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Iran

Die Paradoxie des Krieges: die totale Sackgasse

13. Juli 2026
Ali Sadrzadeh
Hormuz
Kaffeepause im iranischen Bandar Abbas an der Strasse von Hormuz, wo blockierte Schiffe vor Anker liegen (Bild vom 12. Juli 2026, Keystone/INSA via AP, Razieh Poudat)

Die Massen bei der Beisetzung des getöteten Revolutionsführers Ali Khamenei haben den radikalen Flügel in Iran gestärkt. Dieser bestimmt zurzeit den Kurs. Die Verhandler werden im eigenen Land beschimpft. Die Ultras wollen keinerlei Mässigung.

Das Meer der roten Fahnen war eine unübersehbare Botschaft. Das schiitische Symbol der Rache trugen Zehntausende bei der Trauerzeremonie für Ali Khameini eine Woche lang durch die iranischen und irakischen Strassen. Diese Bilder des Vergeltungswillens sollten Dutzende ausländische Journalisten, die extra eine kurzfristige Akkreditierung erhalten hatten, in alle Haushalte der Welt transportieren. Tausende «We kill Trump»-Plakate, die vorwiegend weinende Frauen in den Händen hielten, waren überdeutlich: Kein Frieden mit einem Mörder, der Krieg muss fortgesetzt werden.

Genau das ist die Stimme der Ultraradikalen, die nicht nur die Strasse, sondern und vor allem die Medien beherrschen. Ihre Redner treten allabendlich auf, ihre Kommentare sind in allen Kanälen.  

Vergebliche Hoffnung auf die «Gemässigten»

Für die islamische Republik ist das nichts Neues. Seitdem es diese «Republik» gibt, spricht man von den zwei Flügeln der Reformer und der Radikalen. In diesen 47 Jahren glaubten die Weltdiplomaten, mit Hilfe der «Gemässigten» die unendlichen Krisen in langen Verhandlungen eindämmen zu können, die dieses Regime rund um die Welt verursachte. Und so schritt man von einer Krise zur nächsten, so gewann man Atempausen, hoffte auf Normalität.  

Und im Iran gab es einen an der Spitze, der dieses Diplomatie-Spiel deshalb mitspielen konnte, weil er beide Flügel seiner «Republik» unter Kontrolle hatte. Wenn es sehr brenzlich wurde und er es für nötig hielt, erlaubte er – wie er sich ausdrückte – eine «heldenhafte Verrenkung» wie beim Ringen, dem traditionell beliebten persischen Sport. Seine Verhandler verhandelten und wenn sein radikaler Flügel sich zu schnell bewegte, hielt er eine Ansprache und besänftigte sie, das Spiel sei keineswegs zu Ende.

Ali Khamenei fehlt nun, nicht nur seinen Anhängern, sondern auch dem Weissen Haus in Washington, das unbedingt eine Einigung möchte. Und das ist die Paradoxie dieses Krieges. Khameneis Sohn Mojtaba bleibt weiterhin in Verborgenheit. Diese Abwesenheit nützt den Radikalen. In den schriftlichen Botschaften, die in seinem Namen verbreitet werden, ist ausschliesslich von Rache und Vergeltung die Rede. 

Ihn hat man auch in den «normalen» Zeiten nicht hören können. Von Mojtaba gibt es in der virtuellen Welt eine etwa dreissig Sekunden lange Rede. Und selbst bei diesen wenigen Sätzen merkt man, er ist kein Redner. Sein Vater war aber ein Wortakrobat, seine Macht verdankte er nicht zuletzt seiner kunstvollen Rhetorik. 

Der islamischen Republik fehlt ein fähiger Prediger mit der Autorität eines Rechtsgelehrten an ihrer Spitze. So jemand ist nicht in Sicht. Bis zur Neuordnung der politischen Landschaft in deren Innern wird es daher eine dauerhafte glaubwürdige Einigung mit dieser «Republik» nicht geben können. Und das kann noch eine Weile dauern. Jedenfalls solange die Radikalen genug Raketen und Drohen haben, mit denen sie die Schifffahrt in Hormuz behindern können. 

Erpressungspotenzial von Hormuz nutzen

«Hormuz ist besser als zehn Atombomben», sagte gestern Hossein Rezai, der erste Kommandant der Revolutionsgarden. Der 72-Jährige, der sich in der letzten Zeit nur in Feldmarschalluniform zeigt und für seine bombastischen Formulierungen bekannt ist, bezeichnet sich selbst als Militärberater des Führers. 

In seiner Aussage verbergen sich einige Wahrheiten, nicht zuletzt die des Atomprogramms, das die Erpressung der Welt ermöglicht. 

Hossein Shariatmadari, der einflussreiche Chefredakteur der Zeitung «Kayhan», deren Leitartikel die Positionen der Hardliner widerspiegeln, fragt die iranischen Verhandler: «Ist Ihnen nicht klar, dass die Wiederöffnung des Hormuz einer Entwaffnung des islamischen Iran gleichkommt?»

In den sozialen Netzwerken kursieren Bilder, die zeigen, wie die beiden Verhandler, Parlamentspräsident Ghalibaf und Aussenminister Araghchi, bei Trauerfeiern beschimpft und gejagt und als Verräter beschimpft werden. Die Zeiten, in denen die iranischen Verhandler vom Revolutionsführer rhetorisch in Schutz genommen wurden, wenn es nötig war, sind vorbei. 

Bezeichnend ist das Datum, wann die neue Runde der Eskalation begann. Am Freitag und Samstag war Araghchi in Oman, um eine gemeinsame Regelung für die Schifffahrt durch Hormuz zu verkünden. Das Sultanat liegt auf der südlichen Seite der Meeresenge und hat eine gute Beziehung mit Teheran, doch Oman tritt für einen freien Schiffverkehr ein. Kaum war Araghchi mit leeren Händen in Teheran gelandet, feuerte Iran Raketen auf mehrere Golfstaaten, darunter auch Oman. 

Die Kalkulation der Hardliner ist eindeutig und nachvollziehbar. Die Meerenge von Hormuz mit ihrem grossen Drohpotenzial darf man nicht anderen überlassen, die iranische Verfügungsmacht über sie muss verteidigt werden, koste es, was es wolle. 

Nur: Mit solcher Kompromisslosigkeit können die Radikalen die revolutionäre Atmosphäre der Trauerfeier beibehalten, bis sie volle Machtstabilität erreicht haben. Wann das der Fall sein wird, ist ungewiss. Zudem sind sich die Hardliner der Gefahren einer Waffenruhe bewusst. Sie ahnen, ja wissen, welche realen Probleme es in der Gesellschaft gibt, wie tief die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist, die bei der ersten nächsten Gelegenheit wieder aufbrechen könnte. Also: Vive la révolution!

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