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Zertifiziertes Menschsein

«Ecce homo», sagt die Maschine

30. August 2026
Eduard Kaeser
Zertifiziertes Menschsein
Das Bild ist KI-generiert

Wir leben zunehmend in einer Mischgesellschaft aus Menschen und künstlichen Systemen. Das heisst: Die künstlichen Systeme haben schon seit einiger Zeit nicht mehr den Status blosser serviler Geräte. Sie agieren aus eigenem Antrieb, und in KI-Kreisen ist die Diskussion längst im Gang, ob man diesen Kreaturen aus Maschinencode nicht so etwas wie ein künstliches Innenleben zuschreiben sollte, das uns nur partiell zugänglich ist. Sie bevölkern als Bots das Internet – und es gibt von ihnen inzwischen mehr als Menschen.

Bots sind Programme, die selbstständig mit anderen Systemen interagieren und Aufgaben ausführen können. Dass sie das Internet infiltrieren, war zu erahnen. Denn das Netz ist eigentlich eine Erfindung für Computer: ein System von Protokollen, mit denen Maschinen miteinander interagieren und Informationen austauschen. 

Bot-Management

Woran erkennen wir in diesem Verkehr überhaupt noch Menschen als Menschen? Das ist die Frage des Bot-Managements. Dabei steht nicht die Unterscheidung zwischen Menschen und Bots im Vordergrund, sondern zwischen nützlichen und schädlichen Bots – ein eigenes Gebiet der Cybersicherheit.

Und zwar geht es hier weniger um Sicherheit im Sinn etwa des Flugverkehrs als im Sinn der Abwehr. Man verteidigt das Terrain des Humanen gegen das Künstliche. Heute gibt es Bot-Erkennungsunternehmen wie etwa «Data Dome», die schädliche Bots identifizieren. Das werde, sagt der Mitbegründer Benjamin Barrier, zunehmend schwieriger, weil man die Verhaltensweisen der Bots analysieren, eine Datenbank aller bekannten schädlichen Bots erstellen und KI-Modelle einsetzen müsse, um schädliche von nützlichen Bots zu unterscheiden. 

Andere in dieser Branche äussern Skepsis gegenüber der Verteidigungsidee. Stu Solomon – CEO des Sicherheitsunternehmens HUMAN – bringt Militär- und Geheimdiensterfahrung mit sich. Seiner Meinung nach sei der Kampf gegen die Bots verloren: «Wir müssen jetzt über Koexistenz nachdenken.» Wir leben im Zeitalter des posthumanen Internets.[1]

Tools for Humanity

Nun muss man hier zwei Dinge auseinanderhalten: das Erkennen von schädlichen Bots und die Beglaubigung von Menschen. Letzteres wollen ausgerechnet Technokonzerne, die unsere Kultur mit künstlichen Agenten – guten und bösen – fluten. «Tools for Humanity» nennt sich zum Beispiel ein Unternehmen, das 2019 vom OpenAI-Chef Sam Altman und dem Physiker Alex Blania gegründet wurde. 

Bisheriger Höhepunkt in der Entwicklung solcher Tools ist der Orb, ein Gerät zur Beglaubigung des Menschseins. Ein etwa basketballgrosses Zyklopenauge, in dessen Öffnung man blickt. Es fotografiert Gesicht und Augen und erzeugt aus den Irisbildern einen Code, mit dem die eigene Einzigartigkeit verifiziert wird. «Proof of Human» nennt sich das Verfahren. Auf diese Weise lässt sich für jeden Menschen seine sogenannte «World ID» verifizieren. Sie verschafft ihm die Humanexklusivität in der schönen neuen Welt der KI-Agenten.

First-Class-Lounge im Internet

Es entsteht eine Art First-Class-Lounge im Internet – ausschliesslich für Menschen. Um in diese Lounge zu gelangen, muss man sich allerdings den Nachweis vom Orb holen. World ID wird mittlerweile von Diensten wie Tinder, Zoom, Shopify und DocuSign als «Proof of Human» eingesetzt. Allerdings sollte man die geradezu schreiend ironische Pointe nicht übersehen. Die Technounternehmen versprechen: Lasst uns das Internet menschlicher machen. Aber es ist die Maschine, die sagt: «Ecce homo!»

Damit verschiebt sich die Bedeutung der Verifizierung. Solange sie nur dazu dient, Bots von Menschen zu unterscheiden, kann man sie als neutrales Sicherheitsinstrument betrachten. Sobald sie jedoch darüber entscheidet, wer Zugang zu bestimmten Diensten, Vorteilen oder Kommunikationsräumen erhält, wird aus der technischen Prüfung ein gesellschaftlicher Marker.

Diskriminierung unter Menschen

Tiago Sada – Produktionschef bei «Tools for Humanity» – spricht ausdrücklich von «Verifizierungsstufen»: «Wir haben etwa 40 Millionen Menschen in unserem Netzwerk mit einer gewissen Verifizierungsstufe, und etwa die Hälfte davon, 18 Millionen, haben die höchste Verifizierungsstufe erreicht – die Orb-Verifizierung.» Die Idealvorstellung: Die Welt als Netz verifizierter Menschen. «Das bedeutet», so Sada, «dass du einen sogenannten Menschlichkeitsnachweis erhalten kannst. Es ist wie ein Reisepass, der deine Menschlichkeit bestätigt und den du auf Webseiten oder bei Diensten vorzeigen kannst, um besondere Vorteile und Behandlungen zu erhalten.» 

Der Mensch muss nicht nur ein Mensch sein – er muss es auch nachweisen können. Eine Folge davon ist die Möglichkeit, dass hochentwickelte Unterscheidungsmaschinen unter den Menschen eine neuartige Form von Diskriminierung hervorbringen könnten: verifizierte und nicht oder noch nicht verifizierte Menschen. Im Augapfelgerät kündigt sich eine neue Klassengesellschaft an. Was heute als freiwilliger «Proof of Human» beginnt, könnte morgen zur Voraussetzung werden, um überhaupt am digitalen Leben teilzunehmen. Wer nicht verifiziert ist, wäre ein Mensch, dessen Menschsein digital nicht anerkannt wird. Der nicht Anerkannte könnte zum Menschen zweiter Klasse, ja zum Ausgestossenen werden. 

Science Fiction wird Realität 

Wir sind in einer Realität angekommen, welche die Science Fiction schon lange vorausgeahnt hatte – etwa in Klassikern wie Isaac Asimovs Erzählungen «Ich, der Roboter» (1946), Stanislaw Lems «Kyberiade» (1965) oder Philip Dicks Roman «Träumen Androiden von elektrischen Schafen?» (1968), verfilmt als «Blade Runner». In diesem Film hat der Androidenjäger Rick Deckard – eine Anspielung auf Descartes – den Auftrag, menschenähnliche Roboter anhand eines Empathietests zu entlarven. Auch dort wird das Auge zum Instrument der Unterscheidung. Der Erzähler schreibt: «Empathie existierte offensichtlich nur innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, während Intelligenz in gewissem Masse in jedem Stamm und jeder Ordnung, einschliesslich der Spinnentiere, zu finden war.»

Empathie als Unterscheidungsmerkmal. Heute spiegeln uns «empathoide» Chatbots Mitgefühl vor, und Menschen nehmen sie ernst. Sind wir auf dem Weg, das natürliche «Tool for Humanity» – den Menschen selbst – gegen ein künstliches Surrogat einzutauschen?

Die anthropologische Herausforderung 

Seit Mitte der 2010er-Jahre warnt die Berichterstattung vor dem Aufkommen politischer Bots, die sich in die menschliche Kommunikation einmischen, «Trends» auslösen und den Eindruck erwecken können, ein Thema interessiere mehr Menschen, als dies tatsächlich der Fall ist. Die Bots werden immer raffinierter. Schutzmassnahmen gegen sie sind notwendig. Sie lösen das technische Problem. Aber sie verschärfen zugleich das anthropologische Problem: Wir machen nicht das Internet menschenkompatibler, sondern menschliche Verhaltensweisen internetkompatibler.

Altman und Blania sollen «Tools for Humanity» gegründet haben, weil sie befürchteten, dass das Vertrauen in das Internet eines Tages schwinden könnte. Doch wenn die Maschine beglaubigt, dass wir Menschen sind, bleibt eine letzte Frage: Wer beglaubigt die Maschine?

[1]https://www.nytimes.com/2026/08/14/magazine/ai-chatbots-internet-communication-loops.html 

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