Der Roman «Die unbekannte Sally Hemings» ist endlich auch auf Deutsch erschienen. Er beschreibt die Skandalgeschichte der Beziehung von Thomas Jefferson mit seiner Sklavin als das, was sie auch ist: eine Liebesgeschichte, doch ohne Beschönigung der für Schwarze erniedrigenden Verhältnisse.
Zum Tango braucht es zwei, zum Aufdröseln der Liebesbeziehung von Thomas Jefferson und seiner Sklavin Sally Hemings braucht es mehr, viel mehr: Historiker und Genetiker, Zeitzeugen und Architekten, Gutmeiner und Abwiegler, und es bedarf eines historischen Romans, der den krummen Wegen des Schicksals nachzuspüren vermag. Barbara Chase-Riboud hat ihn geschrieben, vor 47 Jahren. In den USA sorgte er seinerzeit für einigen Wirbel, später geriet er in Vergessenheit. Jetzt ist er auf Deutsch erschienen *).
Die Titelheldin Sally Hemings kann, wer will, als Opfer auf Lebenszeit sehen, als eine farbige Frau, die nie eine Wahl hatte. Sie wurde auf Monticello geboren, dem 5000 Morgen grossen Landgut von Thomas Jefferson in Virginia. Als Jefferson eine Liebesbeziehung mit ihr einging, war sie 15, Jefferson dreissig Jahre älter. Sie gebar ihm sechs Kinder.
Der Präsident und die Sklavin, das war durchaus auch anfangs des 19. Jahrhunderts (Jefferson wurde 1801 der dritte Präsident der USA) ein Anlass zum Tuscheln. Der nicht sonderlich gut beleumundete Journalist James T. Callender enthüllte im «Richmond Recorder», der Präsident halte sich eine Sklavin als Konkubine und hätte «mehrere Kinder» mit ihr.
Worüber man nicht redete in den Südstaaten
Skandal? Nicht doch. Wir befinden uns in Virginia, im tiefen Süden der dreizehn Gründungsstaaten, wo die Gesetze Gottes über allem stehen, nur dass die Natur zuweilen anderen Gottesgesetzen gehorcht. «Das Mischlingsproblem war etwas», schreibt Barbara Chase-Riboud, «worüber man in der gebildeten Gesellschaft nicht redete. Man erwähnte es überhaupt nicht, nicht einmal in dem nur für die eigenen Augen bestimmten Tagebuch.»
Anlässlich einer Volkszählung schickt die Autorin den (fiktiven) Staatsbeamten Nathan Langdon zu Sally Hemings. Wir befinden uns im Jahr 1830, Jefferson liegt seit vier Jahren in der pompösen Grabstätte, die er sich selbst entworfen hatte. Sally lebt in einer bescheidenen Hütte am Rande von Monticello.
Langdon, ein junger Südstaatler von Geblüt und Überzeugung, nähert sich dieser Hütte mit einem Anflug von Aggressivität: Wieso wohnte diese Frau noch hier? Freigelassenen Sklaven war es nicht gestattet, in Virginia zu bleiben. Und überhaupt: «Wie war es möglich, dass sich Thomas Jefferson auf dem Höhepunkt seiner Macht ausgerechnet eine Sklavin ausgesucht hatte, wo er jede weisse Frau hätte haben können?»
Dann öffnet sich die Tür, und sie steht vor ihm: «Die Frau war in der Tat schön. Ihr Gesicht wies keinerlei Runzeln oder Falten auf, ihr Blick hatte etwas Scheues, gleichwohl Unnachgiebiges. Ihre Augen waren im bläulichen Schatten fast smaragdgrün. Der Mund war weich, kindlich in den Konturen … Der Körper war wohlproportioniert.»
Langdon verliebt sich auf den ersten Blick. Er findet keine Worte: «Wie redete man ein Geschöpf an, das es nicht gab, das eine Absage an alles darstellte, was zu glauben man ihn erzogen hatte?»
Sally Hemings wird als hell beschrieben, ein Hautton von mattem Perlmutt. Ein Bild von ihr existiert nicht. Nach den Rassegesetzen der Zeit, die ausgerechnet Thomas Jefferson mit arithmetischer Akribie definiert hatte, wäre Sally den «Quarteronen» zuzurechnen – mit «zu einem Viertel schwarzem Blut in den Adern» (so Jefferson).
Frei in Frankreich
Die Lovestory von Thomas und Sally beginnt im Pariser Frühling 1788. Das ist keine romantische Erfindung von Barbara Chase-Riboud, sie hält sich an die historischen Tatsachen. Jefferson, massgeblicher Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, lebt als Gesandter der jungen und mit Frankreich innig verbundenen Vereinigten Staaten in einem Palais auf den Champs-Elysées. Sally wird auserkoren (nicht von ihm!), als Kindermädchen für seine beiden Töchter nach Paris zu kommen. Seiner Frau Martha, die vor Jahren gestorben ist, hat er geschworen, nie wieder zu heiraten.
Sally kommt als Unschuld vom Lande nach Paris. Als sie auf der Überfahrt nach Europa vom Kapitän zurechtgewiesen wird, sie möge sich doch bitte doch nicht so oft an Deck zeigen, seine Matrosen kämen auf dumme Gedanken, stürzt sie das in tiefe Beschämung.
In Paris wird sie zunächst von ihrem Bruder James unter die Fittiche genommen. Er arbeitet schon länger als Kammerdiener für Jefferson und lässt sich überdies zum Koch ausbilden. Monticello hat er hinter sich gelassen, er will nicht mehr zurück. Sein Ziel: eine eigenständige freie Existenz als «chef de cuisine».
«Wir sind in Frankreich, hier bist du frei», bekniet er seine naive kleine Schwester. «Du kannst gehen, wohin du willst.» Sie versteht ihn nicht: «Aber ich bin doch Sklavin.»
Selbstverständlich redet die Sklavin ihren Herrn mit «Master» an, wenn sie ihm den Tee serviert. Selbstverständlich legt sie allergrössten Eifer an den Tag, wenn der Master seine Sklavin zu exklusivem Französischunterricht anhält. Geht der Master auf Reisen, lässt er sie wissen, wohin es geht. «Ich fahre fort, Sally. Nach Amsterdam und von dort ins Rheinland. Ich werde sechs Wochen fortbleiben …»
«Fort?», erschrickt Sally. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Die bevorstehende Trennung bringt an den Tag, was im Miteinander des Alltags vielleicht noch eine Weile verborgen geblieben wäre. «Sally, ich werde dich vermissen», hört sie ihn sagen. Und sie fühlt: «Ja, die Zeit ist gekommen.»
Romanze unter dem Vorbehalt der Sklaverei
Die Zeit, sie währt fast 38 Jahre, bis zu Jeffersons Tod. Architekten haben Stein für Stein die zahllosen Um- und Neubauten von Monticello rekonstruiert und konnten nachweisen, dass die Gemächer Jeffersons und Sally Hemings in unmittelbarer Nähe lagen. Historiker konnten keine andere Geliebte in Jeffersons späterer Vita ausfindig machen und, was in diesem Zusammenhang wichtiger ist, keinen anderen Mann an Sallys Seite. Das erste gemeinsame Kind, ein Sohn, wird 1790 gleich nach der Rückkehr aus Paris in Monticello geboren. Er wird später den Namen Thomas Jefferson Hemings annehmen.
Barbara Chase-Riboud beschreibt die Beziehung Jefferson-Hemings als eine Romanze unter dem Vorbehalt der Sklaverei. Sally Hemings war und blieb Sklavin. Aber war sie wirklich das Opfer eines notorischen Sklavenhalters?
In seinen Bemerkungen über den Staat Virginia schreibt Jefferson, und es klingt wie Ironie in eigener Sache: «Die Beziehung zwischen Herrn und Sklaven ist eine ständige Übung der ungestümsten Leidenschaften.»
Doch fährt er fort: «Despotismus auf der einen und erniedrigende Unterwerfung auf der anderen Seite. Unsere Kinder sehen das und lernen, uns darin nachzueifern; denn der Mensch ist ein Tier, das nachahmt.»
Erinnern wir uns: In seinem Entwurf für die Unabhängigkeitserklärung hatte der damals 33-jährige Jefferson für die völlige Abschaffung der Sklaverei plädiert. Die Erwachsenen im Raum waren allerdings nicht amüsiert. In den fünftägigen Beratungen vor der Unterzeichnung am 4. Juli 1776 wurden dem feuerköpfigen Jefferson die Flausen ausgetrieben, das Thema Sklaverei fiel kommentarlos unter den Tisch. Jefferson sollte nie mehr darauf zurückkommen.
Während der Präsidentenjahre nahm seine älteste Tochter – sie hiess Martha wie ihre Mutter – die Rolle der First Lady beziehungsweise First Daughter ein. Für das politische Leben in Washington gab es keine Sally Hemings. Sie blieb in Monticello und erledigte, was man heute Tradwife-Pflichten nennt.
Entgegen der herrschenden Geschichtsschreibung
Bei Erscheinen des Romans 1979 war Barbara Chase-Riboud eine namhafte schwarze Künstlerin. Schon als 15-Jährige hatte sie, 1955, einen Holzschnitt an das Museum of Modern Arts verkauft, zahlreiche Ausstellungen folgten. Nur geschrieben hatte sie noch nichts. Und das Thema Sally Hemings, das der weissen US-Geschichtsschreibung zuwiderlief, machte ihr Angst. Es war die nachmalige Nobelpreisträgerin Toni Morrison, die sie ermutigte: «Du redest jetzt seit Jahren von diesem Buch, schreib es endlich!»
Die Resonanz liess nichts zu wünschen übrig. CBS bereitete sogleich eine TV-Serie vor, nahm aber wieder Abstand. Offenbar hatten die «Thomas Jefferson Heritage Society» und die «Thomas Jefferson Foundation» ihren Einfluss geltend gemacht.
Aber die Geschichte der Sally Hemings war nun in der Welt, plausibler als je zuvor in den fast 200 Jahren seit James T. Callender. Die Instrumente der Wahrheitsfindung gewannen an Schärfe, und am Ende des 20. Jahrhunderts bescheinigten mehrere voneinander unabhängige DNA-Untersuchungen eine «high probability», dass Sally Hemings Kinder von keinem anderen Thomas Jefferson gezeugt wurden. Chase-Riboud kommentierte trocken: «Ich hab’s immer gewusst.»
Die Künstlerin in ihr wusste noch mehr. Es ist das Vorrecht des historischen Romans, die toten Winkel der faktenbasierten Geschichtsschreibung auszuleuchten. Und dabei landete die Autorin bei einem rührigen Plantagenbesitzer namens John Wayles. Er war der Vater von Martha Wayles, die Thomas Jeffersons früh verstorbene Ehefrau wurde.
John Wayles war auch ausserehelich aktiv, zumal unter seinen Sklavinnen. Allein mit einer Elizabeth Hemings zeugte er sechs Kinder, deren jüngstes Sally hiess. Martha Wayles und Sally Hemings waren tatsächlich Halbschwestern.
1788 in Paris, sechs Jahre nach dem Tod seiner Frau, begegnet Thomas Jefferson einem aufblühenden hellhäutigen jungen Mädchen, das seiner Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ist es ein Wunder, dass er sich in Sally verliebt?
Die schwarze Autorin Barbara Chase-Riboud hat mit «Sally Hemings» das Kunststück fertiggebracht, einen auf den ersten Blick gerichtsfesten Fall von Sex mit einer Abhängigen, von dreister White Supremacy gegenüber einer farbigen Sklavin in eine Liebesgeschichte zu verwandeln – eine Lovestory «against all odds», gegen die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen der Zeit und vor allem: ohne Beschönigung der für Schwarze erniedrigenden Verhältnisse.
*) «Die unbekannte Sally Hemings», Roman, Diogenes, 624 Seiten, CHF 37.00