierbar, die Route auf der linken Talseite gewann an Bedeutung. Thusis stieg auf, erhielt 1497 das Marktrecht – und Fürstenau büsste an Gewicht ein und geriet ins Abseits.

Dazu kam 1742 die Katastrophe: Ein Brand zerstörte grosse Teile des Städtchens. Gebäude und Schlösser wurden zwar wieder aufgebaut. Doch die alte städtische Dynamik kehrte nicht zurück. Fürstenau verlor – trotz seines Stadtrechts – zunehmend an städtischer Bedeutung.

Vielleicht ist gerade das sein besonderer Reiz. Viele mittelalterliche Kleinstädte sind verschwunden. Andere haben sich so stark verändert, dass ihre Vergangenheit kaum noch zu erkennen ist. Fürstenau dagegen hat sein mittelalterliches Gerüst bewahrt, obwohl die Stadt als politische und wirtschaftliche Kraft längst Geschichte ist.

Ein Ort zum Langsamgehen

Wer durch Fürstenau geht, sollte nicht zu viel vorhaben. Man kann einfach der Gasse folgen. Ein paar Schritte hinauf. Ein Blick zurück. Die Mauer. Der Garten. Ein altes Haus. Dann wieder das Schloss. Und irgendwo dazwischen der Blick hinaus ins Domleschg, auf die Berge.

Die grossen Städte wollen beeindrucken. Fürstenau verlangt Aufmerksamkeit. Man bleibt stehen, schaut genauer hin – und entdeckt, was beim ersten Blick verborgen blieb. So wird aus der «kleinsten Stadt der Welt» etwas viel Interessanteres: eine kleine Stadt, in der sich auf engstem Raum die grosse Geschichte des Mittelalters ablesen lässt – Herrschaft und Handel, Burg und Markt, Stadt und Land.

Heute ist davon eine Miniatur geblieben. Ein Städtchen, das seine Stadtgeschichte bewahrt hat.

Und vielleicht muss eine Stadt gar nicht gross sein, um grossartig zu sein.

Fürstenau
Die Stadt Fürstenau im Domleschg  (Bild: Stadtgemeinde Fürstenau)

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