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Westjordanland

«Eine Lizenz zum Töten»

12. Juli 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Khan Younis
Palästinensische Frauen trauern im Spital von Khan Younis im südlichen Gazastreifen um den 10-jährigen Amir Shaaban, der bei einem israelischen Militärangriff ums Leben kam. (Keystone/AP/Abdel Kareem Hana)

Israel hat im Juni den Bericht einer Uno-Kommission schärfstens verurteilt, wonach es trotz des Waffenstillstands Kinder in Gaza weiterhin gezielt töte. Aber auch im Westjordanland erschiessen die israelischen Streitkräfte (IDF) ungestraft Kinder: Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 haben die IDF im besetzten Gebiet 235 Kinder und Teenager getötet. Aktivisten zufolge haben Polizei und Armee «eine Lizenz zum Töten». Dagegen wächst auch in Israel prominenter Widerstand.

Der neunjährige Mohammed spielt am 16. Oktober 2025 auf dem Spielplatz einer Schule in ar-Rihiya mit Kollegen Fussball, als gegen vier Uhr nachmittags zwei israelische Armeejeeps vorfahren. Die Knaben rennen in alle Richtungen davon, wobei dem Vernehmen nach einige Teenager Steine auf die Armeefahrzeuge werfen, während andere Kinder, aus vermeintlich sicherer Distanz, die Soldaten anschreien.

Ein Video zeigt, wie ein Soldat aus einem Jeep steigt und mit seinem Gewehr auf einen Hügel zielt, von wo aus einige Kinder dem Geschehen zuschauen. Es fallen Schüsse und Mohammed bricht nach einigen Schritten, im Bauch getroffen, zusammen. Einige Kinder wollten dem blutenden Kollegen zu Hilfe eilen, werden aber von weiteren Schüssen und Tränengas zurückgedrängt. Mohammed stirbt im Spital.

 «Ungeschützte Kindheit»

«Das weitverbreitete Töten palästinensischer Kinder und Teenager im Westjordanland ist das Ergebnis einer umfassenderen Politik Israels, die das Töten von Palästinenserinnen und Palästinensern erlaubt, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden», sagt Yuli Novak, Exekutivdirektor der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Ein Ende Juni erschienener Bericht der Vereinigung hat die Fälle von 54 Kindern und Teenagern untersucht, welche die israelische Armee allein im letzten Jahr getötet hat. Der Titel des Reports: «Ungeschützte Kindheit».

«Das System steht nicht nur hinter den Schützen – es gibt ihnen faktisch eine Erlaubnis zu töten», sagt Yuli Novak und verweist auf eine Aussage von Generalmajor Avi Bluth, dem für das Westjordanland zuständigen Armeekommandanten, wonach 96 Prozent der Getöteten in Terrorismus involviert waren – eine Feststellung, die B’Tselem als «blanke Lüge» bezeichnet.  Ihrer Untersuchung zufolge gibt es keine Indizien, wonach die 2025 getöteten Jugendlichen für die Armee eine Gefahr darstellten oder einer militanten Gruppe angehörten. 

Keine einzige Anklage

Ein IDF-Sprecher dementiert, die israelische Armee nehme gezielt unbeteiligte Zivilisten ins Visier: «Jede Behauptung, nicht involvierte Individuen seien zu Schaden gekommen, wird zur Kenntnis genommen und untersucht.»  

Die IDF würden weiterhin Terrorismus bekämpfen und Israelis schützen, sich aber gleichzeitig an nationales und internationales Recht halten sowie Massnahmen ergreifen, um Schäden für Zivilisten wo immer möglich zu mildern. Laut Yesh Din, einer weiteren israelischen Menschenrechtsorganisation, ist aber seit Oktober 2023 kein einziger Israeli der Tötung eines Palästinensers im Westjordanland angeklagt worden. 

«In den Rücken geschossen»

So war denn die 13-jährige Rimas Amuri entweder eine Terroristin oder eine Gefahr für die israelischen Truppen, als sie im Februar des vergangenen Jahres mit Cousinen vor dem Haus ihrer Familie im Flüchtlingslager Dschenin spielte und dabei erschossen wurde? Es gab jedenfalls keine Anzeichen für einen Sicherheitsalarm in der Nähe eines IDF-Checkpoints und auch der Verkehr lief normal. 

Gegenüber der israelischen Tageszeitung «Haaretz» teilte die Armee mit, ihre Soldaten hätten eine verdächtige Figur identifiziert, die sich in der Nähe ihrer Truppen im Gebiet bewegte. Als Zurufe nichts genützt hätten, hätten die Soldaten auf ihren Unterkörper geschossen. Doch B’Tselem zufolge fielen die tödlichen Schüsse aus einer Distanz von 40 Metern, d. h. die Soldaten hätten sehen müssen, dass die «verdächtige Figur» ein junges Mädchen war. «Rimas wurde in den Rücken geschossen», heisst es im medizinischen Bericht, «was nahelegt, dass ihr unter Umständen nicht einmal bewusst war, dass Soldaten in der Nähe waren.»

«In Terrorismus involviert»

Die Mehrheit der im Westjordanland getöteten Kinder waren im Freien beim Spielen, als sie ihr Leben verloren. Nicht aber die zwei Jahre alte Layla al-Khatib, die zu Hause auf dem Schoss ihrer 25-jährigen Mutter sass, als sie im Januar letzten Jahres eine tödliche Kugel in den Kopf traf. Zuvor waren israelische Soldaten in zivilen Fahrzeugen mit palästinensischen Nummernschildern in der Nachbarschaft eingetroffen und hatten ein Gebäude in der Nähe der Wohnung der Familie al-Khatib besetzt, wie es im besetzten Gebiet gelegentlich vorkommt. Plötzlich fielen Schüsse, Layla wurde getroffen und starb im Spital. 

«Das ist ein kleines Beispiel, was unserem Volk passiert», sagte danach ihr Grossvater Bassam: «Was bezweckt das? Will die israelische Regierung unsere Kinder töten?» Einem Sprecher der IDF zufolge würden die Vorfälle durch die Armeepolizei untersucht, hiess es damals. Und was auch dieser Armeesprecher wiederholte: «Die Mehrheit der von israelischen Truppen getöteten Palästinernserinnen und Palästinenser waren in terroristische Aktivitäten involviert.» Auch der neunjährige Mohammed, die 13-jährige Rimas und die zweijährige Layla?

Siedlergewalt ohne Grenzen

Als Terroristen bezeichnete die Polizei laut «Haaretz» auch den geistig behinderten und nicht ansprechbaren 30-jährigen Mohammed Shahimi, nachdem ihn ein jüdischer Siedler am 20. Juni mit fünf Schüssen schwer verletzt hatte, weil der Palästinenser ihn angeblich mit einem grossen Stein bedroht hatte. «Der Zivilist (der Siedler) fühlte sich bedroht, schoss mit seiner persönlichen Schusswaffe auf den Terroristen und neutralisierte so jegliche gefährliche Handlungen», steht im Polizeibericht des Postens Binyamin im Westjordanland. 

Wie aber konnte, fragt «Haaretz», die Polizei wissen, dass das Opfer ein «Terrorist» war? Wie konnte ein unbewaffneter, geistig behinderter Mann für bewaffnete und gewalttätige Siedler eine Gefahr darstellen? Was wäre im umgekehrten Fall geschehen, wenn ein Siedler versucht hätte, einen Palästinenser mit einem Stein zu attackieren und der Attackierte seinen Angreifer erschossen hätte? Würde sich die Polizei auch so entschieden auf die Seite des Angreifers stellen? «Erfahrungen mit solchen Aussenposten in der Vergangenheit (…) zeigen, dass Siedlergewalt typischerweise keine Grenzen kennt – einschliesslich, offenbar, auf eine hilflose behinderte Person zu schiessen?»

Jüdische Siedler haben 2025 im Westjordanland fünf Menschen getötet. Im selben Zeitraum sind Fälle von Siedlergewalt im Gebiet im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen: Es wurden 845 Zwischenfälle verzeichnet, was Zweifel an der Fähigkeit oder am Willen von Polizei und Inlandgeheimdienst nährt, das Phänomen adäquat anzupacken. Was den IDF zufolge auch damit zusammenhängt, dass Politiker und rechtsextreme Aktivisten militante Siedler unterstützen. 

«Routinemässige Erniedrigung»

«Ich arbeite seit über zwei Jahrzehnten für humanitäre Belange», schreibt Dr. Philip Goodwin, ein Vertreter der britischen Unicef am 5. Juli in einem Leserbrief im Londoner «Guardian»: «Nichts aber konnte mich darauf vorbereiten, was ich dort (im Westjordanland) angetroffen habe. Im militärisch kontrolliertem H2-Gebiet in Hebron ist die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, müssen Kinder Checkpoints passieren, um zur Schule zu gelangen, und ihr üblicher Schulweg ist ständig gesperrt. Eine Gruppe von Müttern, die ich traf, erzählte von routinemässiger Erniedrigung und Einschüchterung. Die Strassen waren leer, die Leute fürchteten sich, draussen zu sein.»

Und wenige Tage vor seinem kürzlichen Besuch, schreibt Dr. Goodwin, hätten israelische Soldaten einen sieben Monate alten Säugling erschossen, der auf dem Rücksitz eines Autos auf dem Schoss seiner Mutter sass: «Er hatte noch nicht einmal die Gelegenheit gehabt, seine ersten Schritte zu tun. Diese Vorfälle sind nicht isoliert. Seit Januar 2025 ist im Westjordanland jede Woche im Schnitt mindestens ein palästinensisches Kind getötet worden. (…) Es müsste eine weltweite Empörung und Verurteilung geben. Wir dürfen nicht zulassen, dass dies zur Normalität wird.»

«Eine letzte Warnung»

Währenddessen fordern in Israel Dutzende führender Ex-Politiker, Geheimdienstler und Vertreter von Wissenschaft und Kultur in einem Brief an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die Armeespitze Massnahmen, um die Gewalt gegen Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland zu stoppen. Die Unterzeichner des im Juni geleakten Briefs drohen der israelischen Regierung als «letzte Warnung» mit rechtlichen Schritten aufgrund deren Unterstützung für jüdischen Terrorismus und «eine Ideologie der ethnischen Säuberung» im besetzten Gebiet. 

Sie fordern unverzügliche Aktion, um «den jüdischen Terror auszuradieren» und listen Jahre von Attacken auf – einschliesslich Mord, sexuelle Gewalt, Diebstahl, Brandstiftung und Entehrung von Toten durch zivile und militärische Täter, die mit «fast vollständiger Straflosigkeit» agierten: «Wie kommt es, dass ihr den jüdischen Terror nicht erfolgreich habt ausradieren können, obwohl ihr die Identität der Anführer und deren Wohnsitze kennt und es schätzungsweise einige wenige Hundert Leute (d. h. Terroristen) gibt?»

«Ethnische Säuberung»

Die Verfasser des Schreibens argumentieren, die Kampagne extremer Gewalt gegen die Menschen im Westjordanland verletze israelisches und internationales Recht, gefährde die Sicherheit Israels, isoliere das Land international und fördere weltweit Antisemitismus: «Dieser Brief ist ein Weckruf und eine letzte Warnung.» Falls Premier Netanjahu, sein Verteidigungs- und sein Sicherheitsminister sowie die für die Sicherheit des Landes Verantwortlichen die Gewalt nicht verurteilten und stoppten, würden sie (die Absender) ans Oberste Gericht gelangen, um dem Recht zur Durchsetzung zu verhelfen.

Was im Westjordanland geschehe, sei nicht nur ein Versagen des Militärs und der Polizei, sondern die Umsetzung einer offenkundigen Politik der israelischen Regierung und ihres Ministerpräsidenten, heisst es im Brief: «Sie befehlen dem Militär, der Polizei und Shin Bet (der israelische Inlandsgeheimdienst), Terrorismus jüdischer Krimineller zu ermöglichen, weil dieses entsetzliche Phänomen der Ideologie der gegenwärtigen Regierung gut dient, in den Gebieten von Judea und Samaria (dem besetzten Westjordanland) ethnische Säuberung durchzuführen, um eine künftige Annexion zu erleichtern.»

Ein biblischer Park 

Anfang Juli hat das israelische Sicherheitskabinett einen Plan zum Bau von 13 neuen Siedlungen im Herzen des Westjordanlands genehmigt, die das Gebiet weiter zerstückeln und das palästinensische Ostjerusalem noch stärker von seiner Umgebung isolieren. Solche Siedlungen gelten laut internationalem Recht als illegal. Für den rechtsextremen Finanzminister Bezalel Smotrich stellen sie «eine Revolution» der Siedlungspolitik dar. 

Auch sind im besetzten Ostjerusalem seit den späten 2023er-Jahren im Quartier Silwan rund 59 Gebäude demoliert worden, die Palästinensern gehören. Die Stadtregierung plant dort seit längerem einen Park namens «King’s Garden» zu errichten, der biblischen Themen gewidmet ist und von einer jüdischen Siedlerorganisation verwaltet wird. «Es gibt keine Zukunft» sagt der 58-jährige Hausbesitzer Fayez Awad: «Sie haben die Zukunft und alles andere zerstört.»

Derweil baut die israelische Armee im Widerspruch zum Oslo-Abkommen von 1993 in Dschenin einen Stützpunkt, um – wie sie argumentiert – sicherzustellen, dass die Stadt nicht wie Jahrzehnte zuvor erneut zu einer Hochburg militanter palästinensischer Aktivität wird. Kritiker dagegen argumentieren, die Armeebasis, die auf enteignetem Land, «Camp Dschenin», steht und zur Vertreibung von mehr als 10’000 Menschen geführt hat, diene dazu, die wachsende Siedlungsaktivität in der Nähe einer der am dichtesten bevölkerten palästinensischen Städte zu beschützen. So hat die israelische Regierung im vergangenen Dezember erlaubt, Ganim und Kadim, zwei zwischenzeitlich aufgegebene jüdische Siedlung ausserhalb Dschenins, neu zu errichten

Historische Parallelen

Der Brief prominenter Israelis, zu dessen Unterzeichnern zwei frühere Premiers, frühere Geheimdienstchefs, einstige Richter, Rabbiner, Ex-Botschafter, Chemie-Nobelpreisträger David Kronberg sowie Autor David Grossman gehören, zieht historische Parallelen zu Attacken auf jüdische Gemeinschaften in Europa: «Die Verbrechen des jüdischen Terrorismus in den (besetzten) Gebieten erinnern an ähnliche Verbrechen und Pogrome, die andere Nationen gegen unsere Leute im 19. und 20. Jahrhundert in Osteuropa begangen haben.» Von den angeschrieben Instanzen hat bisher keine auf das Schreiben reagiert.

Für breite Empörung und Solidaritätsbekundungen hat indes im Westjordanland und darüber hinaus der Umstand gesorgt, dass israelische Sicherheitskräfte im Morgengrauen des 21. Juni in Ramallah den 71-jährige Arzt Dr. Mazen Al-Rantisi ohne nähere Begründung festgenommen haben. Al-Rantisi gilt im besetzten Gebiet als «Arzt der Armen», weil er sich um mittellose palästinensische Patientinnen und Patienten kümmert. Ein Grund für die Festnahme könnte seine Mitgliedschaft in einer 1985 gegründeten medizinischen Organisation sein, die vor allem auf dem unterversorgten Land Kliniken betreibt. Sie ist 2020 von der israelischen Armee als «illegale Vereinigung» verboten worden, wird aber von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) erlaubt. 

Drohender Wirtschaftskollaps

Währenddessen warnt ein Bericht der International Crisis Group (ICG), die Wirtschaft des besetzten Gebiets stehe aufgrund israelischer Restriktionen vor einem Kollaps. Der ICG zufolge sind dafür mangelnde Mobilität, das Zurückbehalten von Einnahmen sowie wie im Fall von Silwan Enteignungen verantwortlich: «Die wirtschaftlichen Bedingungen, die es für eine palästinensische Zukunft ausser einer ständigen Unterjochung braucht, werden demontiert.» Was auch eine nachhaltige Instabilität fördere.

In ihrem Bericht «Ungeschützte Kindheit» zitiert B’Tselem Aliyah Abdel Majid al-Halaq, die Mutter des von der israelischen Armee erschossenen Mohammed: »Während Monaten habe ich nach einer Erklärung gesucht», erzählt die 33-Jährige: «Ich glaube nicht mehr, dass es eine gibt. Was bleibt, ist eine Frage, der ich nicht ausweichen kann: Wie ist es möglich, dass eine Mutter je fragen muss, wieso ein Soldat ihr neunjähriges Kind erschossen hat?» 

«Die Welt, die schweigt»

Wenn so etwas einmal geschehe, schliesst Aliyah, könnte es eine Tragödie genannt werden. Wenn es aber ständig geschehe, müsse man sich fragen, was dies weiterhin zulasse: «Wie ist es möglich, dass so viele palästinensische Kinder getötet werden, aber niemand zur Verantwortung gezogen wird?» Kein einziger Soldat sei wegen der Tötung ihres Sohnes angeklagt worden, nachdem er nur Fussball spielen ging. 

Heute, schliesst die Palästinenserin, verstehe sie die israelische Besetzung anders: «Es gab einen Soldaten, der geschossen und Mohammed getötet hat. Doch es gibt auch ein System, das die Verantwortlichen schützt, die Wirklichkeit verbirgt und fast nie jemanden zur Verantwortung zieht. Und es gibt die Welt, die schweigt.» 

Quellen: The Guardian, Haaretz, The Washington Post, The New York Times, Al Jazeera, BBC.

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